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Insulin-Injektionen

Rotation ist angesagt

30.07.2014
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Von Sven Siebenand / Nicht nur beim Fußball kann Auswechseln große Vorteile bringen. Bei der Zuckerkrankheit ist es ebenso: Insulinpflichtige Diabetiker profitieren davon, wenn sie regelmäßig die Spritzstellen wechseln und Kanülen nur einmal verwenden. Das beugt sogenannten Lipohypertrophien und Blutzuckerschwankungen vor.

Bei der Lipohypertrophie handelt es sich um eine Zunahme des subkutanen Fettgewebes an Stellen, an denen wiederholt Insulin gespritzt wird. Als Folge dieser »Spritzhügel« schwankt die Resorption des gespritzten Insulins, und es kann sowohl zur Über- als auch zur Unterzuckerung kommen. Wie häufig Lipohypertrophien sind und wie sich diese vermeiden lassen, haben Forscher um Marisa Amaya vom Hospital Algeciras im spanischen Cádiz untersucht. Darauf weist das Medizintechnologie-Unternehmen BD in einer Pressemeldung hin. Die im Fachjournal »Diabetes & Metabolism« (doi: 10.1016/j.diabet.2013.05.006) veröffentlichte Studie wurde sowohl von BD, als auch von Novartis Pharma unterstützt.

Falsche Spritztechnik ist häufig

 

In der Untersuchung mit 430 insulinpflichtigen Diabetikern zeigte sich, dass rund zwei Drittel der Insulin­anwender eine Lipohypertrophie aufwiesen. Rund die Hälfte davon hatte in einem Fragebogen Blutzuckerschwankungen angegeben, fast 40 Prozent hatten über Unterzuckerungen ungeklärter Ursache berichtet. Im Vergleich dazu hatten weniger als 7 Prozent der Patienten ohne Veränderung des Fettgewebes Blutzuckerschwankungen und nur 6 Prozent unerklärliche Hypoglykämien beklagt.

 

Um Lipohypertrophien zu vermeiden, sollten Diabetiker die Spritzstellen nach jeder Injektion wechseln. Dass dies etwas bringt, belegt die Untersuchung. Nur 5 Prozent derjenigen, die die Spritzstellen korrekt rotierten, wiesen eine Lipohypertrophie auf. Zudem zeigte die Studie, dass 98 Prozent der Pa­tienten mit Veränderung des Fettgewebes die Injektionsstellen entweder nicht oder falsch wechselten.

 

Der Verband der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland empfiehlt in einem Leitfaden zur Injektion bei Diabetes mellitus die Injektionszone am Bauch in Quadranten rund um den Bauchnabel aufzuteilen und den jeweiligen Quadranten, in den injiziert wird, im Uhrzeigersinn jede Woche zu wechseln. Jeder Oberschenkel kann in zwei Zonen aufgeteilt werden, sodass linker und rechter Schenkel zusammen auch wieder vier Injektionszonen ergeben. Nach einer Woche sollte von links zu rechts gewechselt werden. Nach der zweiten Woche wieder von rechts zu links, wobei dort dann in die zweite Zone zu spritzen ist. Ob Bauch oder Oberschenkel: Injektionen innerhalb einer Zone sollten mindestens 2,5 cm voneinander entfernt sein, um ein Gewebetrauma durch wiederholte Injektion in die gleiche Einstichstelle zu vermeiden.

 

Die Studienautoren beobachteten zudem, dass das Vorliegen einer Lipohypertrophie auch mit der Wiederverwendung von Pen-Nadeln im Zusammenhang steht. Ein Trend zu stärkerer Lipohypertrophie war erkennbar, je häufiger Kanülen wiederverwendet wurden. Das lässt sich dadurch erklären, dass die Oberflächenbeschichtung der Kanüle nach dem ersten Gebrauch abgerieben ist und die Nadel stumpfer wird. Das kann die Injektion nicht nur schmerzhafter machen und das Risiko für Infektionen erhöhen, sondern auch zur Gewebeschädigung führen. Eine andere, in »Practical Diabetes International« veröffentlichte Untersuchung (doi: 10.1002/pdi.314) unterstützt diese Aussage. Ihr zufolge ist das Risiko einer Lipohypertrophie bei Diabetikern, die Kanülen wiederverwenden, um 31 Prozent höher als bei denjenigen, die das nicht tun.

 

Die Studie aus »Diabetes & Metabolism« kam ferner zu dem Ergebnis, dass Patienten mit Lipohypertrophie mehr Insulin benötigen, da die Veränderung des Unterhautfettgewebes als Barriere wirken kann. Patienten ohne Lipohypertrophie benötigten im Durchschnitt pro Tag 15 Insulineinheiten weniger.

 

Wichtige Millimeter- Entscheidung

 

Generell sollten Diabetiker ihre Spritzstellen alle sechs Monate von einem erfahrenen Arzt begutachten lassen. Über die Rotation der Spritzstellen und die ausschließliche Einmalverwendung von Kanülen hinaus können Arzt und Patient auch über die Verwendung der kurzen 4-mm-Pen-Nadeln nachdenken. Denn die Rotation der Spritzstellen über einen größeren Bereich birgt aufgrund der unterschiedlichen Dicke der subkutanen Fettschicht die Gefahr, Insulin versehentlich in den Muskel zu spritzen.

 

Eine im Fachjournal »Diabetes Care« publizierte Untersuchung (doi: 10.2337/dc08-0977 1935-5548) zeigte, dass 4-mm-Kanülen dieses Risiko reduzieren, ohne dass dabei häufiger nach der Injektion Insulin aus der Einstichstelle austrat. Selbst beim Spritzen im rechten Winkel ohne Hautfalte ist die Gefahr der Injektion in den Muskel gering. 4-mm-Pen-Nadeln eignen sich gemäß einer Untersuchung aus »Current Medical Research & Opinion« (doi: 10.1185/03007995.2010.482499) für die Insulintherapie bei Erwachsenen unabhängig vom Body-Mass-Index sowie laut einer Publikation in »Pediatric Diabetes« (doi: 10.1111/j.1399-5448.2012. 00865.x) für Kinder und Jugendliche. Bei Letzteren kann jedoch die Bildung einer Hautfalte erforderlich sein. /

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