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Sportverletzungen

Erst checken, dann losrennen

05.07.2017  09:50 Uhr

Von Annette Mende / Wer die vielen positiven Effekte des Sports für sich nutzen will, muss vor allem eines tun: sich gut vorbereiten. Denn Ungeübte haben ein erhöhtes Verletzungsrisiko. Das gilt auch für Trainierte, die einmal eine andere Sportart ausprobieren wollen.

Schmerzende Knie und Knöchel haben schon so manche Freizeitsportler-Karriere beendet, bevor sie überhaupt begonnen hat. Da hatte man endlich den inneren Schweinehund überwunden und wieder mit dem Laufen angefangen, war drei-, viermal eine Runde durch den Park gejoggt und dann machen die Gelenke auf einmal nicht mehr mit. Eine frustrierende Erfahrung, die meistens dazu führt, dass die Laufschuhe in der Ecke landen und das Projekt Fitness­steigerung wieder aufgegeben wird.

 

Belastungsintensität richtig wählen

Doch so muss es nicht kommen, sagt Privatdozent Dr. Thorsten Schiffer, Leiter der Ambulanz für Sporttraumato­logie und Gesundheitsberatung der Deutschen Sporthochschule Köln. Mit der richtigen Vorbereitung lasse sich das Verletzungsrisiko drastisch senken. »Wer anfangen will, Sport zu treiben, sollte davor eine sportmedizinische Eingangsuntersuchung machen«, empfahl Schiffer im Gespräch mit der PZ. Darin checkt ein Sportarzt die Leistungsfähigkeit des Herz-Kreislauf-Systems und des Bewegungsapparats und gibt anschließend Empfehlungen für Belastungsintensitäten, die der Betreffende dann selbstständig oder, noch besser, zusammen mit einem Trainer umsetzten kann.

 

Spätestens wenn die ersten Beschwerden auftreten, sollte der Gang zum Sportmediziner nicht mehr auf­geschoben werden. Schiffer warnte ­davor, sich zum Beispiel bei leichten Knieschmerzen einen Stützverband zu kaufen und unverändert weiter zu trainieren. »Man kann sich mit Bandagen, Schienen und Kinesiotape nicht selbst schädigen. Aber die Frage ist ja: Warum ist der Bedarf da?« Liegen die Schmerzen am inneren Kniespalt an einer falschen Belastung, an einem Meniskusschaden oder einem Gelenkverschleiß? Die Ursache müsse identifiziert und dann gezielt behandelt werden.

 

Schwieriger als die konkreten Anweisungen des Sportmediziners zu verstehen, dürfte es für so manchen motivierten Freizeitsportler sein, sich auch daran zu halten. »Laufen ohne zu schnaufen« klingt für einen Mittvierziger, der sich noch gut daran erinnert, als Jugendlicher die 10 Kilometer unter 45 Minuten gelaufen zu sein, erst einmal nicht sehr verlockend. Hier mag es ein Trost sein, dass auch sehr gut trainierte Sportstudenten mit ungewohnten Bewegungsabläufen vorsichtig sein müssen. »Wenn zum Beispiel ein Top-Triathlet turnen muss oder ein Schwimmer Fußball spielen soll, sind auch sie sehr anfällig für Verletzungen«, berichtete Schiffer.

PECH bei akuten Verletzungen

Bei der Akutversorgung von Sportverletzungen sollte man sich an der sogenannten PECH-Regel orientieren. Dabei steht P für Pause, E für Eis, C für Compression und H für Hoch­lagern. Demnach ist die Verletzung schnellstmöglich ruhigzustellen und zu kühlen, bevor ein Kompressionsverband angelegt und der verletzte Körperteil hochgelagert wird. Damit sollen Blutungen und Schwellungen reduziert und weitere Gewebeschäden verhindert werden.

 

Sprunggelenk am häufigsten betroffen

 

Die häufigsten Verletzungen in seiner Ambulanz sind Distorsionen, also ­Verstauchungen des Sprunggelenks, gefolgt von Distorsionen oder Verdrehungen des Knies, Muskelverletzungen, Finger- und Schulterverletzungen. Dabei sind sogenannte Stop-and-go-Sportarten, bei denen der Ausübende immer wieder schnell beschleunigt und abbremst, besonders gelenkbelastend. Beispiele sind Squash, Fußball oder Tennis. Davon abzugrenzen sind zyklische Sportarten, bei denen sich ein Bewegungsablauf mehrfach wiederholt, etwa Schwimmen, Radfahren oder Rudern.

Fußball wird oft als die mit Abstand verletzungsanfälligste Sportart bezeichnet. Das will Schiffer allerdings so nicht gelten lassen. Fußball führe die Verletzungsstatistiken vor allem deshalb an, weil es ein Sport ist, den sehr viele Menschen ausüben. »Fußballspielen ist nicht sehr gefährlich. Die häufigsten Verletzungen bei unseren Studierenden sind Turnverletzungen. Weil eben Turnen motorisch am anspruchsvollsten ist für die, die es nicht regelmäßig machen.« Man müsse solche Statistiken auch lesen können. »Es gab einmal eine Statistik, die besagte, dass die meisten Todes­fälle beim Sport beim Kegeln passieren. Das liegt aber nicht daran, dass Kegeln so gefährlich ist, sondern dass häufig alte Menschen kegeln, die herzkrank sind und vor dem Kegeln dann auch noch gut gegessen und Alkohol getrunken ­haben«, verdeutlichte der Sportmediziner.

 

Anpassung braucht Zeit

 

Der menschliche Körper habe eine enorme Fähigkeit, sich an unterschiedliche Belastungen anzupassen – allerdings nicht auf einen Schlag. Die Anpassungen müssten im Organismus ankommen. Dabei sei zu beachten, dass es große Unterschiede in der Teilungsrate verschiedener Zellarten gebe. »Eine Hautzelle hat sich schnell erneuert und auch ein Muskel kann in kurzer Zeit enorme Kraftzuwächse entwickeln, aber eine Veränderung etwa an einer Sehne dauert sehr viel länger. Die entsprechenden Zellen teilen sich nur alle acht Wochen«, so Schiffer.

 

Vor diesem Hintergrund sei es unrealistisch zu glauben, drei Monate Lauftraining seien eine lange Zeit. »Es geht hier um die Änderung von Lebensgewohnheiten. Die entwickeln sich über Jahre. Daher sollte man sich auch beim Einstieg oder beim Wiedereinstieg in den Sport viel Zeit nehmen, um überlastungsbedingte Schäden zu vermeiden.« /

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