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Neues Antibiotikum

Immer der Nase nach

03.08.2016
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Von Annette Mende / Auf der Suche nach neuen Antibiotika gegen resistente Keime sind Wissenschaftler der Universität Tübingen in der menschlichen Nase fündig geworden. Die Gruppe um Alexander Zipperer und Martin Konnerth isolierte aus dem dort vorkommenden Bakterium Staphylococcus lugdunensis ein neues Antibiotikum, das sie Lugdunin taufte.

In Zellkultur sowie im Tierversuch zeigte Lugdunin eine sehr gute bakterizide Wirksamkeit unter anderem gegen Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus (MRSA). Chemisch ist Lugdunin ein zyklisches Peptid mit einem ungewöhnlichen Thiazolidinring. Im Fachjournal »Nature« schlagen die Forscher vor, diese neue Substanzklasse makrozyklische Thiazolidin-Peptidantibiotika zu nennen (DOI: 10.1038/nature18634).

Eine Besiedelung der Nase mit S. au­reus stellt ein Risiko für invasive Staphylokokken-Infektionen dar. Sie ist allerdings nur bei etwa jedem dritten Menschen gegeben. Wie die verbleibenden zwei Drittel der Menschheit S. aureus in Schach halten, war bislang unklar. Die Tübinger Wissenschaftler scannten nun systematisch die nasale Mikrobiota nach Bakterien, die S. au­reus schädigende Stoffe produzieren. Dabei stießen sie auf S. lugdunensis beziehungsweise die aktive Substanz Lugdunin.

 

Das Antibiotikum hatte in vitro eine starke antimikrobielle Wirkung gegen eine breite Palette von grampositiven Bakterien, darunter MRSA und Vancomycin-resistente Enterokokken. Offenbar fällt es Bakterien schwer, Resistenzen gegen Lugdunin zu entwickeln, denn S.-aureus-Stämme blieben auch nach mehreren Behandlungen mit unter­dosiertem Lugdunin empfindlich gegen den Wirkstoff. Versuche mit radio­aktiv markierten DNA-, RNA- und Zellwandbausteinen zeigten, dass Lugdunin den Energiestoffwechsel von Bakterien sehr rasch zum Erliegen bringt, ähnlich wie das bekannte Antibiotikum Daptomycin. Bei Mäusen, deren Haut mit S. aureus infiziert worden war, erwies sich Lugdunin auch in vivo als wirksam.

 

Nasenabstriche untersucht

 

Dass Lugdunin tatsächlich der Grund für die Widerstandskraft mancher Nasen gegen S. aureus ist, zeigte die Untersuchung der Nasenabstriche von 187 Pa­tienten. Hier waren wie erwartet 32,1 Prozent S.-aureus-positiv. Zogen die Forscher jedoch zusätzlich S. lugdunensis in Betracht, bot sich ein anderes Bild: In Gegenwart dieses Keims fand sich nur bei 5,9 Prozent der Patienten eine Besiedelung mit S. au­reus, bei den S.-lugdunensis-negativen Patienten waren es fast sechsmal so viele (34,7 Prozent).

 

Angesichts der wachsenden Schwierigkeiten, aus etablierten Quellen neue antibiotische Wirkstoffe zu isolieren, sollte die Mikrobiota des menschlichen Körpers verstärkt als Ressource herangezogen werden, so das Fazit der Autoren. Weitere Studien müssen nun zeigen, ob Lugdunin im großen Maßstab hält, was es laut diesen ersten experimentellen Daten verspricht. /

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