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Prävention

Weniger Krebs durch Sport

27.07.2015
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Von Marion Hofmann-Aßmus / Sport wirkt präventiv gegen ­verschiedene Tumorarten. Doch nicht nur das. Bei Erkrankten ­verringert die regelmäßige Bewegung das Risiko eines Rückfalls und reduziert die Nebenwirkungen der Therapie. Daher lautet die Empfehlung für Krebspatienten: Bewegen statt schonen – und dies möglichst bald nach der Diagnose.

Laut Statistik erkrankt in Deutschland fast jeder Dritte im Lauf seines Lebens an einem Tumor. Die erfreuliche Nachricht ist jedoch, dass mehr als die Hälfte der Tumorpatienten ihre Erkrankung dauerhaft überleben. Eine gute Möglichkeit, die Prognose zu verbessern, ist körperliches Training.

Diese Erkenntnis kommt einem Paradigmenwechsel gleich. Denn bis Ende der 1970er-Jahre waren Sport und Bewegung für Krebskranke tabu. Fatigue etwa wurde mittels Bettruhe therapiert und nach einer Chemotherapie galt ein sechsmonatiges Bewegungsverbot. Diese Einstellung hat sich grundlegend geändert. »Inzwischen gewinnen die Sportwissenschaft und auch die Sportmedizin als ehemals ungeliebtes Stiefkind mehr und mehr Akzeptanz«, betonte Dr. Freerk Baumann von der Deutschen Sporthochschule Köln bei einem Kongress in München (1).

 

Insbesondere für Patienten mit Brustkrebs und Kolonkarzinom liegen gesicherte Hinweise für die Wirksamkeit von Training vor. Aber auch bei ­Patienten mit Prostata-, Lungen- und Kehlkopfkrebs, Leukämie oder Lymphomen ist Bewegung hilfreich. Vor allem weil die Patienten die Chemotherapie oder Bestrahlung besser vertragen, wenn sie während der Behandlungsphase körperlich aktiv sind. So verringert sich vor allem die Fatigue bei allen Krebsarten deutlich, und die Leistungsfähigkeit steigt.

 

Dabei profitieren die Patienten nicht nur körperlich. Der Psyche tut die Bewegung ebenfalls gut: Das Gefühl, selbst etwas aktiv gegen die Erkrankung unternehmen zu können, stärkt das Selbstvertrauen. Soziale Kontakte mit »Leidensgenossen« und die Freude an der Bewegung wirken sich positiv auf den Gesundungsprozess aus.

 

Allen Erkenntnissen zum Trotz ist diese Botschaft bei vielen Betroffenen noch nicht angekommen. Laut Baumann bewegen sich 30 bis 50 Prozent der onkologischen Patienten in der Nachsorge weniger als zuvor, »obwohl aus therapeutischer Sicht mehr Bewegung angeraten wäre«. Hier könne das Apothekenpersonal wertvolle Beratungshilfe leisten.

 

Wirksam in der Primär­prophylaxe

 

Die positiven Effekte körperlicher Aktivität werden seit Mitte der 1980er-Jahre beobachtet. Damals fiel auf, dass Athletinnen erst in höherem Alter und deutlich seltener an Brustkrebs erkrankten als unsportliche Frauen. Umgekehrt stellte man fest, dass Frauen, die sich wenig bewegten, zusätzlich übergewichtig waren und sich fettreich ernährten, ein erhöhtes Risiko hatten.

 

Inzwischen ist es allgemeiner Konsens, dass Übergewicht und Adipositas das Risiko für eine Krebserkrankung erhöhen. Dies gilt insbesondere für das postmenopausale Mammakarzinom, das Kolon-, Endometrium- und Nierenzellkarzinom sowie für das Adenokar­zinom des Ösophagus. Bei weiteren Tumorarten gibt es entsprechende Hinweise (Pankreas-, Gallenblasen-, Schilddrüsen-, Ovarial- und Zervixkarzinom, Plasmozytom, Hodgkin-Lymphom und Prostatakarzinom) (2).

