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Krebsvakzinen

Erster Einsatz bei Melanom-Patienten

18.07.2017  13:29 Uhr

Von Daniela Hüttemann / Das Immunsystem kann wirksam gegen Tumoren vorgehen, wenn es Unterstützung erhält. Ein Ansatz sind personalisierte Impfstoffe. Anfangserfolge mit diesen Krebsvakzinen – eine davon auf RNA-Basis – konnten nun zwei Forscherteams erstmals bei Hautkrebspatienten vorweisen, wie zwei Publikationen in »Nature« zeigen.

Krebsvakzinen sollen das Immunsystem auf den Tumor ansetzen. Als Ziele für das Immunsystem dienen dabei krebsspezifische Proteinstrukturen, sogenannte Neoantigene. Dies sind veränderte Proteinfragmente, die durch Mutation des kodierenden Gens entstanden sind. Vakzinen können ent­weder diese Neoantigene selbst oder deren Bauanleitung (in Form von mRNA) enthalten. Sie weisen in der ­Regel auch ein Adjuvans auf, das die Immunantwort verstärken soll.

Da sich aber die Mutationen in den Tumoren von Patient zu Patient unterscheiden, müssen die Antigene für den Impfstoff individuell ausgesucht werden. Gleich zwei kleine klinische Studien mit solchen personalisierten Krebsvakzinen sind nun im Fachjournal »Nature« erschienen. Hierfür hatten Forscher zuerst die Tumor-Genome der Teilnehmer sequenziert, mit dem Genom gesunder Zellen verglichen und die Mutationen ausgesucht, die am wahrscheinlichsten eine starke Immunantwort auslösen würden. Die Gruppe um Professor Dr. Patrick Ott und Dr. Catherine Wu vom Dana-Farber Cancer Institute in Boston behandelte sechs Melanom-­Patienten mit individuell hergestellten Vakzinen, die bis zu 20 Antigene enthielten. Bei den Probanden war der Tumor zuvor chirurgisch entfernt worden, doch sie hatten ein hohes Rezidivrisiko. Generell kehrt der Krebs bei etwa der Hälfte aller Melanom-Patienten zurück.

 

Zwei Jahre tumorfrei

 

Nach zwei Jahren Beobachtungszeit blieben vier der sechs Probanden tumorfrei, berichten die Forscher (DOI: 10.1038/nature22991). Bei den übrigen zwei Patienten trat ein Reizidiv auf, das aber erfolgreich mit einem PD1-Hemmer bekämpft werden konnte – ein Arzneimittel, das ebenfalls die Immunabwehr mobilisiert.

 

Die zweite Gruppe um Professor Dr. Ugur Sahin von der Universität Mainz und dem Spin-Off BioNTech behandelte 13 Melanom-Patienten mit RNA-basierten Impfstoffen. Die enthaltene RNA kodierte für bis zu zehn Neoantigene. Alle Patienten waren unter Behandlung, acht hatten zum Impfzeitpunkt keinen sichtbaren Tumor. Diese blieben zwei Jahre tumorfrei, heißt es in der Publikation (DOI: 10.1038/nature 23003). Bei den anderen fünf Patienten hatte der Tumor zum Zeitpunkt der Impfung bereits gestreut. Bei zwei dieser Teilnehmer schrumpften die Tumoren zunächst, bei einem von ihnen kam der Hautkrebs zurück. Ein dritter Proband erreichte dank folgender Einnahme eines PD1-Hemmers eine komplette Remission.

 

Größere Studien in Planung

 

Die Studien seien zwar klein, aber die Ergebnisse ermutigend, heißt es in einem Bericht von »Nature News« (DOI: 10.1038/nature.2017.22249). Größere Studien mit therapeutischen Impfungen seien nötig und zum Teil schon gestartet. Dabei sollen die Vakzinen auch mit PD1-Inhibitoren kombiniert werden, um die Immunantwort auf die Tumorzellen noch zu verstärken.

 

Eine Schwierigkeit ist bislang noch die aufwendige Herstellung der personalisierten Impfstoffe, die in den Stu­dien etwa drei Monate dauerte – zu lang, um auf eine Therapie der bestehenden Krebserkrankung zu verzichten. Doch beide Forschergruppen sind zuversichtlich, die Produktion beschleunigen zu können. Wu schätzt, dass sechs Wochen ausreichen könnten.

 

Unklar ist noch, bei wie vielen Krebsarten sich der immunbasierte Therapieansatz anwenden lässt. »Jeder Pa­tient entwickelte Immunantworten gegen mehrere der für die Vakzine ausgewählten Zielstrukturen. Das lässt den Schluss zu, dass es prinzipiell möglich sein könnte, das patienteneigene Immunsystem in die Lage zu versetzen, eine große Bandbreite an Krebsarten zu bekämpfen«, sagte Sahin in einer Mitteilung von BioNTech.

 

Während Melanom-Zellen in der Regel einige verschiedene Mutationen aufweisen, die mehrere Ansatzpunkte liefern, finden sich bei anderen Tumorarten nur wenige Mutationen. Das lässt das Risiko für Resistenzen steigen. Derzeit sei noch unklar, wie viele Angriffspunkte für eine zuverlässige Wirkung nötig sind. Die RNA-Vakzine aus Mainz mit dem Namen Ivac® Mutanome soll nun gemeinsam mit Genentech, das zur Roche-Gruppe gehört, weiterentwickelt werden. /

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