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Hypogonadismus

Testosteron-Tief bei Diabetikern

26.07.2017
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Von Brigitte M. Gensthaler, München / Ältere Männer mit Diabetes mellitus, aber auch stark übergewichtige Männer können einen sekundären Hypogonadismus entwickeln. Kennzeichnend sind reduzierte Testosteronspiegel im Serum und typische Beschwerden. Bei der Hormonsubstitution ist Vorsicht geboten.

»Das Kernsymptom des Testosteronmangels ist eine verminderte Libido«, informierte Dr. Cornelia Jaursch-­Hancke von der Deutschen Klinik für Diagnostik in Wiesbaden beim Kongress »Diabetologie Grenzenlos« in München. Vielfältige weitere Symptome wie Osteoporose, Anämie, erektile Dysfunktion, abnehmende Muskelkraft und -masse, aber auch nachlassende Vitalität, Stimmungsschwankungen und Depressivität können hinzukommen. Definiert ist der Hypogonadismus als klinisches Syndrom mit reduziertem Serumtestosteron und klinischen Beschwerden.

 

Ärzte unterscheiden den primären vom sekundären Hypogonadismus. Beim erstgenannten ist die Hormonproduktion in den Leydig-Zellen des Hodens gestört, zum Beispiel beim Klinefelter-Syndrom, einer angeborenen Chromosomenstörung des Mannes, nach Verletzungen der Hoden oder Chemotherapie. Typischerweise sind die Gonadotropine Luteinisierendes Hormon (LH) und Follikel-stimulierendes Hormon (FSH), die die Hypophyse freisetzt, im Serum deutlich erhöht. Daher spricht man vom hypergonadotropen Hypogonadismus.

 

Primär und sekundär

 

Anders bei der sekundären Form: Hier ist entweder die Funktion des Hypothalamus oder der Hypophyse beeinträchtigt. Mangels Stimulation bilden die Leydig-Zellen zu wenig oder kein Testosteron. Die Konzentrationen von LH und FSH sind erniedrigt.

 

Ein hypogonadotroper Hypogonadismus komme bei etwa 25 bis 50 Prozent der Männer mit Typ-2-Diabetes vor, berichtete die Endokrinologin. Ein zunehmendes Problem sei auch die Adi­positas-assoziierte Form MOSH (Male Obesity Associated Secondary Hypo­gonadism). Als Auslöser gelten die viszeralen Fettzellen, die endokrin hoch aktiv sind und über ihre Mediatoren unter anderem Insulinresistenz, Entzündungsprozesse und Dyslipidämie fördern und die Estradiol-Produktion anregen. Letztlich wird die Hypothalamus-Hypophyse-Gonaden-Achse blockiert.

 

Zur Bestimmung der Testosteron-Serumspiegel muss die Blutabnahme am Vormittag zwischen 7 und 11 Uhr erfolgen, betonte die Ärztin. Aufgrund der circadianen Rhythmik der Hormonsekretion sind dann die Spiegel am höchsten, während sie im Lauf des Tages abfallen. Intraindividuell gebe es starke Schwankungen. Nach starker körperlicher Aktivität oder bei schweren Erkrankungen sinke das Testo­steron massiv ab.

 

Laut Leitlinie der European Association of Urology (EAU) zum Hypogonadismus liegt der untere Grenzwert für das Gesamt-Serumtestosteron des geschlechtsreifen Mannes bei 12,1 nmol/l (3,5 ng/ml, 346 ng/dl) und bei 243 pmol/l für das errechnete freie Testosteron. Auch die Gonadotropine, das Sexualhormon-bindende Globulin (SHBG), Prolaktin sowie der PSA-Wert sind ­diagnostisch relevant. Die Diagnose ­basiere auf klinischen Symptomen und Anzeichen eines Androgenmangels bei durchgängig niedrigen Serum-Testo­steronspiegeln, heißt es bei der EAU.

 

Runter mit dem Gewicht

 

»Erste Maßnahme für Männer mit Diabetes oder MOSH ist die Gewichts­reduktion«, sagte Jaursch-Hancke. Schon bei einem Verlust von 5 Prozent des Körpergewichts steige Testosteron signifikant an. »Bei adipösen Männern normalisiert sich nach einer bariatrischen Operation fast immer der Sexualhormonwert.«

 

Eine medikamentöse Hormon­substitution sei bei primärem und ­sekundärem Hypogonadismus sehr ­effektiv, so die Endokrinologin. Bei ­Patienten mit Diabetes oder MOSH seien die Effekte und Risiken aber noch nicht ausreichend untersucht. Vor einer Hormongabe muss der Mann gründlich untersucht werden, um zum Beispiel ein Prostatakarzinom auszuschließen. Dann ist Testosteron kontraindiziert. Außerdem müsse man auf Nebenwirkungen wie einen Hämoglobin-Anstieg achten.

 

Eine erektile Dysfunktion sei bei vielen Diabetes- oder MOSH-Patienten gut und nebenwirkungsarm mit ­PDE-5-Hemmern zu behandeln, so die Ärztin. Bei ungenügendem Ansprechen und nachgewiesenem Hormonmangel könne die Substitution damit kombiniert werden. /

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