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Arzneimittelausgaben

Mehr Medizin für alternde Gesellschaft

27.07.2007
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Arzneimittelausgaben

Mehr Medizin für alternde Gesellschaft

Von Uta Grossmann 

 

Die Ausgaben der Krankenkassen für Arzneimittel stiegen im ersten Halbjahr 2007 um 3 Prozent, die erhöhte Mehrwertsteuer nicht berücksichtigt. Bundesgesundheitsministerium und ABDA begrüßen den moderaten Kostenanstieg, den die Regierung ihrer jüngsten Gesundheitsreform zuschreibt. Krankenkassen kritisieren überproportionale Preissteigerungen für patentgeschützte Originalpräparate.

 

Im ersten Halbjahr 2007 stiegen die Arzneimittelausgaben der Kassen ohne Berücksichtigung der Mehrwertsteuer um 3,1 Prozent, wie das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) unter Berufung auf die Zahlen der ABDA mitteilte. Die parlamentarische Staatssekretärin Marion Caspers-Merk (SPD) sagte: »Selten hat eine Gesundheitsreform so schnell gewirkt.« Die Neuregelungen seit dem 1. April haben den Arzneimittelmarkt »tiefgreifend verändert« und bringen »spürbare Vorteile für die Versicherten«, so Caspers-Merk. Die Bundesregierung habe auch die Rahmenbedingungen für den Pharmastandort Deutschland verbessert. In Deutschland gebe es einen »schnellen Zugang zu Innovationen«, der Patienten, Arbeitsmarkt und pharmazeutischer Industrie nütze, sagte Caspers-Merk am vergangenen Donnerstag in Berlin.

 

Allerdings hatte erst einen Tag zuvor Forschungsministerin Dr. Annette Schavan (CDU) eine Initiative vorgestellt, die den meist langwierigen Entwicklungsweg von Arzneimitteln abkürzen soll. Offenbar sehen Teile der Regierung durchaus Handlungsbedarf, um Innovationen im Arzneimittelsektor rascher vom Labor in die Apotheke zu bringen.

 

Heinz-Günter Wolf begrüßte die Reaktion der Bundesregierung auf die positive Entwicklung der Arzneimittelausgaben im Namen der Apothekerschaft. Der Präsident der ABDA - Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände sagte: »Der europäische Vergleich zeigt, dass wir unsere Arzneimittelausgaben in den Griff bekommen haben.« Durch die Senkung des Fixhonorars zum 1. April auf 5,80 Euro trügen die 21.500 deutschen Apotheker erheblich zu den Einsparungen bei.

 

Der größte Kostentreiber war in den ersten sechs Monaten des Jahres die Mehrwertsteuer. Rechnet man sie mit ein, dann war ein Anstieg von 5,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zu verzeichnen. Rund 2 Milliarden Euro nahm der Staat auf diesem Weg mit Arzneimitteln ein. Damit dürfte in diesem Jahr der Mehrwertsteueranteil das Apothekenhonorar übersteigen.

 

Aus den ABDA-Zahlen lässt sich jedoch nicht endgültig ablesen, wie hoch die tatsächliche Ausgabensteigerung ist. Sie wird unter dem ermittelten Wert liegen. Grund sind die Rabattverträge zwischen Krankenkassen und Herstellern. Die so generierten Einsparungen sind nur den Vertragspartnern bekannt und deshalb nicht in den Halbjahreszahlen der Apotheker enthalten.

 

Die Kaufmännische Krankenkasse Hannover (KKH) und die Barmer Ersatzkasse verbreiteten höhere Zahlen über den Anstieg der Arzneimittelausgaben im laufenden Jahr. Die Barmer nannte ein »Plus von bis zu 10\ Prozent im zurückliegenden Juni«, das »lediglich mit 3 Prozent auf die Mehrwertsteuererhöhung zurückzuführen« sei. Die KKH berichtete, die Ausgaben für Medikamente seien im ersten Halbjahr 2007 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum »je Mitglied um 7 Prozent« gestiegen. Beide Kassen nannten als Ursache für die »dramatische Ausgabenentwicklung« (Barmer) einen überproportionalen Anstieg der Ausgaben für patentgeschützte Originalpräparate wegen überhöhter Preise der Pharmaindustrie.

 

Arzneimittel-Atlas der Hersteller

 

Im Jahr 2006 stiegen die Arzneimittelausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) in Deutschland um 2 Prozent auf 25,9 Milliarden Euro. Dies geht aus dem Arzneimittel-Atlas 2007 hervor, den Professor Dr. Bertram Häussler, Direktor des Berliner Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES), im Auftrag des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) erarbeitet hat. Bei der Vorstellung der Studie vorigen Donnerstag in Berlin hob Häussler hervor, dass eine alternde Gesellschaft zwangsläufig mehr Medikamente benötige.

