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Psychologie

Ressourcen nutzen, Resilienz erwerben

22.06.2015
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Von Hannelore Gießen / Manche Menschen scheinen an einem Schicksalsschlag zu zerbrechen, andere finden – oft auch gestärkt – schnell in ihr normales Leben zurück. Ist diese Fähigkeit angeboren oder kann man sie erwerben? Noch ist wenig über die Erlangung der seelischen Widerstandskraft, der Resilienz, bekannt.

Unfall, schwere Krankheit, Tod eines nahen Angehörigen, Trennung oder Scheidung stürzen viele Betroffene in eine Krise. Zunächst dominieren leidvolle Erfahrungen, doch jede Krise beinhaltet auch eine Chance. Das sah auch Friedrich Nietzsche so: »Was uns nicht umbringt, macht uns stärker«, schreibt der Philosoph in seiner 1888/89 verfassten und 1908 erstmals veröffentlichten autobiografischen Schrift »Ecce homo. Wie man wird, was man ist«. Der Philosoph nennt das, was Psychologen heute Resilienz nennen, Wohlgeratenheit.

Nietzsches Zitat diente der Ame­rican Psychological Association als Titel für ihre 2010 publizierte Studie ­»Whatever Does Not Kill Us: Cumula­tive Lifetime Adversity, Vulnerability and Resilience«. An der dreijährigen Studie hatten rund 2400 Probanden teilgenommen. Aus ihren Daten folgerten die Autoren: Menschen, die hin und wieder schwierige Lebenssituationen meistern mussten, waren später oftmals seelisch widerstandsfähiger und fühlten sich wohler – nicht nur als die Studienteilnehmer, die sehr viele ­Schicksalsschläge hinnehmen mussten, sondern auch als die Probanden, die keinerlei Belastungen ausgesetzt waren.

 

Sie empfanden weniger Stress, litten seltener unter einem posttrau­matischen Belastungssyndrom und meisterten ihren Alltag besser. Ihre ­Lebenszufriedenheit stuften diese Menschen höher ein als Studienteilnehmer, die sehr viele oder gar keine Krisen erlebt hatten (1, 2).

 

Flexible Anpassung

 

Die Fähigkeit, auf herausfordernde und belastende Lebenssituationen flexibel zu reagieren, faszinierte den amerikanischen Psychologen Jack Block von der Berkeley University in Kalifornien bereits in den 1950er-Jahren. Um das Phänomen zu beschreiben, das er mit dem Verhalten eines Stehaufmännchens verglich, griff er auf einen Begriff aus der Technik zurück: Resilienz.

Ingenieure definieren Resilienz als die Widerstandsfähigkeit von Materialien beziehungsweise als Fähigkeit von Systemen, bei einem Teilausfall nicht vollständig zu versagen. Materialwissenschaftler verstehen darunter die ­Fähigkeit eines Materials, nach einer elastischen Verformung in den Ausgangszustand zurückzukehren. Auch Zahnmediziner beschreiben mit Resilienz die Eigenschaft von Geweben, nach verformender Belastung wieder den Ausgangszustand anzunehmen. Diese Definitionen spiegeln den lateinischen Ursprung des Begriffs »resilire: zurückspringen, abprallen« anschaulich wider.

 

Inzwischen beschäftigen sich auch Psychologie, Medizin und Pädagogik mit Resilienz. Sie verstehen darunter die Anpassung an die Herausforderungen des Lebens. Die Schweizer Psychotherapeutin Rosmarie Welter-Enderlin beschreibt das Phänomen folgendermaßen (3, 4): »Unter Resilienz wird die Fähigkeit von Menschen verstanden, Krisen im Lebenszyklus unter Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen zu meistern und als Anlass für Entwicklungen zu nutzen.«

 

Erste Langzeitstudie

 

Als Pionierin der Resilienzforschung gilt die US-Amerikanerin Emmy Werner, heute emeritierte Professorin der University of California. Die Entwicklungspsychologin legte 1971 eine Untersuchung über Kinder der Insel Kauai vor, die als Basisstudie zum Thema Resilienz gilt und letztlich über vier Jahrzehnte fortgeführt wurde. Von den 698 Kindern, die 1955 auf der zu Hawaii gehörenden Insel zur Welt kamen, hatten 201 eine schlechte soziale Prognose: Sie wuchsen in chaotischen, disharmonischen Familienverhältnissen auf, in ­denen es an allem zu fehlen schien.

