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DGP-Fragebogen

Venen-Check - unkompliziert, ökonomisch und aussagefähig

23.06.2008  11:37 Uhr

DGP-Fragebogen

Venen-Check - unkompliziert, ökonomisch und aussagefähig

Von Brita Larenz und Eberhard Rabe

 

Der Fragebogen der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie (DGP) ermöglicht unkompliziert, ökonomisch und vor allem valide die Identifizierung von Patienten mit einem erhöhten Risiko für Venenerkrankungen.

 

Zum Einsatz des Fragenbogens in der Apotheke wurden bereits 2006 repräsentative Daten erhoben (1). Nun kam er auch in Arztpraxen auf den Prüfstand. Mit ähnlich aussagefähigen Ergebnissen. Das Wichtigste: Bei einem Drittel der Befragten besteht der Verdacht auf ein abklärungsbedürftiges Venenleiden.

PZ-Originalia

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Venenerkrankungen sind häufig. Wie hoch die Prävalenz ist, zeigte erstmals die 2003 von der DGP durchgeführte Bonner Venenstudie, eine der großen Gesundheitsstudien auf der Basis von Querschnittsuntersuchungen in der deutschen Bevölkerung (2). Die stichprobenartige Befragung und phlebologische Beurteilung von 3072 Probanden zwischen 18 und 79 Jahren ergab, dass 42 Prozent der Frauen und 16 Prozent der Männer unter geschwollenen Beinen leiden. Lediglich 9,6 Prozent hatten keinerlei Veränderungen der Venen. Bei 59 Prozent bestanden isoliert Teleangiektasien oder retikuläre Varizen, bei 14,3 Prozent Krampfadern, bei 13,4 Prozent ein prätibiales Ödem und immerhin 3,3 Prozent der zufällig ausgewählten Probanden zeigten Zeichen einer fortgeschrittenen chronischen-venösen Insuffizienz (CVI). Die Ursachen sind bekannt: erbliche Veranlagung, Schwangerschaften und Alter fördern die Entwicklung einer Varikose. Übergewicht und langes Sitzen fördern zudem die Entwicklung einer CVI. Vorbeugung ist notwendig und möglich, wenn Venenkranke bereits im Frühstadium, besser noch als Risikopersonen rechtzeitig erfasst, beraten und entsprechend behandelt werden.

 

Identifizierung von Risikopersonen

 

Als aussagefähiges und gleichzeitig ökonomisches und unkompliziertes Instrument, um die Wahrscheinlichkeit einer Venenschwäche abzuschätzen, hat sich der validierte Fragebogen der DGP etabliert (3). Risikopatienten lassen sich damit einfach herausfiltern und einer weitergehenden diagnostischen Abklärung zuführen. Der Fragebogen kann vom Patienten allein oder gemeinsam mit Apotheker oder PTA innerhalb weniger Minuten ausgefüllt werden. Und er erleichtert den fundierten Einstieg in die Beratung. Erhoben werden demografische Faktoren, also Geschlecht, Alter, Größe und Gewicht sowie die Familienanamnese, da auch eine familiäre Disposition wesentlichen Einfluss auf das individuelle Risiko hat. Weitere Fragen betreffen venöse Vorerkrankungen wie oberflächliche Venenentzündung oder tiefe Beinvenenthrombose sowie aktuelle Beinbeschwerden, etwa das Anschwellen der Beine im Tagesverlauf, sichtbare Krampfadern oder eine Verfärbung der Unterschenkel. Die Antworten werden gewichtet, für jede Antwort 0 bis 2 Punkte vergeben. Daraus errechnet sich ein aussagefähiger Gesamtscore. Liegt dieser »Venenscore« bei vier Punkten und mehr, besteht der konkrete Verdacht auf eine behandlungsbedürftige Venenerkrankung. In diesen Fällen empfiehlt die DGP die ärztliche Abklärung. Der DGP-Fragebogen hat sich in einer Vergleichsstudie mit 1800 Teilnehmern als ebenso aussagefähig erwiesen wie die Lichtreflexionsrheografie (LRR) (4). Er bietet aber auch Vorteile zusätzlich zu einer LRR, indem er deren Aussagekraft durch die zusätzlichen klinischen Informationen verbessert und Messfehler aufdeckt.

