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Kinesiotapes

Mode oder Medizin?

06.08.2012
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Von Maria Pues / Rennt mal wieder eine »neue Sau durchs Dorf«? Oder was ist dran an den bunten Klebebändern, die man nicht erst seit der diesjährigen Fußball-Europameisterschaft auf Athletenkörpern bestaunen kann? Eine Übersichtsarbeit zeigt: Wissenschaftlich belegen lässt sich die Wirkung nicht.

Gegen Italien hat die deutsche Elf ein »blaues Wunder« erlebt. Es klebte in Form mehrerer blauer Streifen im und oberhalb des Lendenwirbelbereichs des zweimaligen Torschützen Mario Balotelli. Der kickte Deutschland aus dem Turnier. Auch während der Olympischen Spiele in London sieht man sie: auf Knien, Knöcheln, Schultern, Ellenbögen beispielsweise. Geklebt wird nicht erst in diesem Jahr: Zur EM 1996 sah man Pflaster auf allerlei Nasen. Breathe Right®, ursprünglich gegen Schnarchen entwickelt, sollte die Sauerstoffversorgung der Fußballer steigern. In Apotheken hießen sie bald »EM-Pflaster«. Danach hat man nicht mehr viel von ihnen gehört. Was ist nun dran an den bunten Kinesiotapes?

Früher waren sie beige

 

Die ursprünglich gar nicht bunten, sondern uni-hautfarbenen Klebestreifen hat ihr Erfinder, der japanische Arzt und Chiropraktiker Dr. Kenzo Kase, bereits Anfang der 1970er-Jahre entwickelt. Unabhängig von der Farbe sind sie aus reiner Baumwolle und werden mittels eines Polyacrylklebers, der durch die Körperwärme aktiviert wird, auf der Haut gehalten. Das im Gegensatz zu medizinischen Tapeverbänden, die zur Gelenkstabilisierung verwendet werden, elastische Material der Kinesiotapes lässt sich um bis zu 140 Prozent dehnen. Es ist wasserfest, lässt aber Schweiß, Wasser und Luft passieren.

 

Über den Einfluss der Farben findet man auch bei Anwendern wenig Übereinstimmung: Während die einen die bunten Abwandlungen (vor allem die schwarze) eher als der Mode geschuldet betrachten, führen andere bestimmte Wirkungen auf die Farbgebung zurück, die ihren Ursprung in der kinesiologischen Farbenlehre haben soll. Allerdings wird auch hierzulande ganz ohne kinesiologischen Background die Farbe Rot als eher anregend und die Farbe Blau als eher beruhigend empfunden. Neben den geläufigeren Kinesiotapes findet man ähnlich oder synonym verwendet auch das Kinematic-Taping, Chiro- Taping, Pino-Taping, Medi-Taping, K- Taping oder Aku-Taping.

 

Unterschiedliche Wirkungen versprechen sich verschiedene Therapeuten durch diverse Klebetechniken. Bei der Muskel-Technik wird vom Muskel­ursprung zum Muskelansatz hin geklebt oder umgekehrt. Dies soll die Muskelfunktion beruhigen oder anregen. Die Space-Technik soll der Entlastung der Bänder dienen, die Lymph-Technik die Haut anheben und so den Lymphfluss verbessern. Die Korrektur-Technik soll zum Beispiel die Lage der Kniescheibe normalisieren, die Fascien-Technik für eine verbesserte Durchblutung in diesem Bereich sorgen.

 

Die Tapes werden auf die gedehnte Haut aufgeklebt. Dies macht es schwierig, sie in Eigenregie zu applizieren. Anwenderfreundlich ist hingegen die Dauer, die ein Kinesiotape auf der Haut verbleibt – nämlich ohne Verbandswechsel bis zu zwei Wochen. Gemeinsam ist den Klebetechniken außerdem, dass die Tapes üblicherweise mit abgerundeten Ecken aufklebt werden. Dies soll verhindern, dass sie zum Beispiel durch reibende Kleidung an den Ecken angehoben und nach und nach abgelöst werden.

 

Wirksamkeitsnachweis fehlt

 

Die entscheidende Frage ist aber: Wirkt es, oder wirkt es nicht? Anwendungsbeobachtungen und Einzelfallberichte einerseits und klinische Studien andererseits kommen hier zu teilweise sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Eine sytematische Übersicht, die im Februar in der Zeitschrift »Sports Medicine« erschien (Volume 42, Issue 2, Seiten 153-164), fasste den derzeitigen Kenntnissstand zusammen.

 

Während im Einzelfall durchaus Erfolge berichtet wurden, steht ein wissenschaftlicher Beleg derzeit noch aus. Die Studien wurden meist mit gesunden und nur selten (zwei Untersuchungen) mit verletzten meist Freizeitsportlern durchgeführt, nur eine mit verletzten Athleten. Einen relevanten schmerzlindernden Effekt konnten die Studien nicht feststellen. Auch die postulierte Wirkung, über Proprio­rezeptoren der Knöchel eine Stabilisierung hervorzurufen, ließ sich nicht bestätigen, wohl aber eine Stärkung der Griffkraft durch die Anwendung von Kinesiotapes. Auch eine Beeinflussung der Muskelaktivität ließ sich beobachten. Allerdings konnten die Wissenschaftler nicht einordnen, ob diese mit einer günstigen oder eher schädlichen Wirkung verbunden war. In einigen Studien konnten die Forscher immerhin ein kleines Plus an Kraft und Beweglichkeit verzeichnen.  / 

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