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Stadtleben

»Stress and the City«

08.07.2014
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Von Nicole Lücke / Früher galten Stadtbewohner als gesünder, weil sie unter anderem besseren Zugang zu Fachärzten und Krankenhäusern hatten. Heute weiß man, dass das urbane Leben ein höheres Risiko für psychische Krankheiten mit sich bringt als das Leben auf dem Land. Wissenschaftler glauben, dass eine moderne Stadtplanung dieses Problem zumindest verkleinern könnte.

Mazda Adli, Chefarzt für Psychiatrie und Psychotherapie der Fliedner Klinik, hat sein Büro in der Berliner Innenstadt, mit Blick auf den Gendarmenmarkt. Er mag es, mittendrin zu sein. »Mir gibt das eine Art Zugehörigkeitsgefühl«, sagt er. Vielen Menschen geht es wie ihm. Sie genießen das lebendige Stadtleben mit seinem großen Angebot an Bildung und Kultur. Adli sagt aber auch, dass die Stadt nicht jedem gut tut. »Inzwischen wissen wir, dass das Erkrankungsrisiko für bestimmte psychische Störungen in Städten höher ist als auf dem Land – dazu gehören Schizophrenie, Depressionen und Angststörungen. Dabei suchten keineswegs eher psychisch labile Menschen die Stadt häufiger auf als andere, »sondern es scheint einen Kausalzusammenhang zwischen Stadtleben und psychischer Erkrankung zu geben«.

 

Die Ursache heißt vermutlich Stress. Der Mannheimer Psychiater Florian Lederbogen hat 2011 in einer Studie nachgewiesen, dass das Gehirn von Stadtmenschen schneller auf Reize reagiert, die zu Stress führen. Dieser Effekt ist nicht umkehrbar – wer in der Stadt aufgewachsen ist, bleibt empfindlicher, auch wenn er als Erwachsener auf dem Land lebt. »An sich ist das nicht weiter schlimm«, sagt Adli. »Wenn aber Stress mit einer genetischen Veranlagung für bestimmte Krankheiten oder mit anderen sozialen Risikofaktoren zusammentrifft, kann es möglicherweise problematisch werden.« In Zahlen heißt das: Stadtmenschen haben ein doppelt so hohes Erkrankungsrisiko für Schizophrenie und bekommen fast anderthalb Mal so häufig Depressionen wie Landbewohner. Bei Schizophrenie wächst die Wahrscheinlichkeit, krank zu werden, sogar mit der Größe der Stadt.

 

Die Konsequenz daraus ist für Adli klar: Psychiater und Neurowissenschaftler müssen sich mit Architekten und Stadtplanern abstimmen. Er plädiert für einen »Neurourbanismus« als neue Disziplin, die auf einen interdisziplinären Austausch setzt und auch die Politik mit einbezieht. Gemeinsam mit der Alfred-Herrhausen-Gesellschaft hat er daher das Forum »Stress and the City« angeregt, bei dem in Berlin Experten der verschiedenen Fachrichtungen zusammenkommen, um sich zu diesem Thema auszutauschen.

 

Stadt-Land-Gefälle

 

1950 lebte etwa ein Drittel der Weltbevölkerung in Städten, heute ist es die Hälfte, und Experten schätzen, dass es bis zum Jahr 2050 rund 70 Prozent der Menschheit sein wird. Insbesondere in afrikanischen und asiatischen Ländern zieht es die Bewohner in die Städte. Die Folgen für die Gesundheitssysteme sind kaum abzusehen. Denn psychische Krankheiten sind nicht nur mit hohem Leidensdruck für die Betroffenen verbunden, sie verursachen auch immense Kosten. In Deutschland sind sie bereits der häufigste Grund für Krankschreibungen. Selbst wenn die hohen Zahlen in der Stadt zum Teil da-rauf zurückgehen, dass es vielen Menschen in der Anonymität leichter fällt, zum Facharzt zu gehen, bleibt ein hohes Gefälle zu den Landbewohnern.

 

Toxische Mischung

 

Adli ist davon überzeugt, dass »die Kombination aus sozialer Dichte und sozialer Isolation eine toxische Mischung ist«. Mit anderen Worten: Die Menschen leben dicht an dicht, was permanente Reize verursacht, tatsächlich kennen sie sich jedoch kaum, und genau darin liegt das Problem. Denn es sei gesund, füreinander da zu sein, so Adli. Der Mediziner vermutet, dass aus diesem Grund Migranten, die häufig auf engstem Raum zusammenleben, seltener psychisch erkranken als Menschen, die in sogenannten besseren Gegenden, aber alleine, wohnen.

