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Rimonabant

Bei Depression kontraindiziert

07.08.2007
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Rimonabant

Bei Depression kontraindiziert

Von Brigitte M. Gensthaler, München

 

Der Kreis der Adipösen, die Rimonabant zusätzlich zu Diät und Bewegungstherapie einnehmen dürfen, wird kleiner. Nach der neuesten Zulassungsänderung ist der Arzneistoff bei Menschen mit Depressionen kontraindiziert.

 

Seit den RIO-Zulassungsstudien ist es bekannt: Unter einer Rimonabant-Therapie litten die Patienten häufiger unter depressiven Symptomen als unter Placebo. Darauf hatte die europäische Arzneimittelagentur EMEA bereits bei der Marktzulassung im Juni 2006 hingewiesen. Jetzt verschärfte sie die Kriterien für die Verordnung des Arzneimittels Acomplia®. Die deutsche Fachinformation wurde Ende Juli geändert. Danach ist das Medikament kontraindiziert bei Patienten mit bestehender schwerer Depression sowie während einer antidepressiven Therapie. Tritt während der Abnehmbehandlung eine Depression oder eine andere psychiatrische Krankheit auf, müssen die Tabletten abgesetzt werden.

 

In den USA ist der Arzneistoff kürzlich an der Zulassungshürde gescheitert. Zwar hatten die Experten der FDA keine Zweifel an der Wirksamkeit, sprachen sich aber aufgrund von Sicherheitsbedenken einmütig gegen eine Zulassung aus. Daraufhin zog Sanofi-Aventis den Zulassungsantrag Ende Juni zurück, berichtete Dr. Milan Novakovic von Sanofi-Aventis bei einer Pressekonferenz in München. Das klare Votum schreckte auch die EMEA auf. Ihr Committee for Medicinal Products for Human Use (CHMP) befasste sich im Juli erneut mit den psychiatrischen Nebenwirkungen des Cannabinoid-Typ1-(CB1-)Rezeptorblockers. Dabei stützte sich die Behörde auf Sicherheitsdaten, die Sanofi-Aventis seit der Markteinführung erhoben hatte, sowie auf fünf neue Studien mit 781 Patienten.

Wie wirkt Rimonabant?

Rimonabant ist der erste Vertreter der Cannabinoid-(CB)-Rezeptor-Antagonisten. Bisher wurden zwei CB-Rezeptortypen identifiziert. Der CB1-Rezeptor ist hauptsächlich auf Neuronen, vor allem im Kleinhirn, Hirnstamm und Hippocampus, sowie auf inneren Organen lokalisiert. Der CB2-Rezeptor ist vorwiegend auf Zellen des Immunsystems zu finden, die aber auch CB1-Rezeptoren tragen. Ebenso exprimieren antigenpräsentierende dendritische Zellen und Oligodendrozyten die beiden Rezeptoren, deren Funktion hier noch unbekannt ist. Rimonabant soll als selektiver Antagonist an CB1-Rezeptoren ein verstärktes Hungergefühl dämpfen (zentrale Wirkung) sowie in der Peripherie den Kohlenhydrat- und Fettstoffwechsel verbessern.

Die EMEA hält zwar an der positiven Nutzen-Risiko-Bewertung von Rimonabant fest, jedoch nicht für depressive Patienten und Menschen, die Antidepressiva einnehmen. Die Experten stellten fest, dass sich das Risiko, eine Depression zu entwickeln, unter Rimonabant etwa verdoppelt. Vereinzelt könnten sogar Suizidgedanken auftreten. Wer hier vorbelastet ist, könnte besonders anfällig für psychiatrische Nebenwirkungen sein. Dies reichte der Behörde für die Zulassungsbeschränkung.

 

Nicht zusammen mit Johanniskraut

 

Künftig haben die Ärzte eine Reihe von Warnhinweisen und Vorsichtsmaßnahmen zu beachten, wenn sie die Abmagerungshilfe verordnen. Bei Patienten mit depressiven Störungen in der Anamnese oder betroffenen Angehörigen mit anderen psychiatrischen Erkrankungen oder Krampfleiden müssen sie das individuelle Risiko abwägen und die Patienten gut aufklären. Der Münchner Psychiatrieprofessor Dr. Hans-Jürgen Möller plädierte dafür, das tatsächliche Risiko des CB1-Blockers in weiteren Studien abzuklären. Bis dahin seien Menschen, die ein Risiko für psychiatrische Probleme haben, von der Verordnung auszuschließen.

 

Die Kontraindikation erfasst auch Patienten, die Antidepressiva einnehmen. In der Praxis kann dies Fragen aufwerfen, denn die Wirkstoffe werden nicht nur bei Depression, sondern auch bei Panik-, Zwang- und Angsterkrankungen, sozialer Phobie oder in der Schmerztherapie eingesetzt. Möller mahnte dennoch zur Vorsicht: Schmerzen können körperlicher Ausdruck einer Depression sein. Die Apotheker müssen beachten, dass die Kontraindikation auch bei der Einnahme von Johanniskrautextrakten gilt, die zur Behandlung von leichten bis mittelschweren Depressionen zugelassen sind.

 

Dem nicht unerheblichen Risiko steht ein eher begrenzter Effekt gegenüber. Zwar verlieren die Adipösen mit Diät, Bewegung und Rimonabant mehr Gewicht als ohne die chemische Hilfe, doch der Nutzen hält nur während der Therapie an. Setzen sie die Tabletten ab, ohne ihren Lebensstil zu ändern, legen sie wieder an Gewicht zu. 5 bis 10 Prozent der Behandelten nehmen gar nicht ab. Erstaunlicherweise gibt es kaum Non-Responder bezüglich der metabolischen Effekte von Rimonabant, erläuterte Professor Dr. Matthias Blüher von der Universität Leipzig. Das Medikament erhöht HDL-Cholesterol und senkt Triglyzeride und Langzeitblutzucker (HbA1C). Ob dadurch Schlaganfall, Herzinfarkt oder Herztod vermieden werden, ist nicht belegt. Ergebnisse aus klinischen Endpunktstudien werden erst für 2009 bis 2012 erwartet.

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