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Sinnvolle Arbeitshilfe

08.05.2012
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Sinnvolle Arbeitshilfe

Die Einnahme bestimmter Arzneistoffe ist gerade für Senioren mit einem größeren Risiko verbunden, zum Beispiel Blutungen zu erleiden oder zu stürzen. International gab es schon seit Längerem Listen von potenziell ungeeigneten Substanzen für ältere Patienten. Sie waren aber nicht eins zu eins auf Deutschland übertragbar, unter anderem weil manche Wirkstoffe hierzulande gar nicht vermarktet werden. Es ist daher sehr erfreulich, dass Wissenschaftler nun auch für Deutschland eine Liste von mehr als 80 potenziell inadäquaten Wirkstoffen erstellt und veröffentlicht haben (siehe dazu Priscus-Liste: Schädliche Arzneistoffe im Alter).

 

Zwar ist eine Liste auch nur eine Liste, die weder einen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt noch Fragen zur individuellen Nutzen-Risiko-Abschätzung beantwortet. Sie kann also unser notwendiges pharmazeutisches Wissen und Mitdenken nicht ersetzen. Apotheker (und Ärzte) sollten die sogenannte Priscus-Liste aber auf alle Fälle kennen, um sie ganz bewusst als unterstützendes Instrument einsetzen zu können.

 

Doxylamin, Diphenhydramin oder Dimetinden: Neben vielen verschreibungspflichtigen Wirkstoffen sind auch einige apothekenpflichtige Substanzen und Alternativen dazu genannt, sodass die Liste durchaus auch für bestimmte Fragen der Selbstmedikation zu­rate gezogen werden kann und sollte. Sie kann helfen, problembewusst pharmazeutisch zu beraten und würde sicherlich die Apothekensoftware beziehungsweise die Verordnungssoftware der Ärzte sinnvoll ergänzen.

 

Wichtig ist, dass diese Liste nicht zur Verunsicherung der Patienten führt. Aber genau das kann passieren, wenn sie in falsche Hände gerät oder TV-Magazine verallgemeinert darüber berichten. Nach der »Report Mainz«-Ausstrahlung am Montag zum Beispiel dürften viele ältere Clonidin-Patienten der Einnahme des Blutdrucksenkers zumindest sehr kritisch gegenüberstehen oder das Präparat fortan weglassen. Der Compliance hat man damit einen Bärendienst erwiesen. Denn bei einzelnen Patienten kann durchaus die Gabe eines Arzneimittels aus dem Priscus-Katalog sinnvoll sein, etwa bei Unverträglichkeit der alternativ vorgeschlagenen Wirkstoffe oder bei möglichen Interaktionen mit dem alternativ empfohlenen Präparat. Hier ist pharmazeutischer und medizinischer Sachverstand gefragt.

 

Eine unserer Aufgaben ist es, die Anfragen verunsicherter Patienten von Fall zu Fall zu klären und nicht nach Schema F vorzugehen. Zudem ist es an uns, Risikopotenziale in der Arzneimittelversorgung älterer und multimorbider Patienten regelmäßig zu analysieren und gegebenenfalls Empfehlungen für eine Modifikation der Medikation zu erarbeiten. Im Mittelpunkt der Weiterbildung Geriatrische Pharmazie stehen Erkenntnisse und Methoden, die den Apotheker befähigen, ein umfassendes Medikationsmanagement in der Versorgung geriatrischer Patienten aufzunehmen. Einige Kammern bieten diese Weiterbildung bereits an, hoffentlich werden andere diesem erfreulichen Trend bald folgen.

 

Sven Siebenand

Stellvertretender Chefredakteur

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