 

Die genauen Zusammenhänge, wie Sport primärpräventiv wirkt, sind noch unklar. Man vermutet Veränderungen im Fett- und Zuckerstoffwechsel sowie im Immunsystem.

 

Daten zum Brustkrebsrisiko

 

Zur präventiven Wirkung von Sport auf die Entstehung eines Mammakarzinoms liegen mehrere, allerdings nicht immer optimal durchgeführte Studien vor, die sich teilweise widersprechen. Zu den Mängeln zählen, dass der Hormonrezeptorstatus oder der Body-Mass-Index (BMI) in manchen Studien nicht berücksichtigt wurden oder man nicht zwischen prä- und postmenopausalen Frauen unterschied. Wie Professor Irenäus Adamietz von der Ruhr-­Universität Bochum betont, sind Informationen zu diesen Faktoren ­jedoch »unverzichtbar, da sich körper­liche Aktivität möglicherweise bei verschiedenen Gruppen unterschiedlich auswirkt« (2).

Tabelle: Beispiele für das metabolische Äquivalent (MET) bei unterschiedlichen Aktivitäten; modifiziert nach (2)

Aktivität MET
Liegen 1
Walken 4
Spazierengehen 3
Joggen (11 km/h) 11
Tennis 5
Fahrradfahren 6
Schwimmen (langsam/schnell:1500 m/h) 4,5 bis 6
Tanzen (moderat/intensiv) 3,0 bis 7,0
Hausarbeit 3,5
Gartenarbeit 4,5

Insgesamt zeigen die Studien, an denen nur prämenopausale Frauen teilnahmen, keine einheitlichen Ergebnisse. Anders sah es in Studien mit Frauen nach den Wechseljahren aus: Je mehr Sport sie betrieben, desto geringer war das Krebsrisiko. Das belegt etwa eine Studie, die die Daten von 32 269 US-amerikanischen Frauen ­auswertete (3). Demnach vermindert regelmäßige intensive körperliche Aktivität das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, um 19 Prozent. Allerdings galt dies nur für schlanke und normalgewichtige Frauen (BMI unter 25) und für anstrengende Bewegung. Also etwa für intensiv betriebene Sportarten wie Joggen, Tennis, Aerobic, Radfahren und Tanzen sowie für schwere Haus- und Gartenarbeiten wie Fensterputzen, Umgraben oder Holzhacken.


Geringeres Lungen- und Darmkrebsrisiko

 

Zur präventiven Wirkung von Sport bei Männern liefert eine aktuelle Untersuchung neue Daten (4). In der prospektiven Kohortenstudie wurden die Daten von rund 14 000 Männern ausgewertet, die zwischen 1971 und 2009 im mittleren Alter (mit knapp 50 Jahren) bereits an der Cooper Center Longitudinal Study (CCLS) teilgenommen hatten. Damals waren sie eingehend auf ihre kardiorespiratorische Fitness hin untersucht worden. Nun ermittelten die Onkologen, wie viele der Teilnehmer im Alter über 65 Jahren an einem Lungen-, Kolorektal- oder Prostatakarzinom erkrankt waren (Beobachtungszeitraum durchschnittlich 6,5 Jahre). Sie unterteilten die Männer anhand ihrer vormaligen kardiorespiratorischen Fitness in drei Gruppen: Männer mit niedriger, moderater und hoher Fitness.

 

Die Gruppe mit der höchsten Fitness hatte eine um 55 Prozent niedri­gere Lungenkrebsrate sowie eine um 44 Prozent geringere Darmkrebsrate als die Männer in der Gruppe mit der niedrigsten Fitness. Männer mit mittlerer Fitness profitierten ebenfalls, denn es zeigte sich ein dosisabhängiger ­Effekt der Fitness auf die Lungen- und Darmkrebsinzidenz. Demnach war jede Steigerung der kardiorespiratorischen Fitness um ein MET (metabolic equivalent of task, siehe Kasten und Tabelle) mit einer 17- und 9-prozentigen Reduktion des relativen Risikos für Lungen- und Kolorektalkarzinom assoziiert.

