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Coronapandemie

Klinikclowns auf Videovisite

Dass Humor heilend wirken kann, bestätigen wissenschaftliche Studien schon seit Jahren. Die sogenannte Klinikclownerie hat sich als zusätzliche Intervention am Krankenbett bereits vielerorts etabliert. Über die Situation während der Corona-Pandemie mit Zoom-Besuchen und Fenstervisiten sprach die PZ mit Torsten Kiehne, dem Klinikclown »Fernando« aus Hamburg.
Ulrike Abel-Wanek
03.06.2022  18:00 Uhr

PZ: Direkte Interaktion und persönliche Nähe sind ein unverzichtbarer Teil der Arbeit von Klinikclowns. Wie konnten Sie trotz Pandemie und Besuchsverboten in den Gesundheits- und Pflegeinstitutionen den Kontakt zu Ihren großen und kleinen Patienten halten?

Kiehne: Der Dachverband der Clowns in Medizin und Pflege ist ein Zusammenschluss von insgesamt 19 Vereinen, deren künstlerische Leiter sich direkt zu Beginn der Pandemie intensiv untereinander ausgetauscht haben. Ich war Vorstandsmitglied in Hamburg, bin aber auch Teil des vierköpfigen Vorstands des Dachverbands. Wir mussten uns zunächst auch mit völlig neuen und komplexen Themen wie dem Datenschutz befassen – Kontakt über Zoom zu den Patienten und Patientinnen aufzunehmen, war anfangs von einigen Krankenhäusern nicht erwünscht. Dennoch haben wir viele neue Ideen entwickelt.

PZ: Zum Beispiel Videovisiten?

Kiehne: Ja, aber nicht nur. In einem Seniorenheim, wo es keine Balkone gab, haben wir von draußen pantomimisch an den Fenstern gespielt, manchmal hat eine Mitarbeiterin in den Räumen ein Telefon gehalten und wir konnten mit den Bewohnern und Bewohnerinnen dann auch sprechen. Die musikalischen Clowns und Clowninnen haben Gartenkonzerte in Innenhöfen veranstaltet. Andere Kollegen und Kolleginnen waren kreativ mit wechselnden digitalen Hintergründen – mal Lüneburger Heide und mal Theatersaal - und haben dazu passende Geschichten und Kostüme erfunden. Die Videovisiten waren eine gute Sache in schwierigen Zeiten, sind aber nur ein Baustein im großen Spektrum dessen, was wir können und was unsere Arbeit ausmacht.

PZ: Wird die Digitalisierung für die Arbeit der Klinikclowns in Zukunft trotzdem eine Rolle spielen?

Kiehne: Es wird vermutlich etwas bleiben. Beispielsweise treten wir als Clowns, wenn möglich, immer zu zweit auf und haben in den jeweiligen Institutionen häufig feste Partner. Als eine Kollegin mit Verdacht auf eine Coronainfektion nicht mit ins Altenheim kommen konnte, hat ihre Partnerin sie einfach auf dem Tablet im Koffer mitgebracht. Von dort drinnen rief sie dann: »Lass mich hier sofort raus!« So ergeben sich mithilfe neuer Medien durchaus neue und witzige Spielideen. Auf den ersten Blick ist das auch attraktiv, aber in dem Moment, wo wir nur noch zweidimensional auf dem Bildschirm erscheinen, ist die Gefahr sehr groß, dass wir nicht mehr sind als nur Fernsehen.

PZ: Wie sind die Klinikclowns finanziell durch die Coronapandemie gekommen? Wer bezahlt sie?

Kiehne: Wir hatten weniger Einsätze und unsere Einnahmen sind eingebrochen wie bei vielen anderen Freiberuflern auch. Einige Clowns und Clowninnen mussten in dieser Zeit auch aufhören und zurück in ihre alten Berufe. Andere wollten die neue Technik nicht und haben gesagt, es sei nicht das, was man in den Zimmern mache, man erlebe eben nur einen Teil und nicht den ganzen Menschen.

Bezahlt werden wir Clowns von den Vereinen, die überwiegend spendenfinanziert sind. Anders als in Irland, England, Belgien und Holland, wo es auch eine öffentliche Förderung gibt. Manchmal bekommen wir unser Honorar auch von den Einrichtungen, in denen wir arbeiten. Einige von ihnen haben uns während der Besuchsverbote unterstützt, indem sie auf unsere Angebote über Zoom, Facetime oder Skype hingewiesen haben. Als wir nach den Lockerungen der Besuchsregeln wieder persönlich kommen durften, waren sich vom Reinigungspersonal bis zur Klinikleitung aber alle einig: »Endlich seid ihr wieder da«!

