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Neandertaler

Die Mär vom tumben Toren

17.07.2006  14:24 Uhr

Neandertaler

Die Mär vom tumben Toren

von Ulrike Abel-Wanek, Bonn

 

Jubiläum eines nahen Verwandten: Vor 150 Jahren wurde der Neandertaler entdeckt - ein sensationeller Fund, der das damalige Bild vom Menschen komplett auf den Kopf stellte. Das Rheinische Landesmuseum zeigt jetzt eine einmalige Ausstellung der weltweit bedeutendsten fossilen Menschenfunde und räumt gründlich auf mit dem Vorurteil des dumpfen, Keulen schwingenden Frühmenschen.

 

Alles begann mit einem Schlag auf den Kopf. 1856 traf die Spitzhacke eines im Steinbruch des Neandertals arbeitenden Italieners auf ein fossiles Schädelstück, das für den Knochen eines Höhlenbären gehalten wurde. Zusammen mit anderen Skelettteilen und Gestein aus dem Kalkabbau wanderten die Funde zunächst auf den Müll. Der Aufmerksamkeit des Steinbruchbesitzers ist es zu verdanken, dass nicht alle Knochen aus dem nur wenige Kilometer von Düsseldorf entfernten Tal verloren gingen. Er brachte die Fragmente dem Naturforscher Johann Carl Fuhlrott aus Elberfeld zur Begutachtung, der sie sofort als Überreste eines Menschen erkannte. Um sicher zu sein, nahm Fuhlrott Kontakt zum Bonner Anatomieprofessor Hermann Schaaffhausen auf, der seine Beobachtungen zweifelsfrei bestätigte, obwohl sich die Knochen deutlich von den bisher gefundenen Überresten des Homo sapiens unterschieden.

 

Es entbrannten hitzige Diskussionen über die Existenz früherer, primitiver Vorfahren. Sie kam damals, drei Jahre vor Darwins Evolutionstheorie, einer Revolution gleich. Gelehrte diffamierten den fossilen Fund als Schädel von einem Flüchtling des russischen Heeres, als affenähnlichen oder minderbemittelten, behinderten Abkömmling des modernen Menschen. Prominenter Gegner der Urmensch-Theorie war Rudolf Virchow. Er diagnostizierte die morphologischen Besonderheiten des Neandertalerskeletts schlicht als missgebildete, krankhafte Veränderungen und schätzte das Alter der Funde auf nur wenige hundert, bestenfalls einige tausend Jahre. Andere Kommentare ließen ebenfalls Zweifel erkennen: »Ihr Neanderthaler ist wahrscheinlich ein Idiot.« (Brief Pruner-Bey an Schaaffhausen, 1863). Einer Lösung des Problems stand nicht zuletzt der bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts verbreitete religiöse Glaube an den Menschen als Schöpfung Gottes im Weg.

 

Viel später erkannten die Gelehrten, dass der Fund aus dem Neandertal gar nicht der erste war. Jahrzehnte zuvor waren fossile Überreste dieser Spezies bereits in Belgien und Gibraltar gefunden, aber nicht beachtet worden. Evolutionäre Vorfahren des Menschen galten einfach als undenkbar.

 

Bis heute sind Hunderte Funde des Homo neanderthalensis aufgetaucht, auf der Iberischen Halbinsel, in Frankreich, auf dem Balkan bis in den Vorderen Orient: ein weit verbreiteter, eigenständiger Menschentyp, über den man aber kaum etwas weiß.

 

Der erste Europäer

 

Die Neandertaler waren die ersten Menschen in Europa. Rund 200.000 Jahre lebten sie hier ungestört. Sie waren kleine, stämmige, etwa 1,65 Meter große und 60 bis 80 Kilogramm schwere Kraftpakete mit tonnenförmigem Brustkorb. Ihr Gehirn war größer als das des heutigen Menschen, ihre Sinneswahrnehmung ausgeprägter. Charakteristisch sind die flache Stirn, das fliehende Kinn und die starken Augenwülste, die ihnen den Ruf einbrachten, mehr Affe als Mensch zu sein, ein steinzeitliches, Keulen schwingendes Raubein, das sich jedoch erschreckt vor Gewittern in die Höhlen flüchtete. Die moderne Forschung entwirft aber ein ganz anderes Bild.

 

Der Neandertaler hatte nicht nur große Naturkenntnisse, die er sich zunutze machte, zum Beispiel stellte er in einem hoch komplizierten Vorgang Klebstoff aus Birkenrinde her, er war ein Experte in der Werkzeugherstellung, jagte mit scharfen Lanzen und wusste, welches Gestein sich eignete, um ein Messer zum Zerlegen von Beute zu fertigen. Dass er eine eigene Sprache hatte, vermuten Wissenschaftler seit dem Fund eines Zungenbeins in Israel, das sich in Größe und Form kaum von dem heutiger Menschen unterscheidet. Vor allem war der Neandertaler ein sozial organisiertes Wesen, das nicht nur in Gruppen lebte und jagte, sondern sich auch ausdauernd um erkrankte Mitglieder des Clans kümmerte und seine Toten beerdigte.