 

»In Architektur und Stadtplanung gibt es durchaus schon eine Lebensqualitätsforschung«, sagt Adli. »Wir kämen in diesem Feld jedoch wesentlich weiter, wenn wir eine gemeinsame Methodik dafür entwickeln würden.« Ihm schwebt eine Art Stresskarte vor, auf der erkennbar wird, in welchen Gegenden die Bewohner besonders stark von psychischen Erkrankungen betroffen sind. Gebiete mit hoher sozialer Dichte auf der einen Seite und sozialer Vereinsamung auf der anderen Seite könnten so sichtbar gemacht werden. Testpersonen könnten zudem mit speziellen Apps auf ihren Smartphones ausgestattet werden, die – beispielsweise mit Parametern wie einem erhöhten Puls – Aufschluss geben über die örtliche Stressbelastung von Bewohnern. Für solche Projekte fehlt aber das Geld.

 

Schon Ende des 19. Jahrhunderts hat der Engländer Ebenezer Howard das Konzept der sogenannten Gartenstadt entworfen – eine Stadt, die mitten im Grünen liegt und Wohnsiedlungen, Fabriken und kulturelle Angebote vereint. Im »Town-Country« sollten Stadt und Land keine Gegensätze sein, sondern Menschen all das finden, was sie zum Leben und für ihre Gesundheit brauchten. Der Architekt Le Corbusier griff 1922 diese Idee mit seiner Vision von einer »zeitgemäßen Stadt für drei Millionen Einwohner« wieder auf. In seinem Entwurf kanalisierte er den Verkehr in einem klaren Straßenraster und trennte Arbeits- und Wohnviertel voneinander. Leben sollten die Menschen im Grünen und nicht in Gegenden mit durch Industrieanlagen verpesteter Luft. Le Corbusiers Vorstellungen von großen Freiflächen in der Stadt, Parks, Sportanlagen und Spielplätzen sind bis heute aktuell: Es sind Begegnungsstätten, die ein Gegenmittel darstellen zur sozialen Isolation, in der der Mediziner Adli das Hauptübel psychischer Erkrankungen sieht. »Ich brauche helle Gebäude mit viel Licht, in denen ich außerdem das Gefühl habe, nicht unterzugehen, sondern auch leicht andere Menschen treffen kann«, sagt er. Das Gleiche gelte fürs Stadtbild insgesamt. Mehr Ladenzeilen, Cafés, kleine Parks, Jugendzentren, Beratungsstellen, breite Bürgersteige, die Platz für Bänke bieten – all das trage dazu bei, die Menschen zusammenzubringen und das Gefühl sozialer Isolation zu verringern und damit auch den Stress. Adli weiß, dass weitere Forschungsergebnisse nötig sind, damit solche Ideen in Zeiten knapper Kassen auf gesundheitspolitischer Ebene zu Forderungen werden können.

 

Gesunde-Städte-Netzwerk

 

Ein Bewusstsein dafür, dass die Umgebung erheblich zur Gesundheit beitragen kann, ist in den Kommunen durchaus vorhanden. Schon 1986 hat die WHO eine Initiative gestartet, der sich auch in Deutschland mehr als 60 Kommunen angeschlossen haben. Das »Gesunde Städte-Netzwerk« will das Thema Gesundheit im öffentlichen Raum fördern. Alle zwei Jahre findet beispielsweise ein Symposium mit Erklärungen und Positionspapieren statt. Aber um die große Vision, ganz neue Maßstäbe für die Stadtplanung zu entwickeln, geht es dabei noch nicht.

 

Visionen für ein besseres Leben in der Stadt hat der Berliner Architekt Jürgen Mayer H., Teilnehmer des Forums »Stress and the City. Er glaubt, dass zukünftig Autos über GPS und Assistenzsysteme von alleine fahren werden, was beispielsweise intensives Car-Sharing ermögliche und private Fahrzeuge weitgehend überflüssig mache. »Dann werden auch keine parkenden Autos mehr auf den Straßen stehen und Platz wegnehmen. Die Gehwege und Straßen werden breiter, es gibt mehr Freiräume, und es entstünde ein neues Entwicklungspotenzial innerhalb der Stadt.« Mehr Platz, der sinnvoll, gesundheitsfördernd und menschengerecht genutzt werden könnte. /

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