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Neurodegenerative Erkrankungen

Metformin lässt Hirnzellen wachsen

10.07.2012
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Von Ulrike Viegener / Tierexperimentelle Studien dokumentieren eine weitere Wirkung von Metformin. Das Antidiabetikum stimuliert die Teilung und Differenzierung von neuronalen Stammzellen im Gehirn. Das ist zum Beispiel im Hinblick auf eine mögliche Therapieoption bei Schlaganfall und Alzheimer höchst interessant.

Man habe nur eins und eins zusammenzählen müssen, so Dr. Freda Miller vom der Universität Toronto angeschlossenen »Hospital for Sick Children«. Ihr Team hatte bereits früher herausgefunden, dass der sogenannte aPKC-CBP-Stoffwechselweg eine wichtige Rolle bei der Ausdifferenzierung neuronaler Stammzellen im Gehirn spielt. Der Zufall wollte es, dass Wissenschaftler der Universität Baltimore fast zeitgleich he-rausfanden, dass Metformin in der Leber eben diesen Stoffwechselweg aktiviert und so die Gluconeogenese hemmt.

 

Vor diesem Hintergrund führte die Forschergruppe um Miller gezielte Experimente zur potenziellen Wirkung von Metformin auf neuronale Stammzellen durch. Und in der Tat ließ sich ein positiver Effekt nachweisen: In Kulturen neuronaler Stammzellen sowohl der Maus als auch des Menschen steigerte Metformin die Ausreifung neuer Nervenzellen. Unter der Wirkung des Biguanids begannen sich die neuronalen Stammzellen zu teilen und zu differenzieren.

 

Anschließend wurden In-vivo-Studien durchgeführt. Etwa einen Monat lang wurden Mäuse mit Metformin-Injektionen behandelt, was zur Ausbildung neuer Neurone vor allem im Hippocampus führte, einer für Lernen und Gedächtnis zentral bedeutsamen Hirnregion. Versuche in einem Wasserlabyrinth brachten dementsprechend unter Metformin deutlich bessere Ergebnisse. Die behandelten Mäuse zeigten beim Aufsuchen einer immer wieder neu positionierten Plattform ein signifikant besseres Orientierungsverhalten als unbehandelte Tiere. In »Cell Stem Cell«(doi: 10.1016/j.stem.2012.03.016) haben die Wissenschaftler ihre Ergebnisse nun veröffentlicht.

 

Diese passen zu episodischen Berichten, denen zufolge sich die kognitiven Fähigkeiten von diabetischen Alzheimer-Patienten unter einer Behandlung mit Metformin offenbar bessern können. Allerdings hatte man dieses Phänomen bisher im Sinne der Stoffwechselkorrektur gedeutet und war den Hinweisen nicht weiter nachgegangen. Die neuen Daten sind ein Argument, das Potenzial von Metformin genauer zu erforschen.

 

Sollte sich erhärten, dass Metformin neuronale Stammzellen stimulieren kann, dann wäre das ein großer Glücksfall. Lange Zeit hielt man es ganz und gar für unmöglich, im ZNS eine Neuroneogenese zu induzieren. Dieses Dogma hat sich in vergangener Zeit zwar als nicht haltbar erwiesen, Therapien, die eine Reparatur verletzter Nervenstrukturen anstoßen könnten, gibt es aber bislang nicht. Eine medikamentöse Option, mit der sich die Differenzierung von Stammzellen zu ausgereiften Neuronen fördern lässt, wäre im Hinblick auf neurodegenerative Erkrankungen und Schlaganfall von sehr großem Wert. /  

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