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Auf dem Weg zur Pharma-Hauptstadt

22.07.2008  16:10 Uhr

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Auf dem Weg zur Pharma-Hauptstadt

Von Werner Kurzlechner, Berlin

 

Berlin entwickelt sich allmählich auch zur Hauptstadt der deutschen Pharmaindustrie. Dass Pfizer im Herbst seine Deutschlandzentrale von Karlsruhe an den Potsdamer Platz verlegt, passt da gut ins Bild. Doch der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) sieht durchaus noch Nachholbedarf gegenüber anderen Standorten.

 

Im Bundesrat hatte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) vor sechs Jahren einen Auftritt, der republikweit sein Profil schärfte. Als Präsident der Länderkammer boxte er das Zuwanderungsgesetz durch, indem er das gespaltene Votum Brandenburgs als Ja wertete. Zu derartiger Entschlossenheit rät VFA-Hauptgeschäftsführerin Cornelia Yzer Wowereit auch, falls er Berlin wirklich als führende Pharmaadresse etablieren wolle.

 

»Wir machen schon die Erfahrung, dass Länder im Bundesrat ihre Stimme für unsere Belange erheben«, sagte Yzer vergangene Woche in einer Veranstaltung des Märkischen Presse- und Wirtschaftsclubs. Damit meinte sie allerdings nicht die Hauptstadt, sondern Bundesländer mit traditionell noch stärker verwurzelter pharmazeutischer Industrie.

 

Dickes Lob für Hessen

 

Also Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und insbesondere Hessen, dessen Landesregierung Yzer als Partner der Arzneimittelhersteller nachdrücklich lobte. »Wir hoffen, dass Berlin sich seiner Rolle bewusst wird und stärker in die gesundheitspolitischen Debatten eingreift.« Dass Berlin in der Gesundheitswirtschaft im Allgemeinen und als Pharmastandort im Speziellen eine zunehmend gewichtige Rolle spielt, macht nicht nur der Neuankömmling Pfizer sichtbar. Ebenfalls am Potsdamer Platz sitzt bereits die Zentrale von Sanofi-Aventis Deutschland. In der Hauptstadt ansässig sind mit Axxonis, Jerini und Berlin Chemie drei Aktiengesellschaften, von denen Letztere auch in der Hauptstadt produziert.

 

Die Übernahme der in Berlin alteingesessenen Schering AG durch Bayer Ende 2006 wurde an der Spree wegen der bald darauf angekündigten Streichung von 1000 Arbeitsplätzen sehr kritisch beäugt. Dieser Aspekt kam auch in der Diskussion mit dem Publikum zur Sprache, wurde von Yzer jedoch ins Gegenteil gewendet. Durch den Einstieg Bayers habe sich die international betrachtet kleine Schering zum auf dem europäischen Markt relevanten Spieler gemausert, Bayer Schering Pharma eben. So gesehen gibt auch keinen Anlass zur Sorge, dass Jerini gerade für mehr als 300 Millionen Euro vom britischen Medikamentenhersteller Shire Pahrmaceuticals geschluckt wurde.

 

Yzers Ausführungen verdeutlichten, wie zuversichtlich die Stimmung derzeit allenthalben ist. Mehrfach zitierte sie beispielsweise die nur wenige Tage zuvor veröffentlichte Studie des Darmstädter Wirtschaftsweisen Professor Dr. Bert Rürup, die der Berliner Gesundheitswirtschaft ein enormes Potenzial bescheinigt. Bis 2030 soll deren Umsatz um gut die Hälfte auf über 20 Milliarden Euro steigen, die Zahl der in der Branche Beschäftigten um ein Zehntel auf 368.000. In den vergangenen drei Jahren bereits entstanden in der Medizintechnik und der Pharmaindustrie mehr als 4000 neue Stellen. Da verwundert es nicht, dass der rot-rote Senat angesichts einer notorisch hinter der gesamtdeutschen Entwicklung herhinkenden regionalen Wirtschaft die Pharmabranche immer mehr zu hätscheln beginnt. Yzer berichtete denn auch von einem konstruktiven und permanenten Dialog mit dem Senat. Nur dass die Politiker eben noch einen gewissen Lernbedarf über die Bedürfnisse der Branche hätten.

 

Schlechte Noten für die Regierung

 

Letztlich fügte sich alles zu einem Bild zusammen, in dem aus VFA-Sicht Berlin den Pharmastandort Deutschland insgesamt recht exakt widerspiegelt. Zwar fiel Yzers Kritik am Senat äußerst milde aus im Vergleich zu ihrem Zeugnis für die Bundesregierung, die sie für sämtliche Standortnachteile im internationalen Vergleich verantwortlich machte.

 

Die starke Wissenschafts- und Forschungslandschaft mit der Charité oder dem Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin als Berliner Trumpfkarte entspricht allerdings genau dem Pfund, mit dem auch Deutschland international wieder wuchern kann. »Wir haben Großbritannien in der klinischen Forschung wieder überholt und sind ganz klar europäischer Leitmarkt«, so Yzer. Einige dunkle Wolken sieht sie lediglich auf dem heimischen Markt, während der Auslandsabsatz der Pharmaindustrie mit einem Exportumsatz von 17,6 Milliarden Euro offenbar brummt. Und auch das sollte für Berlins Pharmabranche kein Nachteil sein. Denn eine Hauptstadtadresse auf der Visitenkarte macht sich im Ausland immer gut.

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