 

Offene Patientenbefragung in Praxen

 

Erfolgreich eingesetzt wurde der DGP-Fragebogen anlässlich der Antistax-Venenwoche 2006 in 739 Apotheken bei 24.438 Apothekenkunden, wo er seine hohe Aussagefähigkeit unter Beweis stellte. Die Ergebnisse vermittelten ein repräsentatives Bild der Venenkunden in der Apotheke. Mit Spannung erwartet wurden nun die Daten einer ähnlichen Erhebung in Arztpraxen, die im Dezember 2007 durchgeführt wurde. Im Rahmen einer offenen, prospektiven, anonymisierten Patientenbefragung wurden in zehn Arztpraxen im Rhein-Sieg-Kreis alle Patienten zwischen 18 und 94 Jahren, die die Arztpraxis aufsuchten, auf Venenerkrankungen mittels DGP-Fragebogen gescreent. Insgesamt wurden 858 Patienten befragt, 776 Fragebögen waren valide und konnten ausgewertet werden. Wichtig ist dabei zunächst der Blick auf die demografischen Daten, denn weibliches Geschlecht, höheres Alter und Übergewicht gelten als klare Risikofaktoren für die Entwicklung einer chronischen Venenschwäche. Zwei Drittel der Befragten waren Frauen (67,3 Prozent), ihr Durchschnittsalter lag bei 53 Jahren, das Durchschnittsalter der Männer mit 56 Jahren etwas höher (Durchschnittsalter gesamt: 54,4 Jahre). Der mittlere BMI wurde mit 25,4 errechnet. Männer brachten es auf einen etwas höheren BMI von 27,3 kg/m2 gegenüber 25,9 kg/m2 bei den Frauen. Einen BMI über 30, und damit ein deutliches Übergewicht, hatten knapp 20 Prozent der Beteiligten. Aufschlussreich auch die Daten zur Familienanamnese: 9,5 Prozent der Probanden gaben an, dass beide Elternteile an einer Venenschwäche litten, bei 40,6 Prozent war es zumindest ein Elternteil. Ähnlich waren die Ergebnisse mit 8 Prozent beziehungsweise 45 Prozent auch in der Apothekenbefragung. Die positive Familienanamnese ist im Beratungsgespräch ein wichtiger Anknüpfungspunkt zu den Themen Risiko und Prävention. Eine hohe Übereinstimmung mit den Ergebnissen der Apothekenumfrage gab es auch bei der Eigenanamnese. Mindestens eine Venenentzündung hatten etwa 17 Prozent der Befragten bereits durchgemacht (Apothekenbefragung: 16 Prozent), mindestens eine Beinvenenthrombose 8,4 Prozent (Apothekenbefragung: 8 Prozent) und ein offenes Bein etwa 2 Prozent (Apothekenbefragung: 1 Prozent). Während Frauen bei der Venenentzündung und der Beinvenenthrombose zahlenmäßig deutlich vorne lagen, waren es beim offenen Bein die Männer mit einem Anteil von 3,94 Prozent gegenüber 0,77 Prozent. Insgesamt aber waren schwere Erkrankungsstadien mit 2,4 Prozent eher selten. Ein Rückgang schwerer Krankheitsstadien wurde schon in früheren epidemiologischen Untersuchungen deutlich. Er wird zurückgeführt auf die bessere und auch frühzeitigere Versorgung von Venenpatienten.

 