Werner interessierte sich dabei weniger für die zwei Drittel der Kinder, die kaum aus den Schwierigkeiten herauskamen, in die sie hineingeboren worden waren. Diese Kinder fielen schon früh durch Lern- und Verhaltensprobleme auf.

 

Die Psychologin untersuchte langfristig vor allem die 72 stark belasteten kleinen Hawaiianer, die trotz ihrer düsteren Sozialprognose gut in der Schule zurechtkamen und keinerlei Probleme mit sozialen Beziehungen zeigten. Als Vierzigjährige verhielten sie sich empathisch, hilfsbereit und kooperativ. Keiner der ­resilienten Kauaianer war straffällig geworden oder ­benötigte Sozialhilfe.

 

Werner stellte die damals herrschende Auffassung infrage, dass Kinder mit so schlechten sozialen Ausgangsbedingungen im Leben scheitern werden. Die Psychologin folgerte aus ihrer Studie, dass Resilienz erlernbar ist, und identifizierte drei Gruppen von Schutzfaktoren: Persönlichkeitsmerkmale, protektive Faktoren innerhalb der Familie sowie außerhalb der Familie. Die resilienten Kinder waren von klein auf besonders sozial und hilfsbereit. Sie übernahmen früh Verantwortung in Familie, Schule oder Gesellschaft und entwickelten eine starke Beziehung zu einem Menschen außerhalb der Familie, meist einem Lehrer oder Betreuer (5).

 

Persönliche Bindung stärkt

 

»Der allergrößte Schutz im Leben ist Bindung«, lautet das Fazit von Professor Friedrich Lösel, Leiter der Bielefelder Invulnerabilitätsstudie aus dem Jahr 1999. Das Design dieser Studie unterscheidet sich deutlich von dem hawaiianischen Vorbild, spürt jedoch derselben Frage nach: Welche Schutzfaktoren helfen Kindern aus schwierigen Milieus, sich seelisch gesund zu entwickeln?

Lösel und seine Mitarbeiter befragten insgesamt 144 Heimkinder, von ­denen 66 ein hohes Maß an Resilienz entwickelten. Sie wuchsen zu selbst­bewussten ausgeglichenen Persönlichkeiten heran, die Probleme aktiv an­gingen. Sie kamen in der Schule gut ­zurecht und pflegten eine enge Beziehung zu mindestens einer festen ­Bezugsperson außerhalb ihrer ­Herkunftsfamilie.

 

Als Ressourcen identifizierten die Wissenschaftler ein flexibles Temperament, ein positives Selbstbild, Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit sowie eine aktive statt einer vermeidenden Konfliktbewältigung. Die jungen Menschen waren emotional ausgeglichen, konnten eine veränderte Situation akzeptieren und die Zukunft meist realistisch einschätzen.

 

Inzwischen spricht der Psychologe lieber von der Bielefelder Resilienzstudie, denn unverwundbar oder immun gegen das Schicksal sei keiner. Es komme auch darauf an, welcher Schicksalsschlag einen Menschen trifft. Wer nach dem plötzlichen Verlust des Arbeitsplatzes mutig neue Strategien entwickelt, müsse nicht unbedingt auch mit Gewalt oder schwerer Krankheit gut fertig werden, sagt Lösel (7).

 

Schutzfaktoren und Ressourcen

Wie wichtig es für die Gesundheit ist, sein Leben trotz aller Widrigkeiten gut zu bewältigen, hat der amerikanisch-israelische Medizinsoziologe Aaron Antonovsky bereits in den 1970er-Jahren erkannt. Den Wissenschaftler interessierten weniger die Modalitäten, die einen Menschen krank machen, sondern vielmehr diejenigen, die ihn gesund erhalten. Analog zur »Pathogenese« nannte er die Entwicklung und Förderung von Gesundheit »Salutogenese«.

 

In seinen Untersuchungen zu mitteleuropäischen Frauen, die zwischen 1913 und 1923 geboren worden waren, stieß er auf eine Gruppe von Überlebenden aus Konzentrationslagern, die trotz ihrer traumatisierenden Erfahrungen in der Lage waren, ihr weiteres Leben zu meistern. Antonovsky beschrieb sie als als besonders widerstandsfähige Personen, die die Welt grundsätzlich als zusammenhängend und sinnvoll erlebten. Er nannte diese Grundhaltung »Sense of Coherence« (SOC).

