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Umfrage

Wie viel Forschung leistet die Klinische Pharmazie?

21.07.2017
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Von Christine Weiser, Janin Kuß und Charlotte Kloft1 / Im Rahmen einer Wahlpflichtarbeit an der Freien Universität Berlin wurde in Zusammenarbeit mit der Fachgruppe Klinische Pharmazie der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft 2013 eine Umfrage unter den Fachverantwortlichen an den deutschen Pharmaziehochschulstandorten durchgeführt. Ziel war es, ein genaueres Bild über die Entwicklung der Forschungsaktivitäten in Klinischer Pharmazie an den Hochschulstandorten für Pharmazie in Deutschland zu gewinnen und eine übergreifende Bilanz zur Forschungsleistung des Fachs Klinische Pharmazie zu ziehen.

Seit mittlerweile 15 Jahren ist das Fachgebiet Klinische Pharmazie fester Bestandteil in der Approbationsordnung für Apotheker (1). Es ist damit das jüngste der fünf pharmazeutischen Kernfächer, das allerdings bisher noch nicht an allen pharmazeutischen Hochschul­standorten eigenständig durch eine Forschungseinheit vertreten ist.

Methode

 

Die Datenerhebung wurde mittels Online-Fragebogen (SurveyMonkey®) durchgeführt, welcher auf Grundlage der Delphi-Methode erstellt wurde (2). Bei der Delphi-Methode handelt es sich um ein wissenschaftliches Verfahren zur Konsensfindung, zum Beispiel in der Erstellung von Fragebögen. Dabei brachte eine Expertenrunde in iterativen Diskussionsrunden sowohl während der Erstellung des Fragebogens als auch der Auswertung der erhaltenen Antworten ihre Erfahrung ein.

 

Im Fragebogen wurden die Daten der Standorte über einen Zeitraum von fünf Jahren (2009 bis 2013) erhoben. Der Fragebogen war in vier Abschnitte unterteilt: Zuerst wurden (i) die Basisdaten der Standorte, anschließend (ii) die Teilnahme in Forschungsverbünden und (iii) die Daten zu den einzelnen Forschungsverbünden und abschließend (iv) die Angaben zu den Forschungseinrichtungen erhoben.

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Der Fragebogen wurde an die Verantwortlichen des Faches Klinische Pharmazie aller 22 Hochschulstandorte für Pharmazie in Deutschland gesendet. Die erhaltenen Antworten wurden als Erstes anonymisiert und damit nachfolgend in verblindeter Weise statistisch ausgewertet.

 

Ergebnisse

 

  • Datenbasis

Von den 22 Hochschulstandorten beantworteten 17 Standorte (Rücklaufquote: 77,3 Prozent) den Fragebogen, davon 16 vollständig und einer unvollständig, fünf Standorte machten keine Angaben.

 

  • Klinische Pharmazie an den Hochschulstandorten

Das Fach Klinische Pharmazie wurde zum Zeitpunkt der Erhebung im Jahr 2013 an 13 Standorten durch eine leitende Position (sieben Vollprofessuren, drei außerplanmäßige Professuren, eine­ Juniorprofessur, eine Hochschuldozentur und eine Akademische Ratsposition) vertreten, die ausschließlich für das Fachgebiet zuständig war.

Hierbei ist hervorzuheben, dass die Klinische Pharmazie lediglich an sieben Standorten durch eine dauerhafte Vollprofessur vertreten war. An 13 Standorten waren im Jahr 2013 ununterbrochen Forschungseinheiten (zum Beispiel ein Arbeitskreis) eingerichtet, die patientenorientierte Forschung betrieben (Abbildung 1). Zu beachten ist, dass drei der 13 Forschungseinheiten erst seit Kurzem (≤ 3 Jahre) bestanden. Die kumulative gesamte Forschungsdauer, die von diesen 13 Forschungseinheiten seit ihrem jeweiligen Bestehen bis 2013 geleistet wurde, beträgt 125 Jahre beziehungsweise im Median neun Jahre pro Standort.

