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EU-Kommission

Apotheker sind Teil der Versorgung

28.06.2011  18:01 Uhr

Von Daniel Rücker, Berlin / Das Pharmapaket der Europäischen Union besteht aus drei Richtlinien. Die Apotheker sind in vielerlei Hinsicht betroffen, sagt Nils Behrndt, Stellvertretender Kabinettschef von EU- Gesundheitskommissar John Dalli.

PZ: Welche Bedeutung haben die Apotheker für die EU-Kommission?

 

Behrndt: Die Apotheker sind für uns ein elementarer Teil in der Gesundheitsversorgung. Bei allen Themen rund um das Arzneimittel spielen sie eine wesentliche Rolle, auch aus Verbraucherschutzgründen, denn sie sind das letzte Glied in der Kette. Sie haben den direkten Kontakt mit den Patienten. Zum Beispiel beim Thema Fälschungen sind Apotheker deshalb die entscheidende Instanz.

 

PZ: Was sollten Apotheker Ihrer Meinung nach vorrangig tun?

 

Behrndt: Apotheker dürfen keine klassischen Verkäufer sein. Sie sollten vor allem ihre Patienten unterstützen, dass diese in der Lage sind, an den Entscheidungen über ihre eigene Gesundheit teilzuhaben. Dazu brauchen die Patienten Informationen, die sollen ihnen die Apotheker gemeinsam mit den Ärzten geben.

 

PZ: Basis für gute Beratung ist Neutralität. Erfüllen die Apotheker diese Bedingung?

 

Behrndt: Ich habe keine Zweifel daran, dass die Apotheker ihr Berufsethos leben. Wir wissen, dass sie ihre Beraterrolle im Sinne der Patienten spielen.

 

PZ: Ein wichtiges Thema des ZAEU-Symposiums vergangene Woche in Berlin war die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Apothekern. Wie wichtig ist die Kooperation der Heilberufe?

 

Behrndt: Wir glauben, dass die Zusammenarbeit ungeheuer wichtig ist. Zum einen bei der Behandlung von Krankheiten, genauso wichtig ist aber die Aufgabe, das Informationsbedürfnis der Patienten zu befriedigen. Hier fehlt den Ärzten manchmal die Zeit. Deshalb ist es gut, wenn die Fragen der Patienten zumindest in den Apotheken beantwortet werden.

 

PZ: Das wichtigste europäische Gesundheitsthema ist das Pharmapaket. Wie stark betrifft es die Apotheker?

 

Behrndt: Wir setzen beim Pharmapaket in vielen Punkten auf die Apotheker. Ich habe es schon angedeutet: Bei der Bekämpfung von Arzneimittelfälschungen werden die Apotheker eine entscheidende Rolle haben. Auch bei der Pharmakovigilanz und der Patienteninformation sind sie wichtig.

 

PZ: Arzneimittelfälschungen ist ein Thema, dass die Apotheker schon lange beschäftigt. Wie wollen Sie in der EU das Problem angehen?

 

Behrndt: Wir wollen erreichen, dass alle Arzneimittel aus der legalen Vertriebskette sicher sind. Das kann uns nur gelingen, wenn jede Packung vor ihrer Abgabe kontrolliert wird. Die Prüfung sollte nach meiner Ansicht in der Apotheke erfolgen. Um die Echtheit zu erkennen, soll jede Packung einen eindeutigen Code haben, den der Apotheker mit einer Datenbank abgleicht und auffällige Packungen nicht abgibt.

 

PZ: Haben die Internetapotheken dieselben Aufgaben?

 

Behrndt: Ja. Alle Apotheken müssen dies tun. Wir unterscheiden nicht zwischen Präsenz- und Internetapotheken. Jede Apotheke muss alle Packungen bei der Abgabe prüfen. Um die Sicherheit der Internetapotheken zu erhöhen, werden wir außerdem ein Logo als Gütesiegel schaffen, dass seriöse Anbieter erkennbar macht. Dieses Gütesiegel wird auch mit einem Link auf eine offizielle Website verbunden, auf der sich die Verbraucher die Seriosität der Inter­netapotheke überprüfen können.