 

Der Soziologe beschreibt in seinem Buch »Health, Stress, and Coping« einen unterschiedlich stark ausgeprägten Kohärenzsinn der Menschen. Dieser beruht laut Antonovsky auf drei Grundhaltungen: dem Gefühl der Verstehbarkeit, der Machbarkeit und der Bedeutsamkeit. Menschen brauchen das zuversichtliche Gefühl, dass ihr Tun für ihr eigenes Leben sinnvoll und verstehbar ist und die Anforderungen zu bewältigen sind.

 

Wer in hohem Maß auf diese mentalen Ressourcen zurückgreifen kann, überstehe Schwierigkeiten besser. Menschen mit einem starken Kohärenzsinn erlebten die Welt als sinnvoll und begreifbar, auch bei Krisen und Problemen, schreibt Antonovsky (8, 9).

 

Angeboren oder erworben?

Zu Beginn der Resilienzforschung schätzte man die Widerstandskraft gegenüber den Herausforderungen des Lebens als angeborene Eigenschaft ein. Doch Langzeitstudien zeigen, dass Re­silienz im Lauf des Lebens erheblich schwanken kann. Sie ist also keine ­statische, sondern eine dynamische ­Eigenschaft. Sie ist kein Persönlichkeitsmerkmal wie Extraversion, Gewissenhaftigkeit oder Verlässlichkeit, denn Familie, Schule, Freunde und das gesamte soziale Umfeld prägen die Fähigkeit eines Menschen, Schwierigkeiten und Krisen zu meistern.

 

Aus ihren Studien auf Kauai oder in Bielefeld destillierten die Wissenschaftler einige Bausteine für Resilienz heraus:

 

  • Selbstvertrauen und Selbstwirk­samkeit,
  • Vertrauen ins Leben und Sinn für ­Kohärenz
  • sowie ein stark ausgeprägtes ­Zugehörigkeitsgefühl zu Familie, Gruppe und Gesellschaft.
     

Viele widerstandsfähige Menschen gehen davon aus, dass sie auch schwierige Situationen letztlich erfolgreich meistern. Ihre Probleme nehmen sie weniger als Belastung denn als Herausforderung wahr. In jungen Jahren erweist sich vor allem die Übernahme von Verantwortung in Familie, Schule oder einer Gruppe als ­stärkend.

 

»Ich habe, ich bin, ich kann« – so fasst die schottische Sozialwissenschaftlerin Professor Brigid Daniel von der Universität Stirling, Großbritannien, den Kern von Resilienz zusammen. Weltbekannt ist Barack Obamas Ruf: »Yes, we can!« (3, 10, 11, 12).

 

Zwischen Genen und Umwelt

 

In den letzten Jahren interessieren sich auch Hirnforscher und Genetiker für die Mechanismen, die hinter der seelischen Stabilität stecken. 

Denn zwischenzeitlich ist deutlich geworden, dass nicht nur das soziale Umfeld beim Entstehen von Resilienz eine Rolle spielt, sondern auch die biologische Ausstattung, die wiederum durch das Umfeld modifiziert wird.

 

Die Brücke zwischen angeborenen und erworbenen Eigenschaften bildet die Epigenetik, die oft als zweiter genetischer Code bezeichnet wird (siehe auch Titelbeitrag in PZ 2/2012). Während das Genom stabil bleibt, verändern sich die Epigenome im Lauf des Lebens durch Klima, Nahrung, Stress, Leid, Krankheit oder Verlust. Je nach Lebensstil unterscheiden sich selbst eineiige Zwillinge, epigenetisch betrachtet, mit zunehmendem Alter ­immer mehr. Die gelebten Jahre hinterlassen molekularbiologische Spuren in den Zellkernen.

 

Das Zusammenspiel von Genen, Erfahrungen und Lernprozessen verändert ständig die molekularen Abläufe in den Zellen und damit auch die Funktionsweise des Gehirns. Stress kann die Genexpression in bestimmten Hirnregionen hoch- oder herunterregulieren. Diese Veränderungen scheinen sich möglicherweise sogar auf nachfolgende Generationen auszuwirken (13).