 

Erstaunlicherweise war die Prostatakarzinomrate in der fittesten Gruppe jedoch um 22 Prozent erhöht. Für die Studienautoren könnte diese Diskrepanz damit zusammenhängen, dass sportliche Männer gesundheitsbewusster sind und öfter an Vorsorge­untersuchungen teilnehmen. Somit würde auch ein Prostatakrebs häufiger diagnostiziert. Zugegeben: Diese Erklärung ist recht schwach. Auch dies zeigt, dass die Vorgänge auf molekularer Ebene noch nicht verstanden sind.

 

Männer mit ehemals hoher Fitness hatten noch mehr Vorteile. Wenn sie einen Tumor (Lunge, Darm oder Prostata) entwickelten, lag ihre Krebsmorta­lität um ein Drittel niedriger als bei den wenig Fitten. Ihre kardiovaskuläre ­Mortalität war sogar um zwei Drittel niedriger.

 

Die Ergebnisse dieser Studie stimmen mit einer früheren Untersuchung mit mehr als 40 700 Männern überein. Hier waren die Effekte körperlicher Aktivität direkt proportional zu deren Intensität (5): Je mehr Sport die Männer trieben, desto niedriger war die Inzidenz für Krebs (aller Arten) und um­gekehrt. So lag die Krebsinzidenz bei Teilnehmern, die täglich mindestens eine Stunde Rad fuhren oder joggten, um 16 Prozent niedriger als bei Teilnehmern, die keinen Sport trieben.

 

Risikofaktor Sitzen


Langes Sitzen ohne Unterbrechung hat genau den gegenteiligen Effekt wie sportliche Aktivität. Es gilt inzwischen als eigenständiger Risikofaktor für die Entwicklung einer Tumorerkrankung. Dies ergab eine umfangreiche Metastudie, die 43 Beobachtungsstudien mit mehr als vier Millionen Teilnehmern, darunter mehr als 68 000 Tumorpatienten einschloss (6). Die Autoren verglichen Personen, die die längste Zeit sitzend verbrachten, mit denen, die am wenigsten saßen. Demnach haben Menschen, die lange Zeit sitzen, ein signifikant höheres Risiko für ein Kolon-, Endometrial- oder Lungenkarzinom – nicht jedoch für andere Tumorarten wie Brust-, Ovarial-, Prostata-, Magen- und Nierenzellkarzinome sowie für Non-Hodgkin-Lymphome.

Gemäß der Metaanalyse ist das Risiko für ein Kolonkarzinom um 8 Prozent erhöht, wenn die Person durchschnittlich zwei Stunden täglich sitzt. Jedes Sitzen um durchschnittlich weitere zwei Stunden erhöht das Risiko wiederum um 8 Prozent. Für ein Endometrialkarzinom beträgt diese Erhöhung 10, für ein Lungenkarzinom 6 Prozent (grenzwertig signifikant).

 

Das erhöhte Krebsrisiko lässt sich nicht durch bloßes Fehlen von sportlicher Aktivität erklären, da der Zusammenhang auch nach der Adjustierung für sportliche Aktivität bestand. Das bedeutet, dass sich das Krebsrisiko sowohl bei sportlich aktiven wie auch inaktiven Menschen durch langes Sitzen erhöht. Unter diesem Gesichtspunkt sind Schätzungen interessant, wonach Erwachsene etwa 50 bis 60 Prozent des Tages sitzend verbringen.

