Pharmazeutische Zeitung online
Raucherentwöhnung

Der richtige Einstieg für Aussteiger

03.08.2007
Datenschutz bei der PZ

Raucherentwöhnung

Der richtige Einstieg für Aussteiger

Von Bettina Sauer

 

Viele Raucher probieren mehrfach vergeblich, von der Zigarette loszukommen, bevor sie Hilfe suchen. Mit den richtigen Empfehlungen kann der Apotheker sie beim nächsten Anlauf unterstützen.

 

»Mit dem Rauchen aufhören? Nichts einfacher als das«, soll Mark Twain, der geistige Vater von Tom Sawyer und Huckleberry Finn, gesagt haben. »Ich habe das schon hundert Mal geschafft.« Seine Erfahrung teilen viele Menschen. Denn Nikotin macht stark süchtig. Es verursacht körperliche Effekte, die Raucher als angenehm empfinden, wie etwa eine erhöhte Konzentration, bessere Laune bis hin zum Hochgefühl, Entspannung, weniger Hunger und Appetit. Diese Wirkungen werden entweder direkt über nikotinerge Acetylcholinrezeptoren vermittelt oder durch die nachgeschaltete Ausschüttung von Noradrenalin, Serotonin, Dopamin und anderen Botenstoffen.

 

Leben von Kippe zu Kippe

 

Starke Raucher verspüren oft schon etwa 20 Minuten, nachdem sie die Zigarette ausgedrückt haben, einen unstillbaren Drang nach der nächsten. Vielen bereitet der Entzug außerdem Symptome wie Reizbarkeit, Depressionen, Angstzustände, Konzentrationsschwierigkeiten, Gewichtszunahme, Herzklopfen. Diese können tage- oder gar monatelang anhalten und manchen Entwöhnungsversuch zum Scheitern bringen. Zudem ist das Rauchen oft eng verknüpft mit angenehmen Momenten wie etwa einer Tasse Kaffee, einer Pause oder einem geselligen Abend. Oder aber es dient dem Stressabbau und der Konfliktbewältigung.

 

»In all diesen Schlüsselsituationen erfordert es enorm viel Willenskraft, nicht zur Zigarette zu greifen«, sagt der Berliner Lungenarzt Dr. Thomas Hering, der sich mit anderen Medizinern und Psychologen im Wissenschaftlichen Aktionskreis Tabakentwöhnung (WAT) mit Sitz in Frankfurt engagiert.

 

Nikotin zuführen, Schadstoffe meiden

 

»Auch die Menschen, die ratsuchend in die Apotheke kommen, haben meist schon mehrere gescheiterte Versuche hinter sich, mit dem Rauchen aufzuhören«, sagt der Psychiatrie-Professor Dr. Anil Batra gegenüber der PZ. Er ist Vorsitzender des WAT und Leiter des Arbeitskreises Raucherentwöhnung am Universitätsklinikum Tübingen.

 

Die meisten möchten deshalb rezeptfreien Nikotinersatz kaufen, um die Entzugssymptome zu lindern und auf diese Weise das Rauchverlangen zu reduzieren. Zwar führen die Präparate dem Körper Nikotin zu, ersparen ihm aber die Belastung durch die über 4000 teils giftigen oder krebserregenden Zusatzstoffe aus dem Zigarettenqualm. 2004 werteten Wissenschaftler der Cochrane Collaboration 123 Studien zur Nikotinersatztherapie systematisch aus. Der Cochrane-Analyse zufolge helfen alle kommerziell erhältlichen Präparate beim Ausstieg. Durchschnittlich 17 Prozent der Anwender kamen sechs bis zwölf Monate nach dem Rauchstopp ohne Zigaretten zurecht. Ohne Nikotinersatz waren es etwa 10 Prozent.