 

Stress hinterlässt Spuren im Erbgut

 

Offenbar ist das Wechselspiel von Genen und Umwelt wichtiger als zunächst gedacht. Am Max-Planck-Institut (MPI) für Psychiatrie in München erforscht ein Team um den Neurobiologen Rainer Landgraf das Stressverhalten von Mäusen. Die Forscher greifen dabei auf Mäuse zurück, die sich sehr ängstlich oder besonders mutig verhalten. Beherzte Mäuse spüren in einem Labyrinth verstecktes Futter treffsicher auf, wenn sie entsprechend hungrig sind. Ängstliche Mäuse sind dagegen durch den Hunger zusätzlich gestresst und irren lange umher, bevor sie die Nahrungsquelle finden. Das physiologische Korrelat: Couragierte Nager schütten in kritischen Situationen weniger Cortisol aus als die furchtsamen.

 

Wie sich frühe Stresserlebnisse auf die Erbsubstanz von Mäusen auswirken, untersuchten die Wissenschaftler ebenfalls. Sie trennten einige Jungtiere eine Zeitlang von ihren Müttern – eine extrem belastende Situation. Als ausgewachsene Tiere produzierten die Mäuse größere Mengen an Cortisol und waren in neuen Situationen schnell überlastet.

 

Auch beim Menschen lassen sich Unterschiede zwischen gestressten und widerstandsfähigen neuronalen Systemen nachweisen. Cortisol als wichtigstes Stresshormon übt zahlreiche Funktionen aus, die für die Anpassung des Organismus an eine akute Stresssituation (über-)lebensnotwendig sind. Der Körper muss jedoch die Hormonausschüttung schnell senken können, um widerstandsfähig zu bleiben (14).

 

Genetische Risikovariante

 

Ob Stress krank macht, hängt stark von der genetischen Veranlagung ab, denn moduliert wird die Regulation der Stresshormone unter anderem von einem Gen namens FKBP5. Diesen Zusammenhang erforscht Professor Elisabeth Binder, Direktorin am MPI für Psychiatrie in München. Ihre Arbeitsgruppe entdeckte, dass Menschen mit einer speziellen Variante des FKBP5-Gens nach einem Trauma leichter seelisch krank werden. Wurden sie als ­Kinder missbraucht, entwickeln sie häufiger eine Depression als andere. Etwa die Hälfte der europäischen Bevölkerung trägt diese Variante in mindestens einem Allel; 10 Prozent sind homozygot, weisen also in beiden Allelen diese spezielle Genversion auf.

»Wer diese Variante trägt, hat Schwierigkeiten, mit Stress umzugehen. Das gesamte Stresshormonsystem ist dauerhaft fehlreguliert und dies kann sich in der Entwicklung von psychischen Erkrankungen äußern«, berichtet die Wissenschaftlerin im Gespräch mit der PZ. »Wir haben jedoch gesehen, dass die genetische Disposition allein keine Störung bewirkt, sondern nur, wenn eine traumatische Erfahrung in der Kindheit dazukommt. Dann treten epigenetische Veränderungen auf. Der Fokus unserer Forschung liegt bei Missbrauch und Misshandlung in der frühen Kindheit.« Je nachdem, welche Faktoren das Leben eines Kindes noch beeinflussen und in welchem Alter das Trauma passiert, könnten sich unterschiedliche Störungen entwickeln, erklärt Binder. Diese könne man im Gehirn an einer veränderten Vernetzung oder auch anatomischen Umgestaltungen ablesen (15, 16).

 

Das Team um Binder untersuchte das Erbmaterial von fast 2000 US-Amerikanern, die teilweise mehrfach schwer traumatisiert worden waren. Ein Drittel der Opfer erkrankte später an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Die Auswertung ergab, dass das Erkrankungsrisiko nur bei den Trägern der ­speziellen FKBP5-Variante zunahm.

 

Doch die Risiko-Variante hat nicht nur Nachteile. Nach dem Hurrikan »Katrina« untersuchten amerikanische Forscher, wie Männer und Frauen auf die elementaren Verwüstungen reagierten. Dabei stellten sie fest, dass Träger der Risikovariante mehr über sich hinauswuchsen als andere und ihr Leben besonders wertschätzten (17). Es werde noch viel weitere Forschung nötig sein, um zu verstehen, weshalb sich ein und dieselbe Genvariante je nach äußeren Bedingungen unterschiedlich auswirken kann, macht Binder deutlich.