 

Die stärkste Assoziation mit einem gesteigerten Krebsrisiko fand sich bei längeren Fernsehsitzungen. Die Regensburger Autoren vermuten hier einen Zusammenhang mit einem ungesunden Essverhalten vor dem Fernseher.

Das metabolische Äquivalent

MET (metabolic equivalent of task) ist die Einheit für den Stoffwechsel bei körperlicher Aktivität. Damit lässt sich der Energieverbrauch bei unterschiedlichen Aktivitäten vergleichen. Ein MET entspricht einem Energieverbrauch von 1 kcal pro Kilogramm Körpergewicht (kg KG) pro Stunde (oder 4,19 kJ/kg KG/h). Dies entspricht in etwa dem Ruheumsatz des Körpers.

 

Ein Beispiel: Ein Mann mit einem Gewicht von 80 kg hat einen Ruheumsatz von etwa 80 kcal/h (335,2 kJ/h). Entsprechend bedeuten 10 MET einen Energieverbrauch von 800 kcal/h (3352,0 kJ/h) (2). Da der Ruheumsatz individuell unterschiedlich ist, ist auch das MET eine individuelle Größe. Es lässt sich nur der relative Energieverbrauch vergleichen (15).

 

In der beschriebenen Studie (4) erreichten Männer mit höchster Fitness im Laufbandtest eine Maximalleistung von durchschnittlich 13,0 MET und somit das 13-Fache ihres Grundumsatzes. Bei moderater Fitness lag die Maximalleistung bei durchschnittlich 10,4 MET und bei niedriger Fitness bei 8,4 MET.

 

Generell geht moderate körperliche Aktivität mit einem Energieverbrauch von etwa 3 bis 6 MET, starke Anstrengung mit mehr als 6 MET einher (Beispiele in der Tabelle).

 

Die MET-Einheit wird hauptsächlich in Studien verwendet. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt praktische Empfehlungen zur Primärprävention: Um die körperliche Aktivität zu steigern und zugleich das Krebsrisiko zu senken, empfiehlt sie allen Erwachsenen, wenn möglich mindestens 2,5 Stunden wöchentlich mit mäßig anstrengender Intensität zu trainieren (7). Bei sehr anstrengender Bewegung kann man die Zeit auf 75 Minuten verringern. Die jeweilige Aktivität sollte mindestens zehn Minuten am Stück dauern.

Eine aktuelle Metaanalyse bestätigt den Einfluss von sportlicher Aktivität auf die Mortalität bei an Brust- oder Darmkrebs erkrankten Menschen (8). Wie die Auswertung von 16 Brustkrebsstudien zeigte, vermindern 150 Minuten (zumindest) moderater körperlicher Aktivität pro Woche die Gesamtmortalität der Patientinnen um 24 Prozent. Der positive Effekt von Training war unabhängig vom Gewicht sowie vom Alter der Frau (prä- oder postmenopausal) oder vom Tumorstatus (Estrogenrezeptor-positiv oder -negativ).

 

Bei sieben Studien mit Patienten mit Kolorektalkarzinom korrelierte die gleiche Aktivitätsdosis mit einer um 28 Prozent verringerten Mortalität. Inter­essanterweise fanden sich diese Effekte sowohl in Studien mit Adjustierung für Tumorstadien, Behandlungsarten, Rauchen und Adipositas als auch ohne.

 

Für alle Patienten galt: Je mehr Sport sie nach der Krebsdiagnose trieben, desto stärker verminderte sich ihr Risiko, an einer erneuten Krebserkrankung oder aus anderen Gründen zu sterben.

 

Bessere Prognose bei Prostatakarzinom

 

Welche Auswirkungen Sport auf Patienten mit Prostatakarzinom hat, wurde in einer Kohortenstudie untersucht (9). Dabei beobachtete man 2705 Patienten über 18 Jahre. Auch hier zeigte sich, dass körperlich aktive Männer eine signifikant niedrigere Gesamtmortalität sowie eine geringere krebsbezogene Mortalität aufwiesen. Drei Stunden intensive körperliche Aktivität pro Woche verminderten das Gesamtmortalitätsrisiko um 49 Prozent und das krebsspezifische Mortalitätsrisiko um 61 Prozent.

