Pharmazeutische Zeitung online
Krebsmedikamente

Forschung im Endstadium

10.08.2016  09:04 Uhr

Von Thomas Glöckner / Der Vorwurf wiegt schwer: Pharma­unternehmen forschen am liebsten an neuen Medikamenten gegen Krebs im Endstadium. Dann sind die klinischen Studien schneller fertig, und die Firmen profitieren lange vom Patentschutz. Die Branche wehrt sich gegen den Vorwurf der Abzocke.

Gesundheitsökonomin Heidi Williams wurde stutzig. Binnen fünf Jahren kamen in den USA acht neue Medikamente gegen Lungenkrebs auf den Markt. Alle bekämpften die am weitesten fortgeschrittene Form dieser Krebsart – wie etwa Genentechs Bevacizumab (Avastin®), das die Überlebenszeit der Patienten von 10,3 auf 12,3 Monate verlängern soll. Kein einziges Präparat aber erhielt die Zulassung, um Lungenkrebs vorzubeugen.

Williams machte sich mit ihren Kollegen Eric Budish und Benjamin Roin an die Arbeit. Akribisch analysierten die Wirtschaftswissenschaftler Daten aus rund 40 Jahren Krebsforschung. Ergebnis: Die meisten Forschungsprojekte initiieren Firmen für solche Medikamente, die für die Behandlung von Krebs im Spätstadium infrage kommen. Für Frühformen des Krebses existieren deutlich weniger Studien und Medikamente – und für Krebsprävention noch viel weniger.

 

Wirtschaftliches Interesse

 

Damit war der Verdacht in der Welt, dass die Pharmaindustrie aus wirtschaftlichem Interesse an einer der schlimmsten Heimsuchungen der Menschheit vorbeiforscht. Weltweit sterben jährlich rund 8,2 Millionen Menschen an Krebs. Allein für Deutschland rechnet das Robert-Koch-Institut 2016 mit rund 500 000 neuen Krebskranken. Etwa 224 000 Menschen sterben hierzulande pro Jahr an krankhaft wuchernden Körperzellen. Männer erwischt es meistens an Prostata, Lunge oder Darm. Frauen plagen am häufigsten Tumoren der Brustdrüse, des Darms und der Lunge.

 

Diese Erkrankungen reißen tiefe Löcher in die Budgets der Gesundheitssysteme. Laut Arzneiverordnungsreport (AVR) 2015 wurden 2014 allein in Deutschland 5,9 Millionen Mal Krebsmedikamente verordnet. Das entsprach zwar weniger als 1 Prozent aller verordneten Arzneimittel in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Allerdings bildeten Onkologika mit 4,7 Milliarden Euro die umsatzstärkste Indikationsgruppe des gesamten GKV-Arzneimittelmarkts. Ulrich Schwabe, AVR-Autor und emeritierter Professor am pharmakologischen Institut der Universität Heidelberg, bemängelt, dass allein die in der Tumor­therapie eingesetzten monoklonalen Antikörper in der GKV mit 1,6 Milliarden Euro zu Buche schlagen. Diese stehen laut Schwabe »in keinem plausiblen Verhältnis zu der geringen Zunahme des Gesamtüberlebens um wenige Monate«.

 

Offenbar sind die Erkenntnisse der US-Ökonomen, für die Williams den sogenannten Geniepreis der amerikanischen MacArthur-Stiftung in Höhe von 625 000 Dollar (umgerechnet rund 572 000 Euro) erhielt, nicht ganz aus der Luft gegriffen.

 

Für die US-Wirtschaftswissenschaftler ist das geltende Patentsystem Haupt­ursache für die Konzentration der Pharmaforscher auf die späten Krebsstadien. In den USA und Europa werden Patente für neue Medikamente für maximal 20 Jahre erteilt. Sobald der Patentantrag genehmigt wird, läuft die Uhr. Je länger die Tests laufen, umso kürzer fällt die Zeitspanne aus, in der Pharmaunternehmen neue Medikamente unter dem Patentschutz lukrativ vermarkten können. »Das Patentsystem bietet – vielleicht unbeabsichtigt – wenige Anreize für Unternehmen, sich bei langfristiger Forschung zu engagieren«, schlussfolgern die Autoren.

 

»Die Studie stellt korrekt fest, dass ein signifikanter Teil der 20-jährigen Pa­tentlaufzeit durch die langwierige Forschung, Entwicklung und Zulassung neuer Medikamente aufgebraucht wird«, räumt eine Sprecherin des umsatzstärksten deutschen Pharmakonzerns Bayer auf Anfrage ein. »Im Gegensatz zu anderen Branchen verbleiben uns damit nur wenige Jahre, um die Früchte unserer Arbeit zu ernten«, betont sie. In Europa können Hersteller ein Medikament rund zwölf Jahre lang exklusiv vermarkten.