 

»Wir hoffen, therapeutische Ansatzpunkte entwickeln zu können, um epigenetische Änderungen rückgängig machen und Trauma-Opfern besser helfen zu können. Bis ein solches Remodeling jedoch möglich sein wird, ist es noch ein weiter Weg«, erwartet die Neurowissenschaftlerin.

 

Resilienz lebenslang lernen

 

Die Kindheit ist nicht alles: Menschen können seelische Stärke auch später im Leben erwerben, denn die Persönlichkeit eines Menschen ist keineswegs in Stein gemeißelt. Seitdem bekannt ist, dass die neuronale Plastizität des Gehirns bis ins hohe Alter erhalten bleibt, überrascht es nicht, dass sich auch die Persönlichkeit im Lauf des Lebens deutlich ändern kann. Manche wenig resilienten Menschen sind besonders wandlungsfähig. Oft kennen sie ihre Stärken und Schwächen besonders gut und trainieren, Stärke zu bewahren und sich Herausforderungen zu stellen statt auszuweichen.

 

Jede Art von Lernen geht mit Strukturveränderungen im Gehirn einher. »Abgeleitet von Tierversuchen vermuten wir, dass sich beispielsweise Psychotherapie wahrscheinlich in einer dichteren oder geänderten Verknüpfung von Nervenzellen, aber auch in Modifikationen auf epigenetischer Ebene niederschlägt«, berichtet Binder.

 

Die genetische Anlage stecke nur den individuellen Rahmen ab, innerhalb dessen schon früheste Erfahrungs- und Lernprozesse die Entwicklung der Nervenzellen und ihre Vernetzung beeinflussen, so Binders Fazit. Deshalb könne Resilienz erlernt und gefördert werden. Das fällt dem einen leichter, dem anderen schwerer – je nach genetischer Disposition und Lebenserfahrung. Was ein Kind nicht an Resilienz mitgebracht und erlernt hat, kann es als Erwachsener immer noch erwerben, wenn auch nicht mehr so leicht.

 

Widerstandskraft im Beruf

 

Schnelles Lernen, rasche Anpassung – auch das heutige Arbeitsleben stellt hohe, häufig wechselnde Anforderungen an den Einzelnen wie an ganze Teams. Dies erfordert Resilienz auf mehreren Ebenen. Wie diese gefördert werden kann, erforschen Wissenschaftler der Universitäten Freiburg und Erlangen-Nürnberg im Verbundprojekt »Resilire – Altersübergreifendes Resilienz-Management«. »In einem ersten Schritt entwickeln wir geeignete Diagnoseinstrumente, um Resilienz ­sowohl auf individueller wie auf der Ebene von Arbeitsgruppen zu erfassen«, berichtet Dr. Roman Soucek von der Universität Erlangen-Nürnberg im Gespräch mit der PZ.

 

Wann und wie kann ich ein Problem als eine Herausforderung annehmen? Was muss ich tun, um fit und gesund zu bleiben? Wie entwickelt eine Organisation ein Resilienz förderndes Umfeld? Dies sind Fragen, denen das Forschungsprojekt nachgeht.

 

»Aus früheren Untersuchungen wissen wir, dass sich individuelle Resilienz auf persönliche Ressourcen wie Achtsamkeit, Selbstwirksamkeit oder positives Denken stützt«, erläutert Soucek. Resiliente Menschen entwickeln zudem mehrere Handlungsstrategien, um flexibel auf sich ändernde Situationen reagieren zu können, und setzen ihre Pläne auch um.

 

Dies lässt sich trainieren, und hier setzt das Projekt an. Zunächst erfolgt anhand eines Fragebogens eine Einschätzung und Reflektion des eigenen Verhaltens. In einem weiteren Schritt werden über Online- und Präsenz-Coaching personale Ressourcen erschlossen und resilientes Verhalten eingeübt. Unter anderem kommt es darauf an, einen Ausgleich zur Arbeit zu schaffen, beispielsweise mit festen Terminen für Sport oder Musik und Verabredungen mit Freunden und Kollegen.