 

»Allerdings handelt es sich hier um eine Beobachtungsstudie«, gab Sportmediziner Baumann zu bedenken. Daher seien die Ergebnisse als wichtige Hinweise, nicht jedoch als Belege zu werten.

 

Positive Begleiteffekte

 

Sehr viele Tumorpatienten leiden unter einem Fatigue-Syndrom. Dieses umfasst Beschwerden wie Müdigkeit, Antriebslosigkeit und Erschöpfung, aber auch Muskelschmerzen oder Konzentrationsstörungen. 

Mit Kraft- und/oder Ausdauertraining lassen sich die Symptome der Fatigue deutlich bessern. Dies belegt inzwischen eine Vielzahl von Studien bei unterschiedlichen Tumorarten, zum Beispiel bei soliden Tumoren und Keimzelltumoren. »Entscheidend ist in erster Linie nicht die Trainingsart, sondern die Anpassung der Intensität. Das heißt, je stärker die Fatigue ist, desto geringer sollte die Trainingsintensität sein«, erklärte Baumann.

 

Ein weiteres häufiges Phänomen ist die Chemotherapie-induzierte periphere Polyneuropathie (CIPN). Beginnend an Fingerspitzen und Fußsohlen leiden die Patienten unter Schmerzen und Gefühlsstörungen wie Taubheit, Kribbeln oder Krämpfen, die sich auf Hände und Füße ausbreiten. Bislang gibt es keine effektive Therapie der Polyneuro­pathie. Eine aktuelle Studie zeigt nun erstmals positive Effekte eines Trainings, das Sensomotorik-, Ausdauer- und Krafttraining umfasst (10).

 

Weitere positive Effekte betreffen nachweislich die körperliche Leistungsfähigkeit sowie die Lebensqualität bei Patienten mit soliden Tumoren. Auch bei Leukämie- oder Lymphompatienten erhält die körperliche Aktivität die Leistungsfähigkeit. Ferner trägt sie dazu bei, dass Patienten die Tumortherapie besser vertragen. So gehen typische Nebenwirkungen der Chemo- oder Strahlentherapie wie Übelkeit, Schlafstörungen oder Schmerzen zurück, sofern sich die Betroffenen regelmäßig bewegen. Auf psychischer Ebene ­wurde eine Verbesserung depressiver ­Verstimmungen beobachtet (2).

 

Erklärungsmodelle zur Wirksamkeit

 

Wie die körperliche Bewegung die Krebsentwicklung beeinflusst und wa­rum der Effekt auf manche Tumorarten anscheinend größer ist als auf andere, ist noch längst nicht geklärt. Man geht heute von einem Zusammenspiel von genetischen und epigenetischen Einflüssen, Umweltfaktoren und Lebensumständen aus.

 

Die Epigenetik befasst sich mit der Fähigkeit des Körpers, seine Genfunk­tionen an äußere Gegebenheiten anzupassen. So können bestimmte Gene durch Methylierung ab- oder durch Demethylierung angeschaltet und somit deren Expression moduliert werden. Sport scheint hier unmittelbare Auswirkungen zu haben. So fand man bei Brustkrebs-Patientinnen, die ein halbes Jahr lang exzessiv Aerobic machten, eine veränderte Methylierung von 43 verschiedenen Genen (11). Eines davon ist das Tumorsuppressor-Gen L3MBTL1, das aufgrund der verminderten Methylierung vermehrt exprimiert wurde. Dies war mit niedrig malignen und Hormonrezeptor-positiven Tumoren sowie mit einem niedrigeren Rückfall­risiko und geringerer Brustkrebs-Mortalität assoziiert – also insgesamt ­besseren Überlebenschancen. Bei den sportlich aktiven Frauen verminderte sich das Brustkrebs-bedingte Mortalitätsrisiko um 60 Prozent.

