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Klimawandel

Eine Frage der Zeit

26.07.2013
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Von Ulrike Abel-Wanek, Frankfurt am Main / Der diesjährige deutsche Sommer zeigt uns die kalte Schulter. Warum statt ins Schwimmbad also nicht ins Museum gehen? Vor allem, wenn man hier den Ursachen des wechselvollen Wetters auf die Spur kommen kann. Eine spannende Zeitreise durch den Klimawandel zeigt zurzeit das Frankfurter Naturmuseum Senckenberg.

»Wetter ist nicht gleich Klima«, sagt Dr. Thorolf Hardt, Projektleiter der Sonderschau »Planet 3.0 – Klima, Leben, Zukunft« beim Rundgang durch die Ausstellung in der Wolfgang-Steubing-Halle des Senckenberg-Museums in Frankfurt. Wetter sei das, was heute aktuell gemessen wird und stattfindet: beispielsweise der kalte Sommer 2013. Jahrzehntelang hingegen würden Daten gesammelt, um wissenschaftlich belastbare Aussagen über Klima-Trends treffen zu können. Solche Daten trugen Forscher schon im 19. Jahrhundert zusammen und dokumentierten sie, beispiels­weise in alten Schiffs­tagebüchern. Die dort handschriftlich niedergeschriebenen 100 Jahre alten Datenreihen digitalisiert der Deutsche Wetterdienst, um sie in die moderne Forschung mit einfließen zu lassen. Der Klimawandel sorgt hierzulande für kontroverse Diskussionen in Gesellschaft, Politik und Wissenschaft. Unstrittig ist aber wohl: In Deutschland wird es wärmer, und die Häufigkeit extremer Wetterphänomene wird voraussichtlich deutlich zunehmen. Darin sind sich seriöse Klimaforscher einig.

Dabei sind Klimawandel und damit auch Veränderungen von Leben und Biodiversität eigentlich ein alter Hut. Was neu ist, ist die rasante Geschwindigkeit, mit der sich die klimatischen und ökologischen Rahmenbedingungen auf der Erde gerade ändern. Und der Mensch spielt eine ganz entscheidende Rolle dabei. Er hat es geschafft, etwa 350 Millionen Jahre Sonnenenergie, umgewandelt in Biomasse und gespeichert in der Erdkruste in Form von Kohle, Erdöl und Erdgas, in nur 200 Jahren Industrialisierung zu verbrennen. Zudem stieg beispielsweise von 1800 bis 2011 durch die Verbrennung fossiler Energieträger und durch Landnutzungsänderungen der CO2-Gehalt in der Atmosphäre um circa 40 Prozent an. CO2 in der Atmosphäre verstärkt den Treibhauseffekt – das Resultat ist ein Anstieg der globalen Durchschnitts­temperatur. Verändert sich die Zusammensetzung der Atmosphäre und in der Folge die Temperatur, die Niederschläge oder die Höhe des Meeresspiegels, ist das auch schlecht für die Arten. Ihre Lebensbedingungen ändern sich – manchmal derart, dass sie aussterben. Das trifft zuerst Pflanzen und wenig beweglich Tiere wie beispielsweise Korallen. Verändet sich die Vegetation, verringern sich schließlich auch die Lebensräume großer und mobiler Tiere. Durch Klimawandel ändern folglich ganze Ökosysteme ihr Gesicht.

Die Senckenberg-Schau ist dreigeteilt in Gestern, Heute und Morgen. Sie führt zunächst auf einem Rundgang durch die Erdgeschichte 650 Millionen Jahre zurück, als die Sauerstoffatmosphäre entstand. In einem Becken sprudelt eine Kolonie Cyanobakterien Gas in das sie umgebende Wasser. Die Rekonstruktion symbolisiert den Einfluss früher Lebensformen auf den Sauerstoffgehalt der Atmosphäre. Eine Million Jahre später wird es kalt – der Planet ist zum Schneeball erstarrt. Im Verlauf der Jahrmillionen bevölkern riesige Gliedertiere die Erde, fossile Brennstoffe wie Öl und Kohle entstehen durch Ablagerungen von Pflanzen und Plankton und immer wieder vernichteten schwere Krisen bis zu 95 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten. Auslöser hierfür waren Meteoriteneinschläge und Vulkanismus ebenso wie sinkender Sauerstoffgehalt, Klimaerwärmung oder drastische Abkühlung. Fünfmal gab es in der Geschichte des Lebens auf der Erde solche Massenaussterbeereignisse, die sogenannten Big 5. Heute droht ein durch den Menschen verursachtes sechstes großes Artensterben – manche Naturwissenschaftler sprechen schon vom Anthropozän und dem Big 6. Es brauchte in der Vergangenheit mal fünf, mal 30 Millionen Jahre, um die Artenvielfalt wieder aufzubauen. Die Artenzusammensetzung sah dann vollkommen anders aus als vor der Katastrophe: Hatte es die Dinos bis vor 65 Millionen Jahren beispielsweise noch gegeben, waren sie nach der Kreide-Tertiär-Grenze verschwunden. Gewinner waren die Säugetiere, die zur Hochzeit der Dinosaurier nur ein Schattendasein führten. Sie konnten die frei gewordenen Lebensräume und ökologischen Nischen besetzen. Die Rund­reise durch die erdgeschichtliche Vergangenheit endet an jenem Zeitpunkt, als der Mensch beginnt, auf die Natur und das empfindliche Gleichgewicht der Erde immer stärker einzuwirken.

