Pharmazeutische Zeitung online
HIV-Prävention

Kassen sollen PrEP zahlen

25.07.2018  09:34 Uhr

Von Stephanie Schersch, Berlin / Gesetzlich Versicherte mit erhöhtem HIV-Infektionsrisiko sollen Anspruch auf eine Präexpositionsprophylaxe (PrEP) erhalten. Das hat Bundes­gesundheitsminister Jens Spahn in dem Entwurf für sein neues Versorgungsgesetz verankert. Zudem sollen Ärzte ihre Praxen künftig länger öffnen und Patienten häufiger auch ohne Termin behandeln.

Eigentlich ist bereits Sommerpause im politischen Berlin. Auf den letzten Drücker hat Jens Spahn (CDU) nun jedoch noch einen Gesetzentwurf vorgelegt. Das sogenannte Terminservice- und Versorgungsgesetz soll »sehr konkrete Verbesserungen« in der ambulanten Versorgung bringen, wie es aus dem Bundesministerium für Gesundheit (BMG) heißt. Auch in der HIV-Prävention will die Große Koalition demnach künftig mehr tun.

So sollen Versicherte mit einem erhöhten HIV-Infektionsrisiko, die älter als 16 Jahre alt sind, Anspruch auf eine medikamentöse PrEP erhalten. Dazu zählen die ärztliche Beratung ebenso wie die Erstattung der Medikamente und die im Rahmen der Arzneimitteltherapie erforderlichen Begleituntersuchungen.

 

Wer genau zum Kreis der Anspruchsberechtigten zählt, sollen Ärzte und Krankenkassen gemeinsam festlegen. Nach Schätzungen des BMG werden in Deutschland etwa 10 000 Menschen die PrEP nutzen. Die Behandlung der Patienten und Verordnung der Arzneimittel soll dabei ausschließlich über Ärzte mit entsprechenden Kenntnissen und Erfahrungen laufen.

 

Günstigere Alternative

 

Die PrEP ist in Deutschland seit 2016 verfügbar. Dabei nehmen HIV-negative Menschen ein Präparat gegen die Infektionskrankheit ein, um sich vor einer Ansteckung zu schützen. Während das Original Truvada® (Emtricitabin und Tenofovirdisoproxil) mit rund 800 Euro recht teuer ist, gibt es inzwischen auch deutlich günstigere Generika für die Präexpositionsprophylaxe. Zudem ist die PrEP seit einigen Monaten in ausgewählten Apotheken auch schon für 50 Euro erhältlich, was im Wesentlichen einer Idee des Kölner Apothekers Erik Tenberken zu verdanken ist. Dabei werden über die Apotheke jeweils 28 Tabletten eines Truvada-Generikums individuell für den Patienten verblistert. So entsteht ein neues Präparat, das ausschließlich für die präventive Behandlung zugelassen ist.

 

Zu den Kosten für das Arzneimittel kommen im Rahmen der PrEP die Ausgaben für die Behandlung beim Arzt sowie für Laboruntersuchungen. So müssen PrEP-Nutzer etwa regelmäßig einen HIV-Test machen und vor Beginn der Therapie einen Nieren-Check durchlaufen. Das Gesundheitsministerium rechnet mit Mehrausgaben der Krankenkassen von etwa 5 Millionen Euro pro Jahr.

 

Bis Ende 2020 möchte Spahn die Wirkung der PrEP evaluieren lassen. Dabei machen Zahlen aus anderen Ländern durchaus Hoffnung. So meldeten laut BMG etwa England, San Francisco sowie der australische Bundesstaat New South Wales im vergangenen Jahr Rückgänge der HIV-Neuinfektionen um bis zu 40 Prozent. »Die PrEP bietet damit einen wirksamen Infektionsschutz in einem Bereich, für den Impfungen bislang nicht zur Verfügung stehen und ist damit ein wichtiger Faktor für die öffentliche Gesundheit«, heißt es im Gesetzentwurf. Im Rahmen der Evaluation möchte das Ministerium dabei auch prüfen, ob weitere Personen wie Mitarbeiter im Gesundheitswesen, »einer solchen Prophylaxe bedürfen«.

 

Für seinen Vorstoß erhält der Minister breite Unterstützung. Es sei nur konsequent, diesen Schritt zu gehen, sagte SPD-Gesundheitsexpertin Hilde Mattheis. »Ich bin froh, dass die Union hier ihre ideologischen Scheuklappen abnimmt und pragmatisch im Sinne der Versicherten Politik machen will.« Auch Kordula Schulz-Asche von den Grünen lobte Spahn: »Prävention ist gerade bei HIV kostengünstiger als die Therapie und entlastet damit auch die Krankenkassen.« Nun müssten auch die privaten Versicherer nachziehen. Achim Kessler, Linken-Sprecher für Gesundheitsökonomie, sprach von einem »wichtigen Meilenstein im Kampf für den selbstbestimmten Umgang mit dem Krankheitsrisiko Aids«.

 

Mit seinem Gesetzentwurf möchte der Gesundheitsminister darüber hi­naus dafür sorgen, dass Patienten künftig noch schneller einen Termin beim Arzt bekommen. Dafür sollen die sogenannten Termin-Servicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen deutlich mehr Aufgaben übernehmen und zu Anlaufpunkten für ambulante Versorgung und Notfälle weiterentwickelt werden. Über die bundesweit einheitliche Notdienstnummer 116117 sollen sie dabei rund um die Uhr erreichbar sein.

 

Offene Sprechstunden

 

Zudem müssen Kassenärzte künftig mindestens 25 Stunden pro Woche Sprechzeiten anbieten und damit fünf Stunden mehr als bislang. Bestimmte Arztgruppen wie Haus- und Kinderärzte sollen dabei wenigstens fünf Stunden als offene Sprechstunde ohne Terminvereinbarung abhalten. Für einige Leistungen gibt es dafür künftig mehr Geld, so etwa für die Behandlung eines Patienten, der über eine Termin-Servicestelle vermittelt wurde. Ein Zusatzbudget ist zudem für die Vermittlung eines Termins beim Facharzt durch einen Allgemeinmediziner vorgesehen. Außerdem will Spahn die Erstbehandlung eines neuen Patienten in der Praxis finanziell belohnen.

 

Spätestens ab 2021 müssen Krankenkassen ihren Versicherten eine elektronische Patientenakte zur Verfügung stellen, auch das möchte der Minister über die Novelle regeln. Bis Ende dieses Jahres müssen dabei einheitliche Standards feststehen, an denen sich die Kassen bei der Entwicklung ihrer Angebote orientieren sollen, diese Frist steht bereits heute im Gesetz. Langfristig sollen die Patienten auch mobil über ihr Smartphone oder ein Tablet Zugriff auf ihre Daten erhalten.

 

Das neue Gesetz wird die Krankenkassen insgesamt rund 600 Millionen Euro pro Jahr kosten. Zunächst wird nun die Bundesregierung über den Entwurf aus dem Gesundheitsministerium beraten. In Kraft treten sollen die neuen Regeln voraussichtlich im April 2019. /

Mehr von Avoxa