 

Schon der vor 150 Jahren gefundene Neandertaler aus dem namengebenden Tal war kein gesunder Mann. Er erlitt in seiner Jugend schwere Kopfverletzungen, die heute noch am Schädel sichtbar sind. Außerdem brach er sich bereits als Jugendlicher den Arm, was ohne Pflege den sicheren Tod bedeutet hätte. Er blieb für den Rest seines Lebens behindert, konnte das Ellenbogengelenk nicht mehr beugen und der Arm wurde steif. Trotzdem hat der junge Mann noch 10 bis 20 Jahre mit der Behinderung gelebt, ein Beweis, dass die Gemeinschaft das kranke Mitglied gepflegt haben muss. Wahrscheinlich konnten die Neandertaler bereits gebrochene Gliedmaßen schienen, Druckverbände anlegen und Blutungen stillen. Hinweise darauf, dass ihnen Heilpflanzen bekannt waren, gibt es nur wenige. Pollen-Funde in Gräbern und Höhlen lassen jedoch vermuten, dass er von dem einen oder anderen Kraut Gebrauch machte. Durchfall und Magen-Darm-Infektionen dürften den sich fast ausschließlich von Fleisch ernährenden Ur-Europäer häufig geplagt haben.

 

Gene lügen nicht

 

Viele Jahrzehnte war es still um den Neandertaler, seine Fundstelle war schon um 1900 durch die immer weiter wachsenden Steinbrüche zerstört und nicht mehr auffindbar. Erst seit 1991 wird der berühmte Altsteinzeitler im Rahmen eines Forschungsprojektes neu untersucht. Eine Sensation für die Wissenschaft: Das 150 Jahre alte Skelett konnte mit genaus zu ihm passenden Knochenteilen aus der alten Grabungsstelle von 1856 weiter ergänzt werden. Moderne Techniken bringen zudem immer mehr Tatsachen ans Licht. Mittels Radiokarbon-Messverfahren wird das Alter auf rund 42.000 Jahre festgelegt, die Genetiker sind ihm außerdem auf den Spuren und sequenzieren alle greifbaren Schnipsel seiner DNA. Sie hoffen, auf diese Weise einen Überblick über das gesamte Genom zu bekommen.

 

Noch nie hatten sich Forscher an die Entschlüsselung des Erbmaterials eines ausgestorbenen Menschentyps gewagt. Vielleicht ist es der berühmte Mann aus dem Neandertal, der den Sprung in eine neue Erkenntnisebene ermöglicht. Viele Fragen bleiben unbeantwortet: Gebrauchte der Frühmensch schon Worte, hatten seine Haare immer die gleiche Farbe, ähnlich wie die der Affen? Wie sah die Struktur seiner Denkmuster aus? Eine »genetische Bibliothek« könnte die wichtigsten Fragen beantworten.

 

Das bisher untersuchte Erbgut des Neandertalers unterscheidet sich so beträchtlich von dem des Menschen, dass sie wohl sicher verschiedenen Arten zuzurechnen sind. Ein Fund von 1998 gibt jedoch Rätsel auf. Das berühmte Kind aus Lagar Velho in Portugal weist äußerlich Merkmale beider Spezies auf: ein klares, hervorspringendes Kinn und eine hohe Schädelwölbung geben Hinweise auf die Zugehörigkeit zum modernen Menschen während die Beinknochen Übereinstimmungen mit denen der Neandertaler aufweisen.

 

Bis heute nicht geklärt ist die Frage nach dem Verschwinden des Neandertalers vor 27.000 Jahren. War er zu dumm, zu unflexibel oder zu verfressen, um weiter zu überleben? Hat ihn der überlegene moderne Usurpator aus Afrika, der abstrakt denken, Kunstwerke schaffen und Vorräte anlegen konnte, einfach überrannt? Waren es Klimakatastrophen, Krankheiten oder war Homo sapiens fortpflanzungsfähiger? Konnte der immense Energiebedarf des Muskelpakets in Hungerzeiten nicht gedeckt werden und sorgte für die dramatische Reduktion der Population? Auch nach 15 Jahren moderner Forschung bleiben viele Vorstellungen vom Leben und Untergang des Neandertalers bis auf Weiteres noch Spekulation.

Familientreffen der Urmenschen

Seit 1877 ist das berühmte Skelett des Neandertalers im Besitz des Rheinischen Landesmuseums in Bonn. Die jetzt präsentierte Ausstellung »Roots/Wurzeln der Menschheit« zeigt eine lückenlose Zusammenstellung aller bedeutenden Originalfunde in bisher weltweit noch nie da gewesener Fülle. Neandertaler und ihre Vorfahren, zusammengetragen aus der ganzen Welt, erzählen eindrucksvoll von der Geschichte der Menschwerdung.

 

Die Ausstellung ist bis 19. November zu sehen. Informationen: (02 28) 20 70-0, www.roots2006.lvr.de.

 

Weitere aktuelle Neandertal-Ausstellungen im Neanderthal-Museum, Mettmann: www.neanderthal.de; Westfälisches Museum für Archäologie, Herne: www.landesmuseum-herne.de

 

Literaturtipp: Ruth Omphalius, Der Neandertaler. Rowohlt 2006. 16,90 Euro. ISBN 3-498-03227-5.

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