Erster Hinweis in der Apotheke auf eine mögliche Venenerkrankung sind Klagen über »schwere, geschwollene Beine«. Auch von den Patienten in der Arztpraxis wurden diese Symptome häufig genannt. Bei 35 Prozent schwellen die Beine im Tagesverlauf an, über schwere Beine, insbesondere bei längerem Sitzen und Stehen, klagen 45 Prozent. 11,5 Prozent gaben bräunliche Verfärbungen am Unterschenkel an und bei immerhin 39 Prozent waren bereits Krampfadern sichtbar. Diese Ergebnisse lagen etwas niedriger als bei der Apothekenbefragung. Dort waren allerdings das mittlere Alter (60 Jahre versus 54 Jahre) sowie der Anteil der Frauen (84 Prozent versus 67 Prozent) und damit der Prozentsatz an Risikopatienten deutlich höher. Auch in der aktuellen Patientenerhebung gaben Frauen häufiger Beinbeschwerden an, wie das Anschwellen der Beine im Tagesverlauf (Männer 21 Prozent, Frauen 41 Prozent), schwere Beine (Männer 30 Prozent, Frauen 53 Prozent) sowie sichtbare Krampfadern (Männer 27 Prozent, Frauen 45 Prozent). Interessanterweise war der Anteil von Männern und Frauen mit sichtbaren Krampfadern in der Apothekenbefragung vergleichbar (49 Prozent versus 45 Prozent), was wahrscheinlich im höheren Alter der männlichen Apothekenkunden (mittleres Alter 61 Jahre) im Vergleich zu den männlichen Patienten in der Patientenerhebung (mittleres Alter 56,9 Jahre) begründet liegt.

 

Keine relevanten Unterschiede zwischen den Geschlechtern zeigten sich in der Patientenerhebung bei den weit selteneren offenen Beinen und bei den bräunlichen Hautverfärbungen. Das Ergebnis ist aber auch ein klarer Hinweis darauf, dass bei Männern in Sachen Venenerkrankungen keinesfalls Entwarnung gegeben werden kann. Auch sie müssen für das Krankheitsbild sensibilisiert und entsprechend beraten werden.

 

Die Auswertung der Venenscores ergab ein klares, reproduzierbares Bild: Venenleiden sind häufig, Frauen etwa doppelt so oft betroffen wie Männer. Bei 27,6 Prozent der Befragten bestand mit einem Venenscore von mindestens vier konkreter Verdacht auf eine behandlungsbedürftige Venenerkrankung oder zumindest auf ein erhöhtes Risiko. Mit 33 Prozent waren Frauen deutlich häufiger betroffen als Männer mit einem Anteil von 16,5 Prozent. In der Apothekenbefragung war entsprechend des genannten höheren Anteils an Risikopersonen auch der Anteil behandlungsbedürftiger Venenpatienten mit 41 Prozent insgesamt höher. Auch die Unterstützung beim Ausfüllen des Fragebogens in der Apotheke, das dem Patienten ein genaueres Nachfragen ermöglichte, könnte zu dem höheren Wert beigetragen haben.

 

Alter und Übergewicht als Risiken

 

Mit dem Alter steigt das Risiko einer chronischen Venenerkrankung. In der Bonner Venenstudie hatten sich bei 99 Prozent der 70- bis 79-Jährigen phlebologische Auffälligkeiten gezeigt. Die Patientenbefragung mit dem DGP-Fragebogen bestätigte dies in ähnlicher Weise. Der Anteil der Patienten mit einem Venenscore über 4 steigt über die Jahre und Jahrzehnte kontinuierlich an und liegt in der Gruppe der 70- bis 79-Jährigen insgesamt bei 35 Prozent, bei den Frauen bei über 45 Prozent (siehe dazu Abbildung 1 [nur in der Druckausgabe]). 33,3 Prozent der Über-80-Jährigen, und damit mehr als der Durchschnitt, hatten einen abklärungsbedürftigen Venenscore von mindestens vier. Bei den 18- und 19-Jährigen sind Venenerkrankungen dagegen kein Thema. Keiner der eingeschlossenen Patienten kam auf einen Venenscore von vier. Die Auswertung bestätigt auch die Bedeutung von Übergewicht für die Entwicklung eines Venenleidens. Bei übergewichtigen Patienten mit einem BMI über 30 klagten 50 Prozent über anschwellende Beine im Tagesverlauf, 52,6 Prozent über schwere Beine. Bei Patienten mit einem BMI ≤ 30 lag der Anteil dagegen nur bei 31 Prozent beziehungsweise 43,4 Prozent. Entsprechend häufiger lag bei Adipösen der Venenscore bei 4 und mehr (36,8 Prozent versus 25,4 Prozent). Auch hier klare Parallelen zur Apothekenbefragung: Übergewicht war auch dort ein eindeutiger Risikofaktor für ein Venenleiden.