 

Die Wahl eines Präparats richtet sich nach dem Rauchverhalten. Pflaster setzen das Nikotin langsam und kontinuierlich ins Blut frei und eignen sich für starke Raucher, die normalerweise in regelmäßigen Abständen zur Zigarette greifen. Je nach Tabakkonsum sind sie verschieden hoch dosiert und täglich zu wechseln. Kaugummis, Lutsch- und Sublingualtabletten bauen dagegen innerhalb von etwa 30 Minuten einen ausreichend hohen Nikotinspiegel im Blut auf. Deshalb kommen sie in erster Linie zum Einsatz, um den spontanen Schmacht nach einer Zigarette zu stillen. Sämtliche Präparate werden in der Regel über einen Zeitraum von etwa zwölf Wochen eingesetzt und allmählich ausgeschlichen.

 

»Viele Menschen führen die Nikotinersatztherapie nach dem Kauf ohne jegliche fachliche Begleitung durch«, sagt Hering. »Manche reduzieren dann aus Kostengründen die Dosis eigenmächtig so stark, dass die Präparate nicht mehr richtig wirken. Andere setzen sie nicht ab, wenn sie rückfällig werden, und riskieren möglicherweise Herz-Kreislauf-Probleme.« Vorbeugen lasse sich diesen Gefahren durch eine gründliche Beratung in der Apotheke. Sie bildet auch die Grundlage, um dem Raucher ein geeignetes Präparat zu empfehlen.

 

Zudem empfiehlt der WAT allen Heilberuflern, Raucher nach Möglichkeit allgemein zu beraten. »Eine erfolgreiche Entwöhnung stützt sich so gut wie nie allein auf eine Einzelmaßnahme wie den Nikotinersatz, sondern vielmehr auf verschiedener Kunstgriffe«, sagt Hering. »So lassen sich etwa medikamentöse Hilfen, motivierende Gespräche und Verhaltenstherapien kombinieren.« Als roter Faden solcher Kurzberatungen dient eine im Jahr 2000 veröffentlichte Leitlinie zur Raucherentwöhnung des amerikanischen Public Health Service. Sie stützt sich auf »fünf As«:

 

Ask, Advice, Assess, Assist, Arrange

 

Ask: Abfragen der Rauchgewohnheiten. Möglicherweise kann der Apothekenkunde protokollieren, wie viele Zigaretten er am Tag raucht und vor allem, bei welchen Gelegenheiten. So lassen sich verhaltenstherapeutische Tricks ableiten, um mit diesen gefährlichen Situationen, wie Café- oder Kneipenbesuchen, umgehen zu können.

 

Advice: Den Rauchstopp empfehlen. Dabei nachdrücklich und personenbezogen auf die Risiken des Rauchens hinweisen und die Chancen eines Verzichts herausstellen. So sinken der Amerikanischen Krebsgesellschaft zufolge bereits 20 Minuten nach der letzten Zigarette Herzschlag und Blutdruck. Innerhalb der nächsten neun Monate verbessern sich Lungenfunktion und Durchblutung. In zehn Jahren halbiert sich die Wahrscheinlichkeit, an Lungenkrebs zu erkranken. Innerhalb von 15 Jahren sinkt das Herzinfarkts- und Schlaganfallrisiko auf das von Nichtrauchern.

 

Assess: Die Aufhörmotivation genau überprüfen. Am besten noch einmal alle Gründe aufschreiben lassen, die für und gegen den Rauchverzicht sprechen. »Wer den Ausstieg schaffen will, braucht eine 100-prozentige Motivation«, sagt Batra. »Im Zweifelsfall lohnt es sich, noch einmal richtig zu ermutigen.«

 

Assist: Den Aufhörwilligen die passenden Hilfen anbieten. Neben der Beratung zum Nikotinersatz zählt dazu auch das gemeinsame Festlegen des Ausstiegstages. Viele sollten sich vorher mithilfe von Ratgebern noch genauer informieren. Manchen hilft zusätzlich der Tipp, sich von dem gesparten Geld regelmäßig Belohnungsgeschenke zu gönnen oder sich Unterstützung bei Familienangehörigen und Freunden zu holen. Wer befürchtet, infolge des Rauchstopps zuzunehmen, lässt sich möglicherweise durch eine Ernährungsberatung und die Empfehlung, Sport zu treiben, beruhigen.

