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Multiple Sklerose

Ein fast normales Leben

06.08.2007
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Multiple Sklerose

Ein fast normales Leben

Von Claudia Borchard-Tuch, Bühl

 

Wenn man die richtigen therapeutischen Maßnahmen wählt, können MS-Patienten ein nahezu normales Leben führen. Der Immunmodulator Glatirameracetat leistet einen wichtigen Beitrag dazu. Der Wirkstoff zeichnet sich langfristig sowohl durch hohe Wirksamkeit als auch durch gute Verträglichkeit aus.

 

Die Multiple Sklerose (MS), eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen, wurde vor mehr als hundert Jahren erstmals beschrieben. Sie beginnt im jungen Erwachsenenalter und begleitet den Erkrankten ein ganzes Leben lang. In südlichen Ländern kommt sie sehr viel seltener vor als in nördlichen, am Äquator findet man sie fast gar nicht. In Deutschland leiden etwa 122.000 Menschen an MS. Frauen erkranken deutlich häufiger als Männer. Das Verhältnis beträgt 3:2. Genetische Faktoren spielen eine Rolle: Verwandte ersten Grades haben ein zwanzigfach höheres Risiko, an MS zu erkranken als die Normalbevölkerung.

 

Kann man als MS-Erkrankter ein normales Leben führen? »Ja«, versicherte Christina Alba Ansorge-Kroidl bei einem Fachpressegespräch von Sanofi-Aventis und Teva Pharmaceutical Industries im Juli. Das aktive Leben der beliebten Opernsängerin ist ein Beweis hierfür: Obwohl sie seit Jahren unter MS leidet, singt sie regelmäßig auf Konzerten und hat zahlreiche CDs produziert. Gleichzeitig ist sie als Mutter dreier Kinder stark gefordert. »Wichtig ist, dass die Erkrankung frühzeitig erkannt und schnell therapiert wird«, erklärte Ansorge-Kroidl.

 

Inzwischen hat ein besseres Verständnis der komplexen Abläufe, die sich bei MS abspielen, das therapeutische Vorgehen nachhaltig beeinflusst. Neben einer entzündungshemmenden Therapie zu Beginn der Erkrankung müssen regenerative und neuroprotektive Mechanismen ausgelöst oder gestärkt werden. Während eines akuten Schubs wird seit vielen Jahren entzündungshemmendes Cortison eingesetzt. Wirksamer in den Verlauf der Krankheit greifen Immunmodulatoren ein wie der in Deutschland seit einigen Jahren eingesetzte Wirkstoff Glatirameracetat (Copaxone®).

 

Auch Nervenfasern gehen zugrunde

 

Die Multiple Sklerose gilt als entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, bei der zumeist schubweise vor allem die Myelinscheiden der markhaltigen Nervenfasern zerstört werden. »Diese Sicht ist aber aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse ergänzungsbedürftig«, erklärte Privatdozent Dr. Volker Limmroth vom Klinikum Köln-Merheim. So weiß man heute, dass außer den Myelinscheiden in erheblichem Ausmaß auch die Nervenfasern selbst zugrunde gehen: ein Verlust, der irreversibel ist und auch schon in sehr frühen Krankheitsstadien und in scheinbar ruhigen Perioden zwischen den MS-Schüben nachweisbar ist. Nur zu Beginn können diese Schäden vom Gehirn noch kompensiert werden. Irgendwann wird der Punkt erreicht, an dem das nicht mehr möglich ist und die Erkrankung mit klinisch zunehmenden neurologischen Ausfällen fortschreitet. Daher ist eine frühzeitige Therapie von grundlegender Bedeutung.

 

»Ursache der Zerstörung ist eine autoimmunologisch bedingte Aktivierung von T-Lymphozyten«, sagte Limmroth. Wahrscheinlich sei es bereits im frühen Kindesalter zur Immunisierung gegen einen bestimmten DNA-Abschnitt gekommen. Diese DNA-Sequenz stimmt offenbar mit Abschnitten von Proteinen überein, welche im Myelin oder in dendritischen Nervenzellen vorkommen. Das oder die spezifischen Antigene, die später den Entzündungsprozess auslösen, sind bisher jedoch noch unklar.

 

Im späteren Leben kommt es zur Aktivierung von T-Lymphozyten, die die Blut-Hirn-Schranke überwinden können. Die T-Zellen besitzen an ihrer Oberfläche Rezeptoren, die Antigene an Zelloberflächen in Verbindung mit MHC- (major histocompatability complex-)Molekülen erkennen und binden können. Trifft ein T-Lymphozyt auf eine Antigen-präsentierende Zelle, so kommt es zur Freisetzung entzündungsfördernder Zytokine (IFN-&#947, IL2 oder TNF-&#945) und zu teilweise heftigen Entzündungsreaktionen. Hierbei spielen Lymphozyten des Typs Th1 eine wichtige Rolle.