 

Die Umsätze der Apotheken mit Arzneimitteln zulasten der GKV stiegen 2006 um 1,5 Prozent (563 Millionen Euro) auf 27,1 Milliarden Euro. Für das Umsatzplus ist zum überwiegenden Teil ein höherer Verbrauch verantwortlich.

 

70 Prozent der Ausgabensteigerungen gehen nach Angaben des Atlas-Autors Häussler auf weit verbreitete chronisch-somatische Erkrankungen wie Hypertonie, Fettstoffwechselstörungen, Rheuma und Diabetes zurück, also typische Krankheiten älterer Menschen.

 

Häussler wies auf den Zusammenhang zwischen sinkenden Preisen und einem steigenden Arzneimittelverbrauch hin. Ärzte würden mehr verschreiben, wenn die Preise sinken und die Verordnungen ihr Budget nicht so stark belasten. Zudem seien die Packungen immer größer geworden, sodass sich die Menge der Tagesdosen erhöht habe. Trotzdem sei der Bedarf vielfach noch nicht gedeckt. Mit dem höheren Arzneimittelverbrauch wird, so Häussler, »die Lücke zum Bedarf geschlossen«. Als Beispiele nannte er Säurehemmer und Lipidsenker.

 

Andreas Krebs, VFA-Vorstandsmitglied und Geschäftsführer der Wyeth Pharma GmbH, sagte, dass die kontinuierliche Verbesserung der medizinischen Versorgung gesundheitspolitisch erstes Ziel der forschenden Arzneimittelhersteller sei. Die Kosten für eine qualitativ gute medizinische Versorgung der Menschen in einer alternden Gesellschaft ließen sich nicht »aus der GKV heraussparen«, ohne das Niveau der Patientenversorgung zu senken.

 

Die Ausgaben für Arzneimittel unterschieden sich regional recht stark. Am geringsten ist der Verbrauch in Bayern mit 347 Euro pro Kopf im Jahr 2006. Die meisten Arzneimittel wurden in Berlin über die GKV abgerechnet (446 Euro pro Kopf). Am stärksten variierten die Ausgaben für die Grundversorgung. Das erklärte Atlas-Autor Häussler mit der von Region zu Region unterschiedlichen Altersstruktur und Morbidität. Die östlichen Bundesländer haben einen höheren Anteil alter Menschen, die meist wesentlich mehr Medikamente brauchen als junge Menschen. Deshalb sind die Kosten dort im Vergleich zu einem Land mit niedrigerem Durchschnittsalter, etwa Bayern, deutlich höher. Auch die Facharztdichte erhöht die Arzneimittelausgaben. In Großstädten gibt es wesentlich mehr Fachärzte als auf dem Land.

 

Harsche Kritik des AOK-Instituts

 

Trotz des gestiegenen Verbrauchs von Arzneimitteln sieht Atlas-Autor Häussler den Bedarf vielfach noch nicht gedeckt. Auf welche Weise dieser Bedarf ermittelt wurde, ist einer der Kritikpunkte, die eine Studie des WIdO, des Wissenschaftlichen Instituts der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK), dem Arzneimittel-Atlas entgegenhält. In ihrem harschen Verriss wirft die Studie dem Atlas eine mangelhafte wissenschaftliche Grundlage vor und führt als Beispiel für diese Anschuldigung die Bedarfsermittlung an: Die Zahl der Patienten mit Behandlungsbedarf werde »zumeist anhand von Patientenbefragungen und nicht auf der Basis ärztlicher Diagnosen« ermittelt. So werde die Zahl behandlungsbedürftiger Männer mit Prostataleiden in Deutschland mittels einer einzelnen Befragung von Männern in Herne geschätzt.

 

Überdies blendet der Atlas nach Darlegung des WIdO Fragen wirtschaftlicher Fehlversorgung weitgehend aus. Das Fazit der Studie: »Die Akteure im Gesundheitswesen, vor allem die Ärzte, erhalten keine Unterstützung bei der Suche nach rationalen Entscheidungen. Die mit dem Arzneimittel-Atlas vorliegende Marktanalyse ist damit keine Alternative für das etablierte Standardwerk Arzneiverordnungs-Report.« Das WIdO, auch das sollte nicht verschwiegen werden, ist an erwähntem Report mit Datenlieferungen und eigenen Beiträgen beteiligt.

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