 

PZ: Ist das sicher? Logos und Websites kann man fälschen.

 

Behrndt: Mit der neuen Gesetzgebung werden wir die Abgabe von Arzneimitteln in den Präsenz-Apotheken sicher machen. Im Internet können wir keine absolute Sicherheit erzielen. Wenn Patienten dennoch im Internet einkaufen wollen, dann machen wir mit unserer Richtlinie diesen Einkauf zumindest sicherer. Der Grad der Sicherheit wird auch davon abhängen, wie gut wir das Siegel und die nationalen Websites bekannt machen. Dies wird eine Aufgabe von EU-Kommission, nationalen Behörden und Gesundheitsberufen sein.

 

PZ: Die zweite bereits verabschiedete Richtlinie ist die zur Pharmakovigilanz. Sie haben schon gesagt, hier kämen neue Aufgaben auf die Apotheker zu. Welche?

 

Behrndt: Die neue Richtlinie sieht auch UAW-Meldungen von Patienten vor. Ich vermute, dass viele Patienten, die eine Neben- oder Wechselwirkung melden wollen, vorher einen Apotheker oder einen Arzt um Unterstützung bitten werden.

 

PZ: Wäre es dann nicht sinnvoller, wenn die Apotheker oder Ärzte die Meldung weitergeben und nicht der Patient?

 

Behrndt: Wir haben in der Kommission lange darüber diskutiert. Am Ende haben wir uns aber gefragt, warum sich zum Beispiel ein chronisch Kranker, der sich in der Regel mit seinen Medikamenten sehr gut auskennt, nicht direkt an die Behörden wenden soll. Wir dürfen die Kenntnisse und Erfahrung der Patienten nicht unterschätzen. Ich glaube, dass sie sehr gut unterscheiden können, was meldenswert ist und was nicht.

 

PZ: Die Kommission sieht als Aufgabe von Ärzten und Apothekern, die Patienten umfassend zu informieren. In der Richtlinie zur Patienteninformation will aber auch die pharmazeutische Industrie eine Rolle spielen. Wie steht die Kommission dazu?

 

Behrndt: Der Vorschlag, der Pharmaindustrie zu erlauben, Patienten direkt über Arzneimittel zu informieren, stammt von der vorherigen Kommission. Trotzdem hat Gesundheitskommissar John Dalli gesagt, er werde ihn weiter verfolgen, wenn der Vorschlag aus Patientenperspektive neu definiert wird. Das Parlament hat bei der Abstimmung über die Patientenrichtlinie Änderungen vorgeschlagen, die die Kommission im Wesentlichen begrüßt hat.

 

PZ: Wo wird es Änderungen geben?

 

Behrndt: Der Kommissionsvorschlag liegt noch nicht vor. Aber die von der Kommission begrüßten Änderungen des Parlaments betreffen vor allem die Kontrolle der Informationen aus der Industrie. Die Pharmaunternehmen werden sich ihre Veröffentlichungen vorab genehmigen lassen müssen. Außerdem sind die erlaubten Kommunikationskanäle enger zu fassen. Besonders restriktiv in Printmedien.

 

Im Internet werden wir der Industrie dagegen sicherlich erlauben, diejenigen zu informieren, die aktiv nach Informationen suchen. Die Patienten suchen ohnehin Gesundheitsinformationen im Internet. Wir können das nicht verbieten. Wenn sie nun auf ex ante von einer neutralen Stelle freigegebene Industrieinformationen finden, dann ist das besser als vieles andere, was sie sonst im Netz lesen würden. Deshalb ist diese Form der Information durch die Industrie sinnvoll.

 

Das Internet deckt aber nicht das Informationsbedürfnis aller ab. Deshalb wollen wir der Industrie auch gestatten, gedruckte Informationen entweder über die Gesundheitsberufe oder auf ausdrückliche Nachfrage an Interessierte abzugeben. Entscheidend ist für uns, dass der Interessent nachfragt. Ungefragt darf die Industrie auch in Zukunft nicht informieren. Mailings werden wir also nicht erlauben. /

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