 

Neben zerstörerischen Prozessen treten jedoch auch regenerative Vorgänge auf, die den Wiederaufbau defekter Markscheiden fördern. Außer den klassischen entzündungshemmenden Zytokinen wie Interleukin 4 oder 10 spielen hierbei offensichtlich auch Wachstumsfaktoren wie BDNF (Brain-derived Neurotrophic Factor) sowie Th2-Lymphozyten eine wichtige Rolle. Während entzündliche Reaktionen zu Beginn der Erkrankung klinisch entscheidend für die ersten Schübe sind, gewinnen im weiteren Verlauf der Erkrankung neurodegenerative Prozesse, die T-Zell-unabhängig sind, eine immer höhere Bedeutung.

 

Neue Fatigue-Skala aus Würzburg

 

Die starke Erschöpfbarkeit, die sogenannte Fatigue, macht vielen MS-Patienten das Leben schwer. »Der Verbesserung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität bei der MS-Therapie wird eine immer größere Bedeutung beigemessen«, betonte Privatdozent Dr. Peter Flachenecker vom Neurologischen Rehabilitationszentrum Quellenhof, Bad Wildbad. Die Lebensqualität von MS-Patienten wird neben der körperlichen Behinderung vor allem durch Fatigue und Depression beeinträchtigt. Ein neu entwickelter Fragebogen, das »Würzburger Erschöpfungs-Inventar bei Multipler Sklerose« (WEIMuS-Skala) zielt darauf ab, die Fatigue zu quantifizieren und körperliche und kognitive Komponenten separat darzustellen.

 

Die Skala, die an 580 MS-Patienten und 160 gesunden Kontrollen validiert wurde, soll helfen, Ursachen und Therapiemöglichkeiten der MS besser zu erforschen. Sie besteht aus 17 Fragen mit einer Bewertung von 0 bis 4. Die Skala zeigt eine hohe Zuverlässigkeit, ist gut reproduzierbar und mit weniger Fragen ökonomischer auszuwerten als bisherige Fragebögen.

 

Cortison-Stoßtherapie

 

»Seit den 1990er-Jahren wurden verschiedene Therapiemaßnahmen für Patienten mit aktivem Krankheitsverlauf einer schubförmigen MS zugelassen«, informierte Privatdozent Dr. Michael Haupts vom Zentrum für Medizinische Rehabilitation in Bielefeld. Wirksamkeit und Sicherheit der meisten Medikamente gegen MS sind in Studien mit Laufzeiten von zwei bis drei Jahren dokumentiert. Während eines akuten Schubs werden hoch dosiert Glucocorticoide über drei bis fünf Tage gegeben (»Cortison-Stoßtherapie«).

 

In zahlreichen Studien wurden die immunmodulatorischen Therapien in Bezug auf die Reduktion von Schubraten, Entzündungsherden im ZNS und Wirkeintritt verglichen. Bei der schubförmig-remittierenden Form der MS sind Glatirameracetat und drei in Deutschland zugelassene Interferon-&#946-Präparate Mittel der ersten Wahl.

 

Da es sich bei der MS-Behandlung um eine Langzeittherapie handelt, sind Langzeitdaten von großer Bedeutung. Der Immunmodulator Glatirameracetat verfügt mit einer zweijährigen randomisierten Zulassungsstudie, die seit zehn Jahren als prospektive Beobachtungsstudie fortgesetzt wird und in der die mittlere Behandlungsdauer der Patienten derzeit bei acht Jahren liegt, über solche Daten. Glatirameracetat besteht aus einem polymerisierten Gemisch der vier wichtigsten Aminosäuren des basischen Myelinproteins im selben Verhältnis wie beim Myelin. Es reduziert die Schubfrequenz und zeigt eine lang anhaltende Wirksamkeit. So ging die mittlere Schubfrequenz der Patienten von anfänglich 1,2 Schüben pro Jahr auf weniger als 0,2 Schübe im zwölften Therapiejahr zurück. Im Vergleich zu den Interferonen reduzierte Glatirameracetat am stärksten die Schubfrequenz.

 

Als Wirkungsmechanismus wird vermutet, dass Glatirameracetat die Zahl von T-Suppressorzellen, die die Entzündung im ZNS unterdrücken können, erhöht. Glatirameracetat ist indiziert zur Verminderung der Schubhäufigkeit bei Patienten, die ohne Hilfe gehfähig sind und bei denen mindestens zwei Schübe mit neurologischen Funktionsstörungen während der letzten beiden Jahre auftraten. In einer Dosierung von 20 mg/ml wird Copaxone einmal täglich subcutan gespritzt.

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