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Erektile Dysfunktion

Alternativen zur blauen Raute

28.06.2017
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Von Brigitte M. Gensthaler, München / Mindestens 6 Millionen Männer in Deutschland haben ernsthafte Probleme mit der Erektion, aber nur jeder fünfte geht zum Arzt. Neben einer Änderung des Lebensstils sind PDE-5-Hemmer wie die sogenannte blaue Raute Viagra® (Sildenafil) meist die erste Wahl. Wenn diese nicht helfen, gibt es nicht medikamentöse Alternativen.

Eine erektile Dysfunktion (ED) kann viele Ursachen haben. »Typischerweise beginnen die Probleme bei Männern ab 40, und Leistungsdruck verschärft das Problem«, sagte Professor Dr. Ricarda M. Bauer von der Urologischen Klinik der LMU, München-Großhadern, bei einer von Boston Scientific (AMS) unterstützten Veranstaltung in München.

Zuviel Stress und Ablenkung, ständige Störung im Schlafzimmer, wenig Schlaf und Bewegungsmangel tragen ebenso zur ED bei wie Erkrankungen, die die Gefäße schädigen. »Der Penis ist die Antenne des Herzens«, heißt ein Medizinerspruch. Bauer bestätigt das: »Viele Männer haben zuerst eine ED und erleiden später einen Herzinfarkt oder ein kardiales Ereignis.« In der ­Diagnostik müsse man daher immer auch Blutdruck, Blutfette und Blut­zucker kontrollieren.

 

Auch die Arzneimittelanamnese lohnt sich bei Betroffenen. Betablocker, Thiazid-Diuretika, Parkinson-Medikamente und Antidepressiva können Erektionsprobleme auslösen.

 

Als Basismaßnahme für Männer mit ED empfahl die Ärztin eine Änderung des Lebensstils: viel Bewegung, reduzierter Alkoholkonsum, genügend Schlaf, Stressreduktion und Rauchverzicht. Liegt ein leichter Testosteronmangel vor, empfehle sie den Männern, dreimal wöchentlich intensiv Sport zu treiben. »Das lässt das Testosteron steigen.«

 

Ein PDE-5-Hemmer helfe etwa 70 Prozent der Männer, wieder eine zufriedenstellende Erektion zu bekommen. Bei Unwirksamkeit müsse man nach den Ursachen fahnden. Manche Männer wüssten nicht, dass ein Effekt nur bei sexueller Stimulierung eintritt, dass sie das Medikament mindestens viermal ausprobieren müssen, bevor sie wissen, ob es ihnen hilft, und dass sie Sildenafil und Vardenafil nicht mit einer fettreichen Mahlzeit einnehmen sollten, da dies den Wirkeintritt verzögern kann. Ein Grund für das Ausbleiben einer Wirkung könne auch sein, dass die Männer ein unwirksames Präparat im Internet gekauft haben. Bei zu niedrigen Testosteron-Spiegeln könne man das Hormon per Gel substituieren, so die Urologin.

Nach einer Prostata-Operation, zum Beispiel wegen eines Karzinoms, leiden viele Männer an ED. Nach nervschonender Prostatektomie sei die niedrig dosierte Gabe von Tadalafil (einmal täglich 5 mg) sinnvoll, um nächtliche und morgendliche Erektionen zu fördern. Dies rege die Durchblutung und Sauerstoffversorgung des Penis an, sagte die Urologin. Zusätzlich empfahl sie Becken­bodentraining bei einem dafür spezialisierten Physiotherapeuten, um sowohl die Kontinenz als auch die Erektions­fähigkeit nach einer OP zu fördern.

 

Wenn PDE-5-Hemmer nicht ausreichen, kann der Mann zusätzlich oder als alleinige Hilfe eine Vakuumpumpe einsetzen. Dabei wird ein Kunststoffzylinder über den Penis gestreift und mithilfe einer Pumpe ein Unterdruck im Zylinder erzeugt. In der Folge strömt Blut in den Penis und bewirkt eine Erektion. Ein elastischer Ring, der am unteren Ende des Penis platziert wird, verhindert das Zurückströmen des Blutes. Bauer empfahl, die Pumpe positiv als eine Art Sexspielzeug und nicht als medizinisches Hilfsmittel anzusehen.

 

Weitere Alternativen sind die Schwellkörper-Autoinjektionstherapie (SKAT) oder die Applikation von ­Alprostadil in die Harnröhre. »Auch bei schweren Schäden haben etwa 70 Prozent der Männer Erfolg mit dieser ­Methode, die ohne sexuelle Stimulierung funktioniert«, sagte Bauer. Wichtig sei, dass der Mann nur in einen Schwellkörper spritzt. Sie empfahl, die richtige Dosierung vorher beim Uro­logen zu testen, um Dauererektionen zu vermeiden.

 

Implantate als letzte Option

 

Als letzte Option gelten Schwellkörperimplantate, die operativ in den Penis eingesetzt werden. Dabei werden die Schwellkörper des Mannes unwiderruflich zerstört, sodass keine natürliche Erektion mehr möglich ist. In Deutschland würden jährlich etwa 600 solcher Prothesen eingesetzt oder ausgetauscht, berichtete die Ärztin. In bestimmten Fällen übernehmen die Krankenkassen die Kosten für Implantate und die Vakuumpumpe.

 

Es gibt biegsame (semirigide) und auffüllbare (hydraulische) Modelle, die vollständig implantiert und von außen nicht sichtbar sind. Mit der semirigiden Prothese, die laut Bauer nur sehr selten eingesetzt wird, kann der Mann den Penis manuell in die gewünschte Form biegen.

 

Bei den hydraulischen Systemen setzt der Operateur zwei Kunststoff­zylinder an die Stelle der Schwellkörper in den Penis ein. Diese sind verbunden mit einer Pumpe, die im Hodensack platziert wird, und einem Flüssigkeitsreservoir, das im Bauchraum Platz findet. Wünscht der Mann eine Erektion, pumpt er die Flüssigkeit mithilfe der Pumpe aus dem Ballonreservoir in die Zylinder; nach dem Geschlechtsverkehr wird diese abgelassen und läuft zurück in den Ballon. Es sind also geschlossene Systeme, die eine »Erektion auf Knopfdruck« ermöglichen, das Gefühlsleben aber nicht beeinflussen, informierte die Ärztin. Die Lebensdauer der Implantate betrage fünf bis zehn Jahre. Dann muss das System ersetzt werden. Ist dies nicht möglich, zum Beispiel wegen einer Infektion, ist keine Erektion mehr möglich – auch nicht mit Hilfsmitteln.

 

Schwellkörper-Implantate sind seit etwa 44 Jahren auf dem Markt. Der Trend geht laut Bauer zur Bedienung der Pumpen per App. Dies sei zum Beispiel ein großer Vorteil, wenn der Mann die Pumpe im Hodensack mangels manueller Geschicklichkeit oder kognitiver Fähigkeiten nicht mehr richtig bedienen kann. /

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