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Demenz-Kunstwerk

Es fliegt etwas davon

25.07.2018  09:41 Uhr

Von Ulrike Abel-Wanek, Frankfurt am Main / Ihre Krankheit trägt seinen Namen. Alois Alzheimers Patientin Auguste Deter erkrankte mit 51 Jahren an präseniler Demenz. Ein Kunstwerk auf dem Campus Westend der Goethe-Universität Frankfurt erinnert nun an die Frau, die Alzheimer weltberühmt machte.

Auguste Deter betrat das im Volksmund sogenannte Irrenschloss am 25. November 1901, vormittags um halb elf. In die 1859 auf dem heutigen Universitätsgelände im Frankfurter Westend erbaute psychiatrische Anstalt begleite­te sie ihr Mann Karl. Der Eisenbahnsekretär kam laut der gut erhaltenen Protokolle der Nervenklinik mit seiner Frau »zu Hause unter diesen Umstän­den nicht mehr aus«. Die in der Literatur auch als Auguste D. bezeichnete Patientin fand sich in der gemeinsamen Wohnung nicht mehr zurecht, war vergesslich und wirkte häufig abwesend. Verfolgungsängste und unerträgliche Erregungszustände quälten sie. »Ich habe mich sozusagen verloren«, sagt sie in einem klaren Moment zu ihrem behandelnden Arzt, Dr. Alois Alzheimer.

Alzheimer hatte 1888 als Assistenz­arzt an der Frankfurter ­»Städtischen Heilanstalt für Irre und Epileptische« begonnen. Direktor war Dr. Heinrich Hoffmann, der Autor des »Struwwelpeter«. Seinem Engagement verdankte das Krankenhaus seinen Wandel weg von einer menschenunwürdigen Verwahranstalt für psychisch Kranke hin zu einer modernen psychiatrischen Klinik. Auguste D. verließ das »Irrenschloss«, so genannt wegen seiner herrschaftlich anmutenden, neugotischen Architektur, nicht mehr. Nach ihrem Tod 1906 – Alzheimer leitete mittlerweile die histopathologische Forschung bei dem Psychiater Emil Kraepelin in München – untersuchte der Neuropathologe Alzheimer das Gehirn der Frankfurterin. Noch im selben Jahr hielt er in Tübingen einen Vortrag mit dem Titel »Über eine eigenartige Erkrankung der Hirnrinde«. Vier Jahre später wurde die Erkrankung als »Alzheimersche Krankheit« allgemein bekannt.

 

Seit 2005 erinnert eine Gedenktafel auf dem Frankfurter Campus Westend an die historische Entdeckung Alzheimers. Doch was ist mit Auguste D.? »Zu kurz kommt nicht nur ihre Würdigung als Person, sondern auch ihre Wahrnehmung als eine Gestalt, die zu einem nicht-stigmatisierenden, nicht tabuisierenden Umgang mit der ›Krankheit des Vergessens‹ anregen kann.« Davon ist der Frankfurter Stadtteilhistoriker Rudolf Dederer überzeugt. Seiner Stiftung ist es zu verdanken, dass der ersten Alzheimer-Patientin auf dem Campus Westend nun ein Denkmal gesetzt wird. »Haus der Winde«, eine Skulptur aus Hunderten kleinen Stahlplatten des Künstlers Bruno Feger, erinnert trotz ihrer 430 Kilogramm Gewicht an einen fragilen, in der Luft schwebenden Karton. Noch fehlt hier der Sockel, in den Geschirrscherben aus dem ehemaligen »Irrenschloss« eingelassen werden sollen. Deckel und Boden der »kippenden Kiste« stehen offen. Erinnerungen verschwinden hier ins Leere, die menschliche Kontrolle steht infrage. »Da fliegt etwas davon«, sagte der Wiener Psychiater, Professor Dr. Siegfried Kasper, der anlässlich der Denkmal-Einweihung am 5. Juli 2018 einen Vortrag zum Thema Demenz hielt.

 

Feger installiert mit »Haus der Winde« sein zweites Kunstwerk auf dem Campus-Westend, und weiß sich hier in bester Gesellschaft. Ob die »Kopf-in-Kopf-Skulptur« des österreichischen Bildhauers Alfred Haberpointner oder der zum Campus-Wahrzeichen gewordene Buchstaben-Mann »Body-of-Knowledge« vom Spanier Jaume Plensa: Kunst ist stark vertreten auf – laut Frankfurter Universität – «Deutschlands schönstem Campus« im Westen der Stadt. Seit Jahren macht sich der Universitäts-Vizepräsident, Professor Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz, stark für die Kunst am Campus – zusammen mit dem Naturwissenschaftler, Alumnus und Kurator Dr. Carsten Siebert. Auch im Norden der Stadt, wo die Ausstellungen und Projekte des natur­wissenschaftlichen Campus Riedberg (www.kunstraum.uni-frankfurt.de) seit 2009 ein breites Publikum anlocken – ganz im Sinne der Initiatoren: »Die Universität braucht mehr Kunst«. /

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