 

  • Charakteristika der Forschungsverbünde

Acht der 13 Forschungseinheiten waren im Zeitraum von 2009 bis 2013 Partner in insgesamt 24 groseren drittmittelgeforderten Forschungsverbunden (mindestens 3 Kooperationspartner), wobei sieben Forschungseinheiten vollstän­dige Angaben hierzu machten. Die Dauer dieser Forschungsverbünde ­betrug im Median drei Jahre und die Anzahl der Partnereinrichtungen im Median 6. Teilweise waren die Forschungsverbünde sehr langfristig auf »unbegrenzte« Zeit angelegt und/oder sehr groß mit Beteiligung von bis zu 26 Partnern. In den Forschungsverbünden kooperierten in der Mehrheit Hochschulpartner, in gut 40 Prozent außerdem nicht-universitäre Institutionen, wie außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, die pharmazeutische Industrie und andere Einrichtungen (Abbildung 2). An 70 Prozent der Forschungsverbünde beteiligten sich ausschließlich nationale Partner, in größeren Forschungsverbünden nahmen Partner aus bis zu zwölf weiteren Nationen teil.

19 Forschungsverbünde wurden in der Zeit von 2009 bis 2013/20142 gegründet und die Anzahl der Neugründungen lag während der untersuchten fünf Jahre im Durchschnitt bei 3,8 neugegründeten Forschungsverbünden pro Jahr.

 

Die Forschungsverbünde wurden dabei durch verschiedene Träger finanziert. Hauptdrittmittelgeber waren mit 45,8 Prozent nationale staatliche Förderinstitutionen: Spitzenreiter unter den Projektträgern war mit über der Hälfte die Deutsche Forschungsgesellschaft (DFG), daneben mit circa ein Drittel das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) und mit 18 Prozent das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) (Abbildung 3).

 

Neben diesen drei nationalen staatlichen Drittmittelgebern förderten weitere nationale und internationale staatliche (zum Beispiel EU mit 12,5 Prozent) Fördereinrichtungen und auch private Geldgeber die Forschungsverbünde. In den einzelnen Forschungsverbünden belief sich das Gesamtfördervolumen auf 1 000 000 bis 2 500 000 Euro (Median; Spanne: 10 001 bis 50 000 Euro bis ­≥ 10 000 000 Euro), wobei im Median etwa 50 000 bis 100  000 Euro auf die befragten Forschungseinheiten ent­fielen (Abbildung 4).

 

  • Erfassung der Forschungs­aktivitäten und -leistungen

Um eine Forschungsbilanz für das Fachgebiet Klinische Pharmazie ziehen zu können, wurden verschiedene Aspekte mit der Bezugsgröße »je Forschungseinheit pro Jahr« berücksichtigt, wie die Anzahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen und die Anzahl der erfolgreichen Abschlüsse von Nachwuchswissenschaftlern. Dabei wurden Angaben aus den Jahren 2009 bis 2013 der einzelnen Forschungseinheiten zur Auswertung herangezogen (von den 13 Standorten mit einer Forschungseinrichtung lagen Angaben von n = 12 vor).

So gab es knapp 5 wissenschaftlich tätige Mitarbeiter (gerechnet als Vollzeitäquivalent, das heißt, zum Beispiel zwei Teilzeitstellen (je 50 Prozent) = ein Vollzeitäquivalent) pro Forschungseinrichtung und fast die Hälfte dieser Mitarbeiter wurde über Drittmittel finanziert; diese hohe Quote war unabhängig von der absoluten Größe des wissenschaftlichen Personals der Forschungseinrichtung (Spanne: n = 1,5 bis 8, Abbildung 5).