 

Auch das Immunsystem wird mittels epigenetischer Mechanismen beeinflusst. So wirkt Sport der altersabhängigen Demethylierung eines Gens entgegen, das für entzündliche Prozesse verantwortlich ist; dieses ASC-Gen steuert die Sekretion von IL-1beta and IL-18 (12). Weitere Analysen deuten darauf hin, dass Risikofaktoren für die Krebsentstehung wie etwa der Insulinstoffwechsel oder Adipositas beeinflusst werden. Die genauen Mechanismen dieser Modifikationen werden derzeit untersucht.

 

Interessant ist die Erkenntnis, dass die Muskulatur als endokrines Organ wirkt und während des Trainings verschiedene Muskelhormone (Myokine) ausschüttet. Dabei sezernieren die unterschiedlichen Muskelarten, zum Beispiel schnell oder langsam kontrahierende Muskeln, jeweils ein bestimmtes Set an Myokinen. Dies könnte bedeuten, dass diverse Trainingsarten unterschiedliche Muskeltypen anregen, die wiederum verschiedene Myokin-induzierte Effekte erzeugen. Genauere ­Untersuchungen liegen dazu bisher nicht vor.

 

Ein Mechanismus, wie körperliche Bewegung die Darmkrebsentstehung möglicherweise verhindert, wurde kürzlich anhand einer Gruppe neu entdeckter Myokine gezeigt (13). Diese ­bezeichnet man als »Secreted protein acidic and rich in cysteine« (SPARC). Körperliches Training erhöht die Ausschüttung von SPARC im Skelettmuskel von Mensch und Tier. Forscher ließen Mäuse, die unter der kanzerogenen Substanz Azoxymethan Dickdarmkrebs entwickeln, mit niedriger Intensität trainieren. Daraufhin beobachteten sie eine signifikant geringere Bildung von frühen pathologischen Läsionen, sogenannten aberranten kryptischen Foci (ACF), die als Vorläufer adenomatöser Polypen gelten. Letztere können entarten und zu Dickdarmkrebs führen. In transgenen Nagern ohne SPARC ­(SPARC-Null-Mäuse) entstanden hin­gegen nicht weniger ACF, wenn die ­Mäuse sich regelmäßig bewegten.

 

Zudem stellten die Forscher bei den trainierten Tieren – nicht jedoch bei SPARC-Null-Mäusen – eine gesteigerte Apoptose muköser Darmzellen fest. Ihrer Meinung nach stimuliert Training die SPARC-Sekretion im Muskelgewebe und verhindert die Darmkrebsentstehung durch vermehrte Apoptose.

 

Körperliche Aktivität hat zudem ­viele allgemeine Effekte, etwa die Anregung des Stoffwechsels. Dadurch verkürzt sich zum Beispiel die Aufenthaltszeit krebserregender Stoffe in ­Magen und Darm. Bei Frauen mit hormonabhängig wachsendem Brustkrebs senkt die Bewegung den Estrogenspiegel in Blut und Gewebe.

 

Zum Sport ermuntern

 

Viele Patienten mit der Diagnose Krebs sind zunächst geschockt – aber auch bereit, etwas zu verändern. Diesen »teaching moment«, in dem die Betroffenen sehr beratungsempfänglich sind, kann man auch in der Apotheke nutzen und sie zum Sporttreiben ermuntern.

Möglichst bald nach der Diagnose, wenn möglich parallel zu Chemotherapie oder Bestrahlung, sollte das Training beginnen. Ebenso wichtig ist es, regelmäßig zu trainieren. Denn ein dauerhafter Effekt lässt sich nur durch langfristige Umstellung auf einen ­aktiven Lebensstil und regelmäßiges Training erreichen. Häufig hilft es den Patienten, wenn sie eine (Krebs-) Sportgruppe finden, in der sie unter fachkundiger Anleitung, etwa durch einen Sportmediziner oder Sportwissenschaftler, trainieren können. Das Apothekenteam kann Adressen vermitteln (siehe Kasten).