 

Austherapierte Patienten

Allerdings haben die US-Ökonomen einige medizinische Fragen und für die Zulassung von Medikamenten relevante Aspekte offenbar nicht ausreichend in ihrer Analyse berücksichtigt. Arzneimittelbehörden und Ethik-Kommissionen »verlangen, dass neue Krebsmedikamente zunächst mit solchen Patienten erprobt werden, für die es keine aussichtsreichen etablierten Therapien mehr gibt«, sagt Siegfried Throm, Geschäftsführer für Forschung, Entwicklung und Innovation beim Verband der forschenden Pharmaunternehmen (vfa) auf Anfrage der PZ. Bei diesen austherapierten Patienten sei das Verhältnis zwischen dem möglichen Nutzen und einem Schaden durch eine Neuentwicklung besonders günstig: »Ihnen entgeht keine möglicherweise verträglichere oder wirksamere Therapie dadurch, dass sie das neue Mittel erproben«, so Throm. Wenn ein neues Krebsmittel als sogenannte Last-Line-Therapie erfolgreich ist, »darf es auch stufenweise mit Patienten in früheren Stadien geprüft und gegebenenfalls zugelassen werden«.

 

Nach Angaben der Bayer-Sprecherin werden in der medizinischen Praxis allerdings »viele Patienten erst in fortgeschrittenen Tumorstadien diagnostiziert, da die Frühstadien oftmals trügerisch symptomarm verlaufen und es nicht für alle Tumorarten Früherkennungsprogramme gibt«. Daher bestehe bei Patienten im Spätstadium der Erkrankung »der größte medizinische Bedarf«.

 

Der Schweizer Pharmakonzern Roche verweist beispielhaft auf die Entwicklung seines Medikaments Trastuzumab (Herceptin®). Das Präparat wurde in der EU im Jahr 2000 zunächst zur Behandlung von Patientinnen mit metastasierendem Brustkrebs zugelassen. 2006 erhielt es die Zulassung für frühere Therapiestadien. Auch der Antikörper Pertuzumab (Perjeta®) zur Behandlung von Brustkrebs wurde 2013 zunächst für die metastasierte Erkrankung zugelassen, bevor er 2015 die Zulassung für die Behandlung vor einer Operation bekam.

 

US-Pharmariese Pfizer nimmt die Kritik der US-Ökonomen ebenfalls nicht an. Er führt seinen Hoffnungsträger Palbociclib (Ibrance®) an. Dieses Zytostatikum wurde im Februar 2015 in den USA zur Behandlung einer bestimmten Form des metastasierten Brustkrebs zugelassen und spülte dem Konzern schon im ersten unvollständigen Verkaufsjahr 723 Millionen Dollar (umgerechnet rund 662 Millionen Euro) in die Kassen. Aktuell werde das Produkt »in klinischen Studien auch bei frühem Brustkrebs untersucht«, betont das Unternehmen.

 

Nicht im Fokus der US-Autoren standen offenbar auch etliche Medikamentenentwicklungen, die bei der Krebsprävention helfen können. So wehren Impfstoffe gegen humane Papillomaviren nicht nur Gebärmutterhalskrebs und weitere urogenitale Krebsarten ab. »Sie schützen möglicherweise auch vor einigen Kopf-Hals-Tumoren«, erklärt Throm. Da Hepatitis B und C zu Leberkrebs führen können, beugten auch Impfstoffe gegen Hepatitis B und Medikamente zur Heilung von Hepatitis C Krebs vor.

 

Mit ihrer Forderung, die Wirksamkeit von Krebsmedikamenten nicht nur an der Überlebensrate zu messen, sondern sie mithilfe entsprechender Marker früher sichtbar zu machen, rennen die Forscher offene Türen ein. »Zahlreiche Marker und Erfolgskriterien werden von je her bei der Entwicklung und klinischen Erprobung von Krebsmedikamenten genutzt und die Ergebnisse publiziert«, betont Throm. Allerdings finde »in gesundheitspolitischen Debatten eine Konzentration fast ausschließlich auf das Kriterium Überlebensrate oder mediane Überlebenszeit statt«.

 

Längere Patentlaufzeit

 

Beim Bayer-Konzern kann man sich gut vorstellen, dass »patentrechtliche oder andere Mechanismen wie der Unterlagenschutz zur Verlängerung der effektiven Schutzdauer weiterentwickelt würden«. Das würde beispielsweise bedeuten, dass für die arzneimittelrechtliche Zulassung bei den Behörden eingereichte Dokumente länger als bisher vertraulich bleiben. In Europa beträgt diese Schutzfrist regelmäßig zehn Jahre, in den USA für kleine Moleküle fünf Jahre.

 

Solche Überlegungen lassen allerdings bei Krankenkassen die Alarmglocken schrillen. »Vor dem Hintergrund der Kostendramatik ist es sicherlich nicht sinnvoll, in der Onkologie über eine Verlängerung der Patentlaufzeiten nachzudenken«, sagte eine Sprecherin der Techniker Krankenkasse auf Anfrage der PZ. »Bei den Preisen der neuen Medikamente wird die Industrie auch so sehr viel Geld mit den Präparaten verdienen.« /

Mehr von Avoxa