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Opioide

Erst Schmerz, dann Sucht?

14.07.2015  16:14 Uhr

Von Brigitte M. Gensthaler, München / Werden Opioide in der Schmerztherapie nicht korrekt eingesetzt, können die Patienten eine Abhängigkeit entwickeln. Besonders groß ist dieses Risiko bei schnell freisetzenden Arzneiformen.

»Das Risiko einer Abhängigkeit wird in der Literatur für chronische Schmerzpatienten unter Langzeittherapie mit bis zu 3,2 Prozent angegeben«, sagte Matthias Bastigkeit, Fachdozent für Pharmakologie aus Geschendorf, bei einem von Indivior unterstützten Symposium beim Interdisziplinären Kongress für Suchtmedizin Anfang Juli in München. Das Abhängigkeitsrisiko sei höher bei schnell anflutenden Opioiden und gering bei retardierten Zubereitungen oder transdermalen Systemen (TTS).

 

Insofern sei die zunehmende Verordnung von nasal oder buccal anzuwendendem Fentanyl, zum Beispiel als Nasenspray, Buccaltablette oder -film, Lutsch- oder Sublingualtablette, kritisch zu bewerten. Ein neues Sublin­gualspray berge ebenfalls ein hohes Abhängigkeitsrisiko, informierte der Referent. Korrekt werden solche Darreichungsformen zur Akutbehandlung von starken Durchbruchschmerzen bei Tumorpatienten eingesetzt, aber nie zur Basisanalgesie.

 

Ein hohes Abhängigkeitsrisiko besteht laut Bastigkeit auch bei nicht retardierten Arzneiformen von Tramadol oder bei schnell anflutendem Oxy­codon. Bei Tramadol weiterhin zu beachten: Das Opioid verlängert die Erektion des Mannes und verzögert den Samenerguss. Bei Männern mit primärer Ejaculatio praecox wurde das in einer kleinen Studie im Fachjournal »Urology« 2012 sogar wissenschaftlich nachgewiesen (DOI: 10.1016/j.urology. 2011.09.031). Auch dieser Effekt verleite zum Missbrauch – häufig in Kombina­tion mit Viagra und Co.

 

Fentanyl-Pflaster sorgen für ein langsames und langes Anfluten des Wirkstoffs, sind jedoch nur indiziert für Patienten, die nicht schlucken können, betonte Bastigkeit. Er wies auf die Gefahr der Überdosierung, zum Beispiel bei Hitze, hin. Schläft der sedierte Patient ein, setzt das TTS weiter Wirkstoff frei. »Eine orale Einnahme würde er dagegen einfach verschlafen.«

 

Für die Dauertherapie sollten langwirksame retardierte Opioide nach festem Zeitschema eingesetzt werden. Außerdem dürfe der Patient immer nur ein Opioid bekommen. »Substanzen der Stufen 2 und 3 des WHO-Stufenschemas dürfen nicht kombiniert werden«, sagte Bastigkeit. Er verwies er auf die LONTS-Leitlinie zur Langzeitanwendung von Opioiden bei nicht tumorbedingten Schmerzen (www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/145-003.html). Danach sollen Opioide nur länger als drei Monate gegeben werden, wenn der Patient initial darauf anspricht. Nach sechs Monaten soll der Arzt mit dem Patienten über eine Dosisreduktion oder einen Auslassversuch sprechen. Zudem muss regelmäßig überprüft werden, ob es Anzeichen von Nebenwirkungen oder Fehlgebrauch gibt. /

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