 

Laut der Deutschen Krebsgesellschaft hat sich die Kombination aus Kraft- und Ausdauertraining mit zusätzlichen Elementen zur Schulung von Flexibilität und Koordination als besonders vorteilhaft erwiesen (14). Ideal ist demnach eine körperliche Aktivität von 18 bis 25 MET pro Woche, zum Beispiel drei- bis viermal wöchentlich Fahrrad fahren. Im Klartext: Liegt bereits ein Krebsleiden vor, ist mehr sportliche Aktivität erforderlich, um das Risiko für weitere Erkrankungen zu vermindern, als in der Primärprophylaxe.

Tipps für Kunden

Viele detaillierte Hinweise, auch hinsichtlich einzelner Tumorerkrankungen, gibt die Broschüre »Bewegung und Sport bei Krebs« aus der blauen Ratgeberreihe der Deutschen Krebshilfe (14). Sie kann kostenlos heruntergeladen werden unter www.krebshilfe.de.

 

Örtliche Krebssportgruppen lassen sich bei den Landessportgruppen ­erfragen. Eine Übersicht über alle Sportgruppen ist jedoch nicht erhältlich. Weiterhin können sich Apotheker und Kunden an Behinderten- und Rehabilitationssportverbände wenden. Auch Selbsthilfegruppen können manchmal weiterhelfen.

Zweitrangig ist es, welche Sportart gewählt wird. Dies hängt auch von den Vorlieben des Einzelnen ab; wichtig ist, dass die Bewegung Spaß macht. Generell werden als Ausdauersportarten beispielsweise Walking, Radfahren, Schwimmen, Wassertherapie, Wandern, Tanzen oder Gymnastik empfohlen. Weniger geeignet sind Sportarten mit intensivem Körperkontakt oder Kampfsportarten. Bei der Sportauswahl sind Besonderheiten der jeweiligen Tumorart und Behandlungsfolgen zu berücksichtigen. So ist Radfahren nach einer Prostataoperation oft schmerzhaft und daher vorübergehend ungünstig.

 

Wie bei Gesunden muss die Intensität des Trainings dem jeweiligen Befinden angepasst werden. Generell sollte man langsam beginnen und nach und nach moderat steigern. Die Deutsche Krebsgesellschaft (DGK) gibt folgende Empfehlungen (14): »Bewegen Sie sich insgesamt dreimal pro Woche jeweils 60 Minuten oder fünf bis sechs Mal pro Woche für je 30 Minuten.« Dies können moderate Bewegungen wie Spazieren gehen, Nordic Walking oder sanftes Schwimmen sein und sollten als »etwas anstrengend« empfunden werden. Falls für den Betreffenden auch »anstrengendes« Training möglich ist, ­beispielsweise gerätegestütztes Krafttraining, kann er intensiver, aber dafür kürzer trainieren. Rat der DKG: »Trainieren Sie dann mindestens insgesamt dreimal pro Woche jeweils 30 Minuten« (14). Generell ist eine Bewegungstherapie vor der Operation, im Krankenhaus, während der Chemotherapie oder der Bestrahlung sowie in der Reha empfehlenswert.


Nicht übertreiben

 

Schmerzen oder akute Beschwerden wie Fieber oder Durchfall sind ernste Warnzeichen. Der Tumorpatient sollte die Trainingsintensität vermindern und/oder mit dem Arzt sprechen. Dieser sollte auch Blutwerte wie Thrombozyten- und Hämoglobinwerte kontrollieren, da zum Beispiel niedrige Thrombozyten mit einem erhöhten Blutungsrisiko einhergehen. Solange die Bewegung individuell gut tut, scheint es keine Obergrenze zu geben.

