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Smokerface

Altern in Sekunden

22.07.2014  13:38 Uhr

Von Ulrike Abel-Wanek / Bei Heranwachsenden dreht sich – fast – alles um gutes Aussehen. Und so entwickelte Titus Brinker, Initiator der Kampagne »Aufklärung gegen Tabak« die App Smokerface. Sie lässt jugendliche Raucher ganz schön alt aussehen und soll Schüler motivieren, die Finger vom Tabakkonsum zu lassen.

PZ: Herr Brinker, warum ist es Ihnen nicht egal, ob junge Menschen anfangen zu rauchen? Es betrifft Sie doch nicht.

 

Brinker: Das hat mich meine kleine Schwester auch gefragt. Es ist doch so: Das Medizinstudium und die Begegnungen mit den Patienten verändern einen. Mein Schlüsselerlebnis hatte ich allerdings schon vor dem Studium bei der Pflege eines COPD-Patienten. Wenn man jemanden kennenlernt, der lungenkrank ist, schon in den Fünfzigern verstirbt und seine Familie zurücklässt, wenn man dazu weiß, wie massiv die Werbung versucht, neue und vor allem junge Konsumenten heranzuziehen – mit einer Milliarde Euro Marketingausgaben pro Jahr in Deutschland – wenn man das weiß, macht einen das betroffen und man möchte etwas tun.

 

PZ: Im Rahmen Ihres Präventionsprogramms »Aufklärung gegen Tabak« gehen Sie zu den Schülern direkt in die Klassenzimmer. Was tun Sie dort?

Brinker: Wir als angehende Mediziner kommen natürlich nicht umhin, die körperlichen Schäden, die das Rauchen mit sich bringt, aufzuzeigen. Aber wir wollen aufklären, nicht verängstigen. Beispielsweise lassen wir die Schüler Sport machen und dann durch einen Strohhalm atmen, um zu zeigen, wie es sich anfühlt, wenn man Atemnot hat. Richtig ins Schwarze treffen wir bei den Jugendlichen zurzeit mithilfe unserer neuen App »Smokerface«, die zeigt, dass Rauchen nicht nur krank, sondern auch unattraktiv macht.

 

PZ: Und wie funktioniert die?

 

Brinker: Mithilfe der App können sich die Schüler auf ihren Handys anschauen, wie ihr Gesicht in 15 Jahren aussieht, wenn sie rauchen, oder wenn sie das Rauchen bleiben lassen. Die Bilder sind wirklich abschreckend und die Schüler, und vor allem auch die Schülerinnen, sind teilweise richtig geschockt. Sie beginnen dann, anders über das Rauchen nachzudenken als vorher.

 

PZ: Warum erschüttert eine App, die das Aussehen betrifft, die Jugendlichen stärker als die Aufklärung über ernste Folgeerkrankungen?

 

Brinker: Weil Attraktivität in diesem Alter absolut wichtig ist. In der Altersgruppe zwischen etwa 10 und 15 Jahren ist der erste Freund/ die erste Freundin ein großes Thema. Dass man hier ansetzen muss, war mir schon lange klar, aber erst jetzt kam die Finanzierung zustande. Das Deutsche Zentrum für Lungenforschung hat uns hier beispielsweise sehr unterstützt.

 

Die App zeigt etwas, was Schüler leicht nachvollziehen können und was sie emotional bis ins Mark trifft: Durch das Rauchen verschwindet die Vitalität aus dem Gesicht. Wie bei alten Menschen wird die Haut blasser, Mundwinkel und Lider gehen nach unten, die Wangenhaut erschlafft. Wenn ich ihnen dann noch erkläre, dass sie ein höheres Risiko für Akne haben, weil Rauchen Entzündungsprozesse auslöst, und dass die Pickel auch länger bleiben, weil die Entzündungsstoffe durch die schlechte Durchblutung der Haut nur schwer abtransportiert werden, sind sie entsetzt, weil sie das vorher nicht wussten. Man glaubt gar nicht, wie sich Schüler plötzlich im Detail für Dermatologie interessieren. Viele haben durchaus eine Vorstellung von Begriffen wie Elastin oder Collagen – die kennen sie aus der Kosmetik-Werbung. Unser Credo ist: Nichtrauchen ist effektiver als Kosmetik. Die Haut bleibt vitaler, gesünder und hat weniger Hautunreinheiten. Und das kommt an.

 

PZ: Wie wird es weitergehen mit »Aufklärung gegen Tabak«, wenn Sie fertig sind mit dem Studium?

 

Brinker: Die Aktion wird auf jeden Fall weiterlaufen. Ich habe ein Konzept geschrieben für die Implementierung der Gruppen in die Mediziner-Ausbildung. In Gießen läuft das schon, von acht weiteren Unis habe ich die Zusage, die Anti-Tabak-Aufklärung in die medizinische Lehre als Wahlfach zu integrieren.

 

Mit der Aktion tun wir vor allem etwas für die Schüler, aber nicht nur. Es geht auch um die angehenden Ärzte, die wir für dieses Thema sensibilisieren wollen. Wenn Sie mit Diabetes oder Bluthochdruck eine ärztliche Praxis aufsuchen, bekommen Sie etwas verschrieben. Rauchen ist ein ähnlich hoher Risikofaktor wie diese Erkrankungen, aber eine Therapie findet nur in 2 Prozent der Fälle statt. Wenn wir die angehenden Mediziner zum Thema Rauchen, Prävention und Therapie ausbilden, werden sie das Erlernte später auch in die Praxis umsetzen. /

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