 

Arrange: Die Nachbetreuung organisieren. Möglicherweise anbieten, regelmäßig in der Apotheke vorbeizukommen und über die Erfolge und Fehlschläge beim Rauchverzicht zu berichten.

 

Fortbildung zur Raucherentwöhnung

 

Auf diese komplexe Beratungssituation möchte die Landesapothekerkammer Bayern die Apotheker vorbereiten. Im Herbst startet zum ersten Mal eine zweitägige Fortbildung. Schwerpunkte liegen auf den Grundlagen der Tabakabhängigkeit und -entwöhnung sowie Regeln der motivierenden Gesprächsführung und Verhaltenstherapie. »Wir möchten Apothekern das Wissen vermitteln, um eine gründliche Erstberatung von Rauchern durchführen zu können«, sagt Dr. Oleg Kusmakow, der für die Fortbildungen der Bayerischen Landesapothekerkammer zuständig ist. »Außerdem wollen wir sie befähigen, die werdenden Nichtraucher in regelmäßigen Treffen durch die Entwöhnungsphase zu begleiten.« Bislang ist dieses besondere Angebot zur pharmazeutischen Betreuung in Deutschland einzigartig.

 

Ärzte können sich schon länger entsprechend fortbilden, unter anderem beim WAT und dem Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. »Sie lernen, verschiedene Maßnahmen individuell zu kombinieren und im Falle eines Misserfolges zu steigern«, sagt Batra.

 

Rezeptpflichtige Alternativen

 

So können sie neben dem Nikotinersatz über mehrere Wochen verschreibungspflichtige Wirkstoffe zur Raucherentwöhnung einsetzen. Einer davon, Bupropion, hemmt die Wiederaufnahme von Noradrenalin und Dopamin aus dem synaptischen Spalt der Nervenzellen. Dadurch bleiben die Neurotransmitter ähnlich konzentriert wie beim regelmäßigen Nikotinkonsum. Im Belohungszentrum des Gehirns drosseln die erhöhten Dopaminspiegel zudem das Verlangen nach dem ausbleibenden Suchtmittel.

 

Seit März ist darüber hinaus der partielle Rezeptoragonist Vareniclin zugelassen. Er bindet an Nikotinrezeptoren und lindert auf diese Weise Entzugssymptome. Zudem verdrängt es den eigentlichen Botenstoff und untergräbt damit bei rückfälligen Anwendern die befriedigende Wirkung einer Zigarette. In zwei großen Zulassungsstudien waren nach einem Jahr etwa 22 Prozent der mit Vareniclin behandelten Raucher immer noch abstinent. Die Entwöhnungsrate lag höher als die von Bupropion (etwa 15 Prozent) und Placebo (etwa 9 Prozent). Die Cochrane Collaboration beurteilt Vareniclin wie auch Bupropion positiv. »Hypnose, Akupunktur und andere Methoden haben dagegen in systematischen Auswertungen noch keinen Erfolg bewiesen«, sagt Hering. »Gerade auf die vielen obskuren Raucherentwöhnungsangebote im Internet sollte man nicht hereinfallen.«

 

Seriöse Hilfsangebote

 

Bundesweit seriöse Hilfe bieten die Raucher-Hotlines der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung unter (0 18 05) 31 31 31 oder des Deutschen Krebsforschungszentrums unter (0 62 21) 42 42 00. Stark rückfallgefährdete Raucher werden individuell beraten und an geeignete Entwöhnungsprogramme, Selbsthilfegruppen oder Suchttherapeuten vermittelt.

 

»Das Netz der Helfer ist immer noch nicht dicht genug«, sagt Hering. »Schließlich ist das Rauchen um jeden Preis zu vermeiden.« Denn es schädige so gut wie alle Organe des Körpers, verursache eine Vielzahl schwerer Krebs-, Herz-Kreislauf- und anderer Erkrankungen und koste in Deutschland jährlich über 100.000 Menschenleben. »Lungenfachärzte wie ich behandeln etwa zwei Drittel dieser späteren Tabaktoten«, sagt Hering. »Wenn man den Beruf lange genug ausübt, dann will man einfach etwas gegen das Rauchen unternehmen.«

Mehr von Avoxa