 

Bei immunsupprimierten Patienten ist auf ausreichende Hygiene zu achten, um Infektionen zu vermeiden. Sportarten mit intensivem Körperkontakt oder Schwimmen sind daher ungeeignet. Bei Sport in der Gruppe sollte ein Mundschutz getragen werden. Kardiale Begleiterkrankungen, Diabetes oder Hypertonie sind keine Argumente gegen körperliches Training – im Gegenteil! /

Die Autorin

Marion Hofmann-Aßmus absolvierte eine Ausbildung als veterinärmedizinisch-technische Assistentin (VMTA) und studierte anschließend Biologie an der Ludwig-Maximilians-Universität, München. Promoviert wurde sie 1999 mit einer Arbeit zu molekularer Kardiologie an der Chemischen Fakultät der LMU München. Seither ist sie freiberuflich in verschiedenen Redaktionen und als Fachjournalistin tätig.

 

Dr. Marion Hofmann-Aßmus

Abt-Führer-Straße 9a

82256 Fürstenfeldbruck

E-Mail: hofmann_assmus@t-online.de

Literatur 

  1. 4. ASORS-Jahreskongress, Supportive Therapie und Rehabilitation bei Krebs: State of the art 2015. 27./28. März 2015, München.
  2. Adamietz, I., Schonen war gestern: Sport bei Krebspatienten. CME 11 (2014) 63-72.
  3. Leitzmann, M. F., et al., Prospective study of physical activity and risk of postmenopausal breast cancer. Breast Cancer Research (2008) 10:R92.
  4. Lakoski, S. G., et al., Midlife Cardiorespiratory Fitness, Incident Cancer, and Survival After Cancer in Men. The Cooper Center Longitudinal Study. JAMA Oncol (2015) Published online 26. März 2015. doi:10.1001/jamaoncol 2015.0226
  5. Orsini, N., et al., Association of physical activity with cancer incidence, mortality and survival: a population-based study of men. Br J Cancer 98 (2008) 1864-1869.
  6. Schmid, D., Leitzmann, M. F., Television Viewing and Time Spent Sedentary in Relation to Cancer Risk: A Meta-analysis. J Nat Cancer Instit 106 (2014).
  7. World Health Organization (WHO), Global recommendations on physical activity for health. WHO, Geneva 2013.
  8. Schmid, D., Leitzmann, M. F., Association between physical activity and mortality among breast cancer and colorectal cancer survivors: a systematic review and meta-analysis. Ann Oncol 25 (2014) 1293-1311.
  9. Kenfield, S. A., et al., Physical Activity and Survival After Prostate Cancer Diagnosis in the Health Professionals Follow-Up Study. J Clin Oncol 29 (2011) 726-732.
  10. Streckmann, F., et al., Bewegungsempfehlungen bei Chemotherapie-induzierter peripherer Polyneuropathie. Bewegungstherapie Gesundheitssport 30 (2014) 179-182.
  11. Zeng, H., et al., Physical activity and breast cancer survival: an epigenetic link through reduced methylation of a tumor suppressor gene L3MBTL1. Breast Cancer Res Treatm 133 (1) (2012) 127-135.
  12. Nakajima et al., Exercise effects on methylation of ASC gene. Int J Sports Med 31 (2010) 671-675.
  13. Aoi, W., A novel myokine, secreted protein acidic and rich in cysteine (SPARC), suppresses colon tumorigenesis via regular exercise. Gut 62 (6) (2013) 882-889.
  14. Deutsche Krebshilfe (Hrsg.), Die blauen Ratgeber: Bewegung und Sport bei Krebs. Stand 10/2014, ISSN 0946-4816.
  15. Ärzte Zeitung online, 4.1.2014, Infos der Krebsgesellschaft, Sport bei Krebs: So wichtig wie ein Medikament.

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