 

Weitere interessante Informationen lieferten zwei zusätzliche Fragen, mit denen der DGP-Fragebogen bei der Patientenerhebung in Arztpraxen ergänzt wurde. Dabei wurde gezielt nach bisherigen ärztlichen Diagnosen aus dem Umfeld von Venenerkrankungen sowie nach vorangegangenen Therapien von Venenerkrankungen gefahndet. Insgesamt 31,8 Prozent der Befragten gaben an, dass mindestens eine der vorgegebenen Erkrankungen diagnostiziert worden sei, allen voran Durchblutungsstörungen der Beine, aber auch Schwangerschaftsvarikosen, Unterschenkelekzeme und Lymphödeme (siehe dazu Abbildung 2 [nur in der Druckausgabe]). Ebenfalls etwa ein Drittel der Befragten gab an, eine der vorgegebenen Therapien wie Kompressionsstrümpfe, Venenmedikamente oder eine Venenoperation erhalten zu haben. Deutlich mehr Nennungen fanden sich bei Patienten mit auffälligem Venenscore (siehe dazu Abbildung 3 [nur in der Druckausgabe]). Bis zu 60 Prozent der Patienten hatten bereits einmal Kompressionsstrümpfe getragen, dagegen nur 15 Prozent der Patienten mit unauffälligem Venenscore. Dieses Ergebnis stützt in hohem Maße die Validität des Fragebogens und des gewählten Cut-off-Wertes.

 

Zusammenfassung

 

Die aktuelle prospektive Befragung von 776 Patienten in zehn Arztpraxen im Bonn-Sieg-Kreis anhand des DGP-Fragebogens bestätigt im Wesentlichen das Ergebnis der Apothekenbefragung aus dem Jahr 2006: Bei etwa einem Drittel der Bevölkerung besteht der abklärungsbedürftige Verdacht auf ein Venenleiden. Frauen, ältere Menschen und Übergewichtige sind besonders häufig von Venenerkrankungen betroffen. Der in beiden Untersuchungen eingesetzte DGP-Fragebogen hat sich als valides, unkompliziertes und ökonomisches Instrument zur Erfassung von Risikopersonen erwiesen. Er ist dazu geeignet, in der Apotheke in kurzer Zeit Risikopatienten zu identifizieren und bietet sich als Einstieg in die dringend notwendige Beratung an. Denn noch immer unterschätzen die meisten Venenpatienten die Risiken von »schweren, anschwellenden Beinen«, die oft zwar als störend empfunden werden, aber aus Sicht des Patienten keinen Krankheitswert haben. Kostenlose Exemplare des DGP-Fragebogens können angefordert werden über die Firma Boehringer Ingelheim, Binger Straße 173, 55216 Ingelheim, Fax 06132 77-6890, E-Mail: andrea.schuhriemen(at)boehringer-ingelheim.com.

Literatur

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Rabe, E., Schulz, M. Der Venenkunde in der Apotheke. Ergebnisse mit dem DGP-Fragebogen. Pharmazeutische Zeitung, Ausgabe 17 (2007)

Rabe, E., et al., Bonner Venenstudie der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie. Epidemiologische Untersuchung zur Frage der Häufigkeit und Ausprägung von chronischen Venenkrankheiten in der städtischen und ländlichen Wohnbevölkerung. Phlebologie 32, 1 (2003) 1-14

Rabe, E., Schulz, M., Stücker, M., Venenberatung. Vennefunktion per Fragebogen testen. Pharmazeutische Zeitung 151,18 (2006) 1677-1678

Stücker, M., et al. Fragebogen und Messung der venösen Auffüllzeit. Vergleich zweier Instrumente zum Screening von Venenerkrankungen. Vasomed 4 (2004) 130-131

 

Anschriften der Verfasser:

Dr. Brita Larenz

Dollendorferstraße 389

53639 Königswinter

larenz(at)t-online.de

 

Professor Dr. Eberhard Rabe

Universität Bonn

Sigmund-Freud-Straße 25

53105 Bonn

eberhard.rabe(at)ukb.uni-bonn.de

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