PZ: Ein offizielles Berufsbild für Ihre Tätigkeit  gibt es nicht. Welche Voraussetzung braucht man als Klinikclown?

Kiehne: Wir Klinikclowns sind speziell für diese Arbeit ausgebildet. Einige Kollegen und Kolleginnen stammen aus künstlerischen Bereichen, sind Sänger, Schauspieler oder Tänzer. Andere kommen zu uns mit einem herkömmlichen beruflichen Background. Im Hamburger Verein haben wir eine frühere Pharmavertreterin, einen Finanzfachmann und eine Logopädin, aber auch zwei Artisten. Der Dachverband empfiehlt als Basis eine Klinikclown-Ausbildung in einer dafür anerkannten Schule. Aber die Ausbildung endet nie. Am meisten lernt man direkt in den Zimmern. Hier spüre ich die Atmosphäre, nehme Gerüche auf, sehe Familienfotos an der Wand. Diese Informationen gibt es nicht am Monitor. »Du brauchst nicht noch einen Jonglier- oder Musikkurs, sondern Empathie und Gefühl für die Situation, Erfahrung - und Liebe zu den Menschen«, sagte eine Kollegin zu Beginn meiner Laufbahn zu mir.

Ein Klinikclown kommt auch nicht mit Routinen oder den immer gleichen Kunststücken durch sein Clownsleben. Kinder von heute interessieren sich beispielsweise für ganz andere Dinge als Gleichaltrige von vor fünf Jahren. Wir müssen uns mitverändern und jeden Tag neu auf Stimmung und Gemütslage der kleinen oder großen Patienten eingehen und dann aus der Improvisation heraus handeln. Mithilfe von Humor, Spiel, Musik und Fantasie lenken wir so von Schmerzen und Ängsten ab. Unser Ziel ist, dass sich die Patienten und Bewohner nach unseren Besuchen besser fühlen.

»Persönliche Nähe ist unverzichtbarer Teil unserer Arbeit.«
Torsten Kiehne

PZ: Sie spielen in Kinderkliniken ebenso wie in Seniorenheimen, auf einer Station für Stammzelltransplantation ebenso wie vor Long-Covid-Patienten. Worauf kommt es bei den verschiedenen Einsatzorten besonders an?

Kiehne: In Vorträgen ist mein Einstiegssatz oft: Wenn ich in der Lautstärke, mit der ich im Seniorenheim spreche, in einer Kinderklinik reden würde, wären die Kinder verängstigt. Was überall gleich ist: Sie müssen erspüren, was Sie für ein Gegenüber haben. Bei einem schüchternen Kind gehe ich vielleicht nicht direkt als Clown ins Zimmer, sondern lasse erst mal einen Luftballon hineinschweben. Erwachsenen wiederum ist die rote Nase manchmal zu kindisch, die lassen wir dann weg, bieten uns aber trotzdem ganz offen für ein Spiel an. Im Vordergrund steht vor allem: Wie erreichen wir den individuellen Menschen am besten? Wie ich mich trotz Schutzkleidung als Clown zu erkennen gebe, sollte ich wissen, bevor ich zu einem Transplantationspatienten ins Zimmer gehe. Bei alten Menschen werden mit Liedern und Kostümen aus den 1950er- und 1960er-Jahren Erinnerungen aus der Jugendzeit wach, erwecken Resonanz und schaffen Anknüpfungspunkte, um in Kontakt zu kommen.

Speziell für die Arbeit mit Seniorinnen und Senioren zeigt die gerade erschienene CAsHeW-Studie (siehe Kasten) zum Beispiel, dass die Klinikclowns und -clowninnen dazu beitragen können, Vereinsamung entgegenwirken und verloren gegangene Kompetenzen zurückzugewinnen. Die Bewohnerinnen und Bewohner von Alteneinrichtungen konnten während und nach dem Spieleinsatz wieder selbstständiger essen, sich besser verbal äußern und bewegen. Workshops vermitteln den Clowninnen und Clowns hier auch spezielle Kenntnisse, unter anderem historisches Hintergrundwissen oder einen Überblick über Krankheitsbilder, die erst im höheren Lebensalter auftreten. Die CAsHeW-Studie wurde vom Bundesgesundheitsministerium finanziell unterstützt und liefert wichtige und vielversprechende Erkenntnisse für die Seniorenarbeit. Genauso wichtig ist für uns Clowns aber die Freude der Menschen, die wir besuchen.

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