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Duogynon-Klage

Bayer verliert gegen Bayer

10.07.2012
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Von Annette Mende / Ein Lehrer aus Bayern ist vor Gericht mit einer Klage gegen den Pharmahersteller Bayer gescheitert. Der körperbehinderte Mann hatte von der Firma Schadenersatz gefordert, weil er glaubt, dass sein Geburtsfehler durch ein Hormonpräparat ausgelöst wurde. Mit der Frage, ob Hormone teratogen wirken können, befasst sich zurzeit auch das Bundes­institut für Arzneimittel und Medizinprodukte.

Der im Jahr 1976 geborene André Sommer macht Bayer als Rechtsnachfolger der Firma Schering verantwortlich für seinen Geburtsfehler, den seiner Meinung nach das von Schering vermarktete Hormonpräparat Duogynon® verursacht hat. Duogynon war von 1950 bis 1980 als ölige Lösung mit 20 mg Progesteron und 2 mg Estradiolben­zoat pro ml sowie als Dragees mit 10 mg Norethisteronacetat und 0,02 mg Ethinylestradiol pro Stück auf dem Markt. Das Präparat war zugelassen zur Behandlung der sekundären Amenorrhö und als Schwangerschaftstest.

Die Mutter Sommers hatte Duogynon als Schwangerschaftstest eingenommen, während sie mit ihm schwanger war. Er leidet seit seiner Geburt unter einer sogenannten Blasenekstrophie. Aufgrund dieser Fehlbildung musste er sich zahlreichen Operationen unterziehen und ist dauerhaft auf eine künstliche Harnableitung (Stoma) angewiesen.

 

Das Landgericht Berlin wies am Freitag Sommers auf Zahlung von Schmerzensgeld und Feststellung einer weitergehenden Haftung gerichtete Klage ab. Bei der Urteilsverkündung wies der Richter darauf hin, dass mögliche Ansprüche des Klägers verjährt seien. Sowohl laut Arzneimittelgesetz in seiner alten Fassung als auch laut Bürgerlichem Gesetzbuch verjähren Schadenersatzansprüche in dreißig Jahren von dem schädigenden Ereignis an. Bereits im vergangenen Jahr hatte eine andere Kammer desselben Gerichts eine Auskunftsklage Sommers ebenfalls unter Hinweis auf Verjährung abgewiesen.

 

Abgesehen von der formalen Frage der Verjährung weist Bayer die Verantwortung für die Missbildungen auch inhaltlich zurück. In einer schriftlichen Stellungnahme, die der Pharmazeutischen Zeitung vorliegt, betont das Unternehmen, dass kein ursächlicher Zusammenhang zwischen Duogynon und den diskutierten Fehlbildungen bestehe. Nachdem Ende der 1960er-Jahre Bedenken gegen die Sicherheit von Duogynon geäußert worden waren, sei das Präparat erneut zahlreichen Prüfungen im In- und Ausland unterzogen worden.

 

Ermittlungen eingestellt

 

Ein staatsanwaltliches Ermittlungsverfahren gegen Schering sei 1980 eingestellt worden, da sich der Verdacht fruchtschädigender Wirkungen von Duogynon nicht bestätigte. Es seien keine neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse bekannt, die die Gültigkeit der damaligen Bewertung infrage stellen würden. Weitere Auskünfte über das Präparat, etwa zum Wirkmechanismus als Schwangerschaftstest oder zu den Gründen für die Marktrücknahme, wollte Bayer der PZ auf Nachfrage nicht erteilen.

 

Der Prozess Sommers gegen das Pharmaunternehmen war im Vorfeld von einigen Publikumsmedien als »Kampf Davids gegen Goliath« inszeniert worden. Schnell wurden Vergleiche mit dem Arzneimittelskandal um das Schlafmittel Thalidomid (Contergan®) gezogen. Solche Schlagzeilen lassen zweifellos eine wissenschaftliche Grundlage vermissen. Dennoch stellt sich die Frage, wie das Hormonpräparat Duogynon die Missbildungen, für die es verantwortlich gemacht wird, hätte auslösen können.

 

Nach einer Antwort auf diese Frage sucht zurzeit das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Wie die PZ von einem Sprecher des Instituts erfuhr, erfasst und prüft das BfArM weiterhin Berichte über Verdachtsfälle von Nebenwirkungen im Zusammenhang mit der seinerzeitigen Anwendung von Duogynon. »Zusätzlich zu unseren Bewertungen haben wir eine externe fachliche Stellungnahme zu den uns bisher circa 350 vorliegenden Fallberichten und zum heutigen wissenschaftlichen Kenntnisstand über Schädigungen von Ungeborenen nach Anwendung von Estrogenen/Gestagenen in der Frühschwangerschaft angestoßen«, sagte der Sprecher. Diese Stellungnahme werde dem BfArM voraussichtlich in Kürze zur Verfügung stehen. /

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