 

An zwei Dritteln der Standorte konnte im Untersuchungszeitraum ein Diplom- oder Master-Abschluss in Klinischer Pharmazie erworben werden und von 2009 bis 2013 wurden 83 Diplom- beziehungsweise Masterarbeiten erfolgreich abgeschlossen, dies waren 2,5 Diplom-/Masterarbeiten pro Jahr und Forschungseinheit. Zum Zeitpunkt der Umfrage gehörten insgesamt 92 Doktoranden den Forschungseinheiten an, wovon knapp 50  Prozent drittmittelfinanziert waren. Pro Jahr wurden im Untersuchungszeitraum in jeder Forschungseinheit etwa 1,5 Promotionen erfolgreich abgeschlossen. Im Untersuchungszeitraum gehörten insgesamt 12 Habilitanden und/oder post-doktorale Nachwuchswissenschaftler den Forschungseinheiten an, innerhalb dieser Zeitspanne wurden zwei Habilitationen erfolgreich abgeschlossen.

 

Im gleichen Zeitrahmen wurden insgesamt 237 Peer-Review Original- und 54 Übersichtsarbeiten veröffentlicht. Im Durchschnitt veröffentlichte jede Forschungseinheit 4,5 Originalarbeiten und 1,0 Übersichtsarbeit pro Jahr. Seit 2009 wurden Projekte der Klinischen Pharmazie bereits sieben Mal ausgezeichnet.

 

  • Grenzen der Erhebung und Ausblick

Von den 22 pharmazeutischen Hochschulstandorten in Deutschland beteiligten sich 16 vollständig an der Um­frage, dies entspricht circa 73 Prozent aller Pharmaziestandorte. Inwieweit die Daten des fehlenden Viertels auf nicht vorhandenen Forschungseinheiten oder sonstigen Gründe beruhen, lässt sich aus dem Studiendesign nicht schließen. Sinnvoll ist, die Erhebung in regelmäßigen Zeitabständen zu wiederholen, um die Entwicklung des ­Faches Klinische Pharmazie zu ver­folgen.

 

Diskussion

 

Die erfassten Daten zur Forschung in Klinischer Pharmazie an den deutschen Hochschulstandorten zeigen, dass bezogen auf 17 Standorte an drei von vier Hochschulstandorten eine Forschungseinheit besteht (und damit eine wissenschaftlich-orientierte Lehre möglich ist).

 

Bemerkenswert ist, dass trotz der zum Teil jungen Forschungseinheiten (23,1 Prozent ≤ 5 Jahre Bestehen) mehr als 60 Prozent der Forschungseinheiten an größeren Forschungsverbünden beteiligt waren, die in Kooperation mit primär anderen universitären, und auch mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen, Partnern der pharmazeutischen Industrie und ­weiteren Einrichtungen durchgeführt wurden.

 

Die Forschungseinheiten wurden neben weitgehend öffentlichen auch durch private Drittmittelgeber gefördert. Ungefähr die Hälfte des wissenschaftlichen Personals und im Besonderen der wissenschaftliche Nachwuchs (Promovierende und Habilitierende) waren drittmittelfinanziert.

Limitierend an der durchgeführten Studie war, dass mit 16 Standorten nur 72,7 Prozent der 22 deutschen Hochschulstandorte den Fragebogen komplett ausgefüllt haben. Zudem erfolgte die Einschätzung durch die Hochschulinstitute und die die Klinische Pharmazie vertretende Person selbst.

 

Da nur die zum Zeitpunkt der Erhebung bestehenden Forschungseinheiten und -verbünde erfasst wurden und damit eventuell Forschungsverbünde, die innerhalb des Erhebungszeitraums beendet wurden, eventuell nicht angegeben wurden, ist die retrospektive Bewertung der Entwicklung der Anzahl an Forschungsverbünden deutschlandweit als konservative Schätzung anzusehen.