 

Nicht nur der Einzelne, sondern auch die Arbeitsgruppe könne resilientes Verhalten entwickeln und sich fle­xibel an wechselnde Anforderungen anpassen, fasst Soucek zusammen. Eine offene Fehlerkultur und ein kon­struktiver Umgang mit Kritik seien ­entscheidende Bausteine für Resilienz im Team (18). /

 

Literatur 

  1. Seery, M. D., Holman, E. A., Silver, R. C., What­ever does not kill us: Cumulative lifetime adversity, vulnerability, and resilience. J. Personality Social Psychol. 99 (6) (2010) 1025-1041.
  2. Zwack, J., Wie Ärzte gesund bleiben – Resilienz statt Burnout. Thieme Verlag 2013.
  3. Bernd, C., Resilienz – das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft. dtv premium, 13. Aufl. 2015.
  4. Welter-Enderlin, R., Hildebrand, B., Resilienz – Gedeihen trotz widriger Umstände. Carl-Auer Verlag, 4. Aufl. 2012.
  5. Marinschek, S. B., Biologische Korrelate der Resilienz. Eine EMG-/EKG-Studie an jungen Erwachsenen. Diplomarbeit, Universität Wien 2010.
  6. Laucht, M., et al., Risiko- und Schutzfaktoren der kindlichen Entwicklung – empirische Befunde. Zschr. Kinder- u. Jugendpsych. Psychother. 26 (1998) 6-20.
  7. Lösel, F., et al., Von generellen Schutzfaktoren zu differentiellen protektiven Prozessen: Ergebnisse und Probleme der Resilienzforschung. In: Opp, G., et al. (Hg.), Was Kinder stärkt: Erziehung zwischen Risiko und Resi­lienz. S. 37-58. München, Reinhard 1999.
  8. Bengel, J., Strittmatter, R., Willmann, H., Was erhält Menschen gesund? Antonovskys Modell der Salutogenese – Diskussionsstand und Stellenwert. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Köln 2001.
  9. Franke, A., Modelle von Gesundheit und Krankheit. Verlag Hans Huber Bern, 3. Aufl. 2012.
  10. Brooks, R., Goldstein, S., Das Resilienz-Buch. Wie Eltern ihre Kinder fürs Leben stärken. Klett-Cotta, Stuttgart 2007.
  11. Rentschler, R., Am Leben wachsen. Gehirn und Geist 3 (2010) 46-50.
  12. Schutzfaktoren bei Kindern und Jugendlichen. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Forschung und Praxis der Gesundheitsförderung. Band 35. www.bzga.de/botmed_60635000.html
  13. Rytina, S., Marschall, J., Gegen Stress geimpft. Gehirn und Geist 3 (2010) 51-55.
  14. Murgatroyd, C., et al., Dynamic DNA Methylation Programs Persistent Adverse Effects of Early-Life Stress. Nature Neuroscience 12 (12) (2009) 1559-1566.
  15. Binder, E. B., et al., Association of FKBP5 polymorphisms and childhood abuse with risk of posttraumatic stress disorder symptoms in adults. JAMA 299 (11) (2008) 1291-1305.
  16. Bernd, C., Elisabeth Binder über die Seele, Süddeutsche Zeitung Nr. 182, 9./10. August 2014, S. 10.
  17. Dunn, E. C., et al., Interaction between genetic variants and exposure to Hurricane Katrina on post-traumatic stress and post-traumatic growth: A prospective analysis of low income adults. J. Affective Disorders 152-154 (2014) 243-249.
  18. Projekt Resilire – altersübergreifendes Resilienz-Management. www.resilire.de

Die Autorin

Hannelore Gießen studierte Pharmazie an der Universität Karlsruhe. Nach mehrjähriger Tätigkeit in verschiedenen öffentlichen Apotheken und einer journalistischen Ausbildung ist sie seit 1990 freiberuflich als ­Fachjournalistin tätig und bearbeitet medizinische, pharmazeutische und biotechnologische Themen für verschiedene Fachzeitschriften. Gießen hat sich zur Apothekerin für Allgemeinpharmazie weitergebildet und hat 2013 den Studiengang Consumer Health Care an der Charité-Universitätsmedizin Berlin absolviert. In ihrer Masterarbeit befasste sie sich mit ethischen Aspekten der Bewertung und Kommunikation von Arzneimittelrisiken.

 

Hannelore Gießen M. Sc.

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