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Lesmüller-Vorlesung

Energisch wehren, kraftvoll handeln

18.07.2006  10:11 Uhr

Lesmüller-Vorlesung

Energisch wehren, kraftvoll handeln

von Brigitte M. Gensthaler, München

 

Der Beruf des Apothekers war im Lauf der Jahrhunderte immer wieder Spannungen und Angriffen ausgesetzt. Oft haben sich die Apotheker und ihre Vertreter nicht ausreichend zur Wehr gesetzt und Tätigkeitsfelder einfach aufgegeben.

 

Der Spagat zwischen »meister apothecarius« und Internetapotheker wird den Apothekern nur gelingen, wenn sie »ihre Zukunft gemeinsam mutig, intelligent und kraftvoll gestalten« und das Image des Sündenbocks im Gesundheitswesen abstreifen. Mit diesem Aufruf resümierte Professor Dr. Dr. Christa Habrich ihren Streifzug durch die etwa 1000-jährige Geschichte des Berufs bei der 9. Lesmüller-Vorlesung.

 

Das mangelnde Selbstbewusstsein vieler Kollegen zeige sich schon darin, dass sie sich selbst als »Pharmazeuten« bezeichnen und damit ihre Approbation als Apotheker verschweigen. Während der Arztberuf in der Öffentlichkeit hoch angesehen ist, fürchten sie, bei der Berufsangabe Apotheker minder geschätzt zu werden. Die nachrangige Position des Apothekers gegenüber dem Arzt ist historisch tief verwurzelt und wurde großteils bis heute nicht überwunden, bedauerte die Gießener Offizinapothekerin und Leiterin des Medizinhistorischen Museums in Ingolstadt.

 

Vom Drogenhändler zum Apotheker

 

Als Beginn des Apothekerberufs wird meist das Jahr 1241 genannt, in dem der Stauferkaiser Friedrich II. in den »Constitutiones« die Berufe des Arztes und Apothekers trennte. Doch im Abendland verfügten Klöster bereits im 9. Jahrhundert nachweislich über Arzneipflanzengärten und apothekenartige Räume. Spätestens im 13. Jahrhundert sind Apotheker in großen Reichsstädten belegt, die aber eher reiche Großkaufleute und Drogenhändler waren. Von »Apothekern im engeren Sinn« könne man sicher im 14. Jahrhundert sprechen. Jetzt gaben Apothekerordnungen strenge Regeln für die Berufsausübung vor.

 

In den Städten waren Apotheker gezwungen, in Zünfte oder Gilden einzutreten. Nur in den Reichsstädten wehrten sie sich erfolgreich in die Einstufung als Händler - Apothekergewichte unterschieden sich stets von Krämergewichten - und wahrten ihren Status als direkt und nur dem Rat der Stadt unterstellte Profession. »Hier wird bereits das Ringen um das Selbstverständnis der Berufsangehörigen deutlich«, betonte die Pharmaziehistorikerin.

 

Die Ausbildung war in der frühen Neuzeit hart. Lehrlinge schufteten drei bis fünf Jahre in einer Apotheke, bevor sie vor dem Collegium der Stadtärzte die Prüfung zum Gehilfen ablegen und auf Wanderschaft gehen durften. Nur der »meister apothecarius« war zur Leitung einer eigenen Apotheke berechtigt.

 

In der Renaissance, die eine »Bildungsrevolution« auslöste, gewannen die Apotheker große Professionalität, wandten sich wissenschaftlichen Fragen zu und entwickelten sich vom Handwerker zu experimentierenden »chymicus«. Die neuen Universitätsapotheken wurden zu Keimzellen der Experimentallabors, die auch an der Ausbildung der Ärzte mitwirkten. Die akademische Pharmazie beginnt mit der Einführung des Universitätsstudiums für Apotheker: 1808 in Bayern, 1825 in Preußen.

 

Die gute Ausbildung eröffnete viele neue Berufsfelder. Interessierte Kollegen wandten sich Spezialwissenschaften zu, integrierten die naturwissenschaftliche Analytik in das Apothekenlabor und trieben die Isolierung und Charakterisierung pflanzlicher Wirkstoffe voran. Dies war so erfolgreich, dass zahlreiche Pharmafirmen aus Apotheken hervorgingen.

 

Vogel-Strauß-Politik

 

Die größte Zäsur erfolgte im 19. Jahrhundert: Mit der Industrialisierung verlagerte sich die Arzneimittelherstellung in die Industrie. Den Siegeszug der aus Amerika stammenden Tablette versuchten die deutschen Apotheker zunächst mit einem Verbot zu stoppen, was immerhin ein Jahr lang hielt.

 

Als großen Fehler kritisierte Habrich den Verlust der klinisch-chemischen Analytik in der Apotheke. Während diese in Frankreich heute noch von Apothekern betrieben wird, ließen sich die deutschen Kollegen das Feld von Ärzten streitig machen. Sie waren zu bequem und ängstlich, um ihre angestammte Tätigkeit zu verteidigen, so die Professorin.

 

Seit einigen Jahren sei eine systematische bösartige Anti-Apotheken-Kampagne in der Öffentlichkeit zu beobachten, an der sich Krankenkassen, Industrie und Politiker beteiligen, konstatierte Habrich. Die Diskussion über Internetapotheken und -apotheker sei eine Kreation der Krise im Gesundheitswesen; der aktuelle Wettbewerb erinnere an einen Markt ­ besser Jahrmarkt. Apotheker, die in den Preiswettbewerb einstiegen, sägten am eigenen Ast und viele Standespolitiker verhielten sich nach Vogel-Strauß-Manier. Doch um das Image von Giftmischer und Sündenbock - beides steckt in dem griechischen Wort pharmacos - abzulegen, sei ein gemeinsames kraftvolles und mutiges Gestalten notwendig.

Gedenken an die Stifterin

Zum neunten Mal und zum ersten Mal seit dem Tod der Stifterin Dr. Anni Lesmüller am 20. Oktober 2005 fand am 12. Juli die Lesmüller-Vorlesung statt. Professor Dr. Angelika Vollmar, Vorstand des Departments Pharmazie der LMU, würdigte die Verstorbene als hoch gebildete, bescheidene und wohltätige Frau. Gemeinsam mit ihrem Mann, Apotheker Dr. August Lesmüller, hatte sie die Stiftungsgründung betrieben, die 1997, drei Jahre nach seinem Tod, erfolgte. »Die Vorlesung will die Dr.-August-und-Dr.-Anni-Lesmüller-Stiftung im akademischen Bewusstsein verankern«, betonte der Stiftungsratsvorsitzende Dr. Hermann Vogel. Die Stiftung, die satzungsgemäß die pharmazeutischen Wissenschaften fördert, wolle die gesellschaftliche und gesundheitspolitische Stellung des Heilberuflers stärken.

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