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Europa

Viele Frühchen unterversorgt

19.07.2016  16:15 Uhr

Von Christina Müller / In europäischen Krankenhäusern erhalten 40 Prozent der Frühgeborenen keine optimale medizinische Betreuung. Zu diesem Schluss kommen die Autoren einer multinationalen prospektiven Beobachtungsstudie, die jetzt im »British Medical Journal« erschien (DOI: 10.1136/bmj.i2976).

 

Ein Forscherteam um Dr. Jennifer Zeitlin vom Nationalen Institut für Gesundheit und medizinische Forschung in Frankreich wertete die Daten von insgesamt 7336 Säuglingen aus elf europäischen Ländern aus, die in den Jahren 2011 und 2012 nach der abgeschlossenen 24., aber vor der 32. Schwangerschaftswoche zur Welt gekommen waren. Als Quelle dienten die Behandlungsakten der Kinder aus den teilnehmenden Krankenhäusern.

Die Forscher untersuchten, wie häufig vier Maßnahmen, die als Standardtherapie in der Versorgung von Frühgeborenen gelten, angewendet wurden. Zudem prüften sie, wie sich deren Anwendung auf die Morbiditäts- und Mortalitätsrate der Kinder auswirkte. Zu den Maßnahmen zählte, Mütter mit erhöhtem Frühgeburtsrisiko präpartal mit Corticosteroiden zu behandeln, um die Lungenreifung des Feten anzuregen. Die Kinder sollten außerdem auf einer Geburtsstation geboren werden, auf der eine angemessene neonatale Versorgung gewährleistet ist. Zudem sollten sie spätestens zwei Stunden nach der Geburt mit Surfactant – eine oberflächenaktive Substanz der Lunge – behandelt werden, um die Lunge zu schützen. Als Letztes sollte verhindert werden, dass die Körpertemperatur der Kinder unter 36 °Celsius abfällt.

 

Das Ergebnis der Studie ist ernüchternd: Die meisten Kinder (88 Prozent) erhielten mindestens eine therapeutische Maßnahme, aber nur etwa 58 Prozent der Kinder erhielten alle vier Standardtherapien. Dabei hätte deren Einsatz bei allen Frühchen die Sterberate nach Schätzungen der Forscher um etwa 18 Prozent senken können, ohne gleichzeitig die Morbiditätsrate zu erhöhen. Sie fordern daher den flächendeckenden Einsatz dieser Praktiken in der Geburtsmedizin. /

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