Teil zwei der Ausstellung wirft einen Blick auf die Gegenwart. Ein großer Leuchtglobus zeigt, dass sich der Lebensraum Erde nur verstehen lässt, wenn man ihn als komplexes System versteht, bestehend aus vielen verschiedenen Komponenten. Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen erforschen das System Erde und unterteilen es in sieben Bereiche, die sogenannten Sphären. Sie untersuchen Veränderungen der Atmosphäre (Luft) und der Hydrosphäre (Wasser), erforschen in jahrelangen Expeditionen die Kryosphäre (Eis), gehen der Lithosphäre (Gestein) und Pedosphäre (Böden) auf den Grund, erkunden die Biosphäre (Leben) und nehmen die Anthroposphäre und damit den Mensch ins Visier. Sphären sind aber eigentlich nicht trennbar, sondern stehen miteinander in Wechselbeziehung. Sie lagern sich überei-nander, durchdringen und vermischen sich und funktionieren nur miteinander. »Wir müssen die Sphären verstehen und zusammenbringen, um zu einem Systemverständnis zu kommen«, sagt Hardt. Mit jedem dieser Teilbereiche beschäftigen sich Spezialisten im Rahmen unzähliger Forschungsprojekte und liefern mögliche Ansätze für einen nachhaltigen und zukunftsfähigen Umgang mit unserem Planeten, der aus dem Gleichgewicht zu geraten droht.

 

Wie die wissenschaftliche Arbeit aussieht, zeigt ein Blick über die Schulter der Experten im dritten und letzten Teil der Schau. In sieben Laboren, aufgeteilt auf die sieben Sphären der Welt, bekommt der Besucher Einblick in die einzelnen Fachgebiete. Zum Teil spektakuläre Großobjekte illustrieren die Arbeitsbereiche der Planet-3.0-Forscher: ein Tornado, ein Wettersatellit oder eine »Schlaftomate« zum Überleben im arktischen Eis. Immer mehr Forscher wagen dank Informationstechnik und der damit verbundenen Möglichkeit, riesige Datenmengen zu verarbeiten, auch einen Blick in die Zukunft. Wie stehen zum Beispiel die Chancen, schädliches Co2 in den Boden zu pressen anstatt es in die Luft zu blasen? Könnten die riesigen Methan-Vorkommen möglicherweise gefördert werden, um weiteren fossilen Brennstoff zu bekommen? Was viele Klimaforscher fordern: sich nicht nur auf Vermeidungs- sondern auch auf Anpassungsstrategien zu konzentrieren. CO2 zu reduzieren wäre schön, geht aber nicht so schnell. Die Anpassung in Form von Verpressung des CO2 in tief liegende poröse Gesteinsschichten könnte die Atmosphäre möglicherweise deutlich kurzfristiger entlasten.

 

Ein Rezept gegen neue unliebsame Nachbarn wie die Tigermücke hat die Wissenschaft aber noch nicht. Das Insekt aus dem asiatischen Raum, unter anderem Überträger des gefährlichen Dengue-Fiebers, findet mit der fortschreitenden Erwärmung inzwischen auch hierzulande gute Lebensbedingungen.

 

Es geht nicht um die Rettung der Welt. Die gab es schon lange vor dem Menschen, und sie hat Schlimmeres überlebt als ihn. Vermutlich wird es sie auch noch geben, wenn das Leben in seiner heutigen Form längst ausgestorben ist. Es geht um den Menschen. Will er überleben, muss er anfangen umzudenken. Ausstellungen wie Planet 3.0 helfen dabei. /

Ausstellung

Planet 3.0 ? Klima, Leben, Zukunft,
Sonderausstellung des Naturmuseums Senckenberg, Frankfurt am Main

Wolfgang-Steubing-Halle, bis 15. September 2013.

www.planet.senckenberg.de

 

Senckenberganlage 25

60325 Frankfurt am Main

www.senckenberg.de

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