 

Um eine weitergehende Bilanz zum wissenschaftlichen Beitrag der Klinischen Pharmazie zu ziehen, wären direkt vergleichbare Daten zur Klinischen Pharmazie zum einen zu früheren Zeitpunkten als auch zur Situation in den anderen pharmazeutischen Kernfächern hilfreich beziehungsweise sollte die Erhebung künftig kontinuierlich durchgeführt werden.

 

Fazit

 

Das Fach Klinische Pharmazie leistet als Bindeglied zwischen der pharmazeutisch-wissenschaftlichen Grundlagenforschung und der patientenorientierten Arzneimittelanwendung einen wichtigen Beitrag zur Qualität und Ausrichtung der pharmazeutischen Hochschulausbildung. Zwölf Jahre3 nach Einführung dieses Fachs in die Approbationsordnung für Apotheker ist die Etablierung der klinisch-pharmazeutischen Forschung im größeren Verbund mit Forschungspartnern auf internationalem Niveau an den Hochschulstandorten mit eigener Forschungseinrichtung im Fach bereits häufig erfolgt und insgesamt auf einem sehr erfolgreichen Weg.

Expertenteam

Kristina Friedland, Universität Erlangen; Ulrich Jaehde, Universität Bonn; Thorsten Lehr, Universität des Saarlandes; Christoph Ritter, Universität Greifswald

 

In Zusammenarbeit mit der Fachgruppe Klinische Pharmazie der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft (DPhG)

An den 13 Hochschulstandorten, an denen eine Forschungseinheit bestand (Median des Bestehens: neun Jahre), waren acht an Forschungsverbünden beteiligt (in erster Linie solche mit einer langfristigen Forschungseinheit in Klinischer Pharmazie). Diese Standorte stellten bereits in fast drei Viertel der Forschungsverbünde den Projektleiter oder waren in führender Position in den Konsortien. Des Weiteren waren die Standorte mit eigenständiger Forschungseinheit in Klinischer Pharmazie ebenfalls im Hinblick auf die starke Drittmittelfinanzierung (vorwiegend durch nationale und europäische öffentliche Drittmittelgeber), die Anzahl veröffentlichter Publikationen und in der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses sehr erfolgreich. Überaus bemerkenswert ist, dass die Hälfte des wissenschaftlichen Personals drittmittelfinanziert ist. Dies verspricht für die Zukunft eine weitere Stärkung der patientenbezogenen und interdisziplinären Forschung im Fach Pharmazie zum Wohle des Patienten. Eine longitudinale Beurteilung in regelmäßigen Abständen, zum Beispiel alle sechs Jahre, wird empfohlen. /

 

1) Unter Mitarbeit von Janina Irwin, David Mainka, Johanna Striegnitz, Meike Tröger, Sophia Wolf (alle Wahlpflichtfachstudierende der Freien Universität Berlin).

2) Einige Teilnehmer haben die Fragebögen erst am Anfang des Jahres 2014 zurückgeschickt. Die dadurch erfassten Forschungsverbünde, die in 2014 gegründet wurden, wurden der gemeinsamen Kategorie 2013/2014 zugeordnet. Es wurden nicht die in 2014 gegründeten Forschungsverbünde als einzelne Kategorie aufgeführt, da nicht sichergestellt werden kann, dass alle in 2014 gegründeten Forschungsverbünde erfasst wurden.

3) Aus Perspektive des untersuchten Zeitraums bis 2013.


 

Literatur

  1. Approbationsordnung für Apotheker vom 19. Juli 1989 (BGBl. I S. 1489), zuletzt durch Artikel 2 des Gesetzes vom 18. April 2016 (BGBl. I S. 886) geändert.
  2. Kühl et. al. Handbuch der Organisationsforschung. Springer, 2009.

Kontakt

Christine Weiser,

Institut für Pharmazie, Klinische Pharmazie & Biochemie

Freie Universität Berlin

Kelchstr. 31

12169 Berlin

E-Mail: christine.weiser@fu-berlin.de

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