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Gesundheitseinrichtungen

»Genesung und Kunst verbinden«

24.07.2017
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Von Jennifer Evans / Eine am Menschen orientierte Raum­gestaltung könnte helfen, Stürze zu verhindern. Über die Bedeutung von durchdachten Leitsystemen in Altenheimfluren sowie Ethik und Ökonomie im Gesundheitswesen sprach die PZ mit dem Farbexperten Axel Venn.

PZ: Wie viele Gesundheitseinrichtungen machen sich hierzulande Gedanken über ein Farbkonzept?

 

Venn: Es sind wohl nicht mehr als 0,01 Prozent. Dieses Konzept wird nicht ernsthaft betrieben. Ich glaube auch zu wissen, warum das so ist. Aus meiner Sicht ist die gesamte Gesundheits­politik viel mehr misanthropisch als philanthropisch ausgerichtet. Ich sehe ein vorherrschendes ökonomisches Moment und kein ethisches. Dabei wäre es so simpel, älteren Menschen durch Gestaltungshilfen das Leben zu erleichtern.

 

PZ: An was denken Sie neben Farbkonzepten noch?

 

Venn: Im Alter lassen die Sinne nach. Deshalb brauche ich redundante Systeme, um sie auszugleichen. Das können optische, akustische oder haptische Führungen durch einen Raum sein. Mithilfe verständlicher Leitsysteme lassen sich viele Stürze vermeiden. Was die Wissenschaft längst weiß, scheinen die Betreiber von Kliniken aber nicht zu erkennen oder erkennen zu wollen. Wo kranke und bedürftige Menschen leben, ist doch besondere Zuwendung und vor allem Achtsamkeit gefragt. Viele Entscheider scheinen aber unbelehrbar zu sein, während die Industrie das Potenzial emotionaler Ansprache längst verstanden hat.

 

PZ: Welche Farben haben sich Ihren Untersuchungen zufolge als besonders gesundheitsfördernd herauskristallisiert?

 

Venn: An erster Stelle steht ein intensives Rot. Ein Inkarnatston wie bei roten Lippen und Wangen. Er drückt Vitalität aus. Auch andere aktivierende Farben wie Orange, Türkis, Apfelgrün und Gelb liegen weit oben auf der Skala. Man assoziiert diese intensiven Töne vielleicht mit einem gesunden Obst- und Gemüseteller. Farblich Aktivierendes, Frisches und Lebendiges baut uns ganz offensichtlich auf und versetzt uns in eine optimistische Stimmung. Aber obwohl auch Milch gesund wäre, kommt Weiß nicht vor. Es ist einfach der Stimmung nicht zuträglich. Kein Wunder also, dass auch zarte Sorbet- und Pastelltöne auf der Farbpalette weit hinten stehen.

 

PZ: Wie erklären Sie das?

 

Venn: Wir erleiden ja unsere Gesundheit nicht, sondern wir haben Spaß an ihr. Daher sind es oft Nuancen, die fröhlich, sportlich oder fruchtig daher kommen. Farbwelten werden übrigens oft wie ein Kurzurlaub wahrgenommen, weil sie alle Sinne ausfüllen.

 

PZ: Nicht bei jeder Krankheit sind aber aktivierende Farben gut, oder?

 

Venn: Nein, natürlich nicht. Zum Beispiel bei unruhigen oder depressiven Patienten können intensive Farben ungünstig sein. Aber da kommt die Flexibilität ins Spiel, die ich in Gesundheitseinrichtungen leider vermisse. Es kostet doch keine Zeit, ein für den Pa­tienten unangenehm farbiges Bild auszutauschen. Eine entsprechende Gemäldeauswahl könnte man ja günstig bei Kunststudenten einkaufen. Kunst und Genesung sinnvoll zu verbinden, das wäre ohnehin das Beste.

 

PZ: Welche Kriterien sollte ein Bild für eine Gesundheitseinrichtung erfüllen?

 

Venn: Wichtig ist, dass es keine Zickzacklinien enthält und die Kreuz- und Querlinien nicht spitzwinkelig zusammenlaufen. Spitze Zeichenformen oder auch dicht nebeneinander verlaufende Linien bereiten uns schon unter normalen Umständen Schwierigkeiten, weil beim Anschauen Irritationen entstehen. Außerdem sollte sich kein Mensch mit Kunstwerken konfrontiert sehen, die er nicht mag. Auch auf der Intensivstation wäre es wichtig, mehr Farben zu integrieren. Hier eignen sich amorphe Strukturen. Diese fließende Gestaltung gleicht der natürlichen Sehweise von Licht und Schatten und wirkt wie sanft schwingende Wolken am Himmel. So ermüden die Zapfen der Netzhaut nicht, und es entstehen keine störenden Simultankontraste. Ideal wäre es, wenn jede Gestaltung und jedes Produkt in einer Gesundheitseinrichtung eine sich dem Menschen zuwendende Ethik besitzt. /

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