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Insektengiftallergie

Im Notfall schnell handeln

26.06.2006  11:26 Uhr

Insektengiftallergie

Im Notfall schnell handeln

von Christina Hohmann, Eschborn

 

Stiche von Bienen, Wespen und Hornissen sind immer ärgerlich: sie schmerzen, führen zu Schwellungen und verderben einem den Aufenthalt im Freien. Doch für Menschen, die allergisch reagieren, ist das Insektengift lebensbedrohlich.

 

Mit Beginn der Picknick-Saison tauchen auch Bienen, Wespen und Hornissen wieder auf. Viele Menschen fürchten sich vor den schmerzhaften Stichen, doch für Allergiker ist das Gift der Tiere tatsächlich gefährlich. Etwa 600.000 Menschen in Deutschland haben eine Insektengiftallergie. Bei ihnen kann ein Stich zu schweren systemischen Reaktionen bis hin zum anaphylaktischen Schock führen. In Deutschland sterben im Jahr etwa 10 bis 20 Menschen infolge eines Insektenstichs.

 

Auslöser einer Insektengiftallergie sind hier zu Lande ausschließlich Hymenopteren (Hautflügler), vor allem Honigbienen, die zu den Bienen zählenden Hummeln sowie verschiedene Wespenarten, zu denen auch die Hornisse gehört. Fast alle sozialen Hymenopteren, die in Staaten zusammenleben, besitzen einen Stachel. Dieser ist im Laufe der Evolution aus der Eilegeröhre (Ovopositor) entstanden, da bei sozialen Hautflüglern nur Königinnen für die Eiablage verantwortlich sind und der Ovopositor bei den meisten Weibchen überflüssig war. Männliche Tiere besitzen dementsprechend keinen Stachel.

 

Opferbereite Bienen

 

Der Stechapparat besteht aus einer Stachelrinne und zwei Stechborsten, die in dieser Rinne hin- und hergleiten können. Jede Stechborste ist mit mehreren Widerhaken versehen, die beim Stich den Stachel in der Haut verankern. Das Gift wird in zwei schlauchförmigen Giftdrüsen (»sauren Drüsen«) gebildet, die sich vereinigen und in einer Giftblase münden. Diese kann maximal 0,5 mg Rohgift fassen. Beim Stechvorgang wird dieses mit Hilfe einer eigenen Stechapparat-Muskulatur in die Wunde gepumpt. Da Wespen im Vergleich zu Bienen kürzere Stechborsten und eine stärkere Muskulatur besitzen, können sie den Stachel in der Regel aus der Haut der Opfer wieder herausziehen und erneut stechen. Bienen gelingt dies dagegen nur bei anderen Insekten. Stechen sie weichhäutige Tiere wie Säugetiere, bleibt der Stachel auf Grund der Widerhaken stecken, und der gesamte Stechapparat wird aus dem Hinterleib herausgerissen. Die Biene verendet auf Grund dieser Verletzung. Die Muskulatur des abgerissenen Stechapparats treibt, obwohl vom Bienenkörper getrennt, die Borste tiefer in die Haut und pumpt weiteres Gift in die Wunde. Bienen verwenden ihren Stachel zur Abwehr von Fressfeinden, um ihren Honig und ihre Brut zu schützen. Wespen und Hornissen setzen ihn außerdem zum Beutefang ein.

 

Enzyme als Allergene

 

Das Gift der Hymenopteren besteht aus verschiedenen Stoffgruppen. Neben biogenen Aminen sind Polypeptide, Kinine (niedermolekulare Peptide) und einige Enzyme enthalten. Einen großen Teil machen biogene Amine wie Histamin, Serotonin, Dopamin, Adrenalin und Acetylcholin aus. Diese haben einen stark schmerzauslösenden Effekt und tragen zur Rötung und zum Jucken der Haut bei. Die im Gift enthaltenen Polypeptide und Kinine (bei der Biene Mellitin) wirken blutdrucksenkend und ebenfalls schmerzerzeugend. Der Enzymanteil im Gift ist relativ gering. Die Phospholipasen A und B sowie die Hyaluridonsäure führen zur Zellschädigung und erhöhen die Permeabilität, was die Ausbreitung des Gifts beschleunigt. Die Enzyme sind außerdem die wichtigsten Allergene, auf die Insektengiftallergiker reagieren.

 

Schwellung oder Schock?

 

Nach einem Stich schwillt typischerweise die Haut um die Einstichstelle stark an, rötet sich und schmerzt heftig. Schwellung und Schmerzen können mehrere Stunden, zum Teil auch bis zu einigen Tagen anhalten. Der Stachel sollte möglichst rasch, am besten mit einer Pinzette entfernt werden, da der Stachelapparat weiterhin Gift in die Wunde pumpt. Kühlen der Einstichstelle vermindert die Schwellung. Den Juckreiz lindern Antihistamin-Gele.

 

Während für alle Menschen Stiche von Wespen oder Bienen äußerst schmerzhaft sind, reagieren nur schätzungsweise zwischen 1 und 5 Prozent der Bevölkerung allergisch auf das Gift. Diese Personen sind nach einem ersten Insektenstich sensibilisiert und entwickeln dann nach einem weiteren Stich allergische Reaktionen. Diese können unterschiedlich stark ausfallen. Erste Symptome sind ein Jucken und Kribbeln der Handflächen und Fußsohlen, Hautrötungen, Schwellungen und Quaddeln am ganzen Körper sowie Schwindel und Übelkeit. Außerdem können Krämpfe, Erbrechen, Schweißausbrüche und Herzklopfen hinzukommen. In ernsten Fällen kann es bis zu Atembeschwerden und einem anaphylaktischen Schock kommen. Die ersten Anzeichen einer allergischen Reaktion treten meist wenige Minuten nach dem Stich auf und sind dringende Alarmzeichen dafür, einen Arzt aufzusuchen.

 

Notfallset für unterwegs

 

Allergien können in jedem Lebensalter auftreten. Bereits dem bloßen Verdacht auf eine Übersensibilität sollte beim Allergologen mit Hilfe von Hauttests oder Antikörper-Nachweisen nachgegangen werden. Personen, die an einer Insektengiftallergie leiden, müssen im Sommer immer ein Notfallset bei sich tragen. Dieses sollte laut AWMF-Leitlinie »Insektengiftallergie«  (www.dgaki.de/Positionspapiere/Leitlinie-Insektengiftallergie-AJ0403_186.pdf) ein H1-Rezeptor-blockierendes Antihistaminikum mit raschem Wirkungseintritt, Glucocorticoid (100 mg Prednisolon-Derivat), Adrenalin zum Inhalieren oder Spritzen sowie gegebenenfalls ein Beta-Sympathomimetikum (gegen Bronchospasmus) enthalten. Die Notfallmedikation ist sofort anzuwenden, das Adrenalin beziehungsweise das Beta-Sympathomimetikum erst bei Einsetzen von Atembeschwerden. Trotz dieser Behandlung sollte unverzüglich ein Arzt aufgesucht werden.

 

An das Gift gewöhnen

 

Da sich Insektenstiche auch bei geeigneten Vorsichtmaßnahmen (siehe Kasten) nie völlig vermeiden lassen und diese bei Allergikern zum Teil lebensgefährliche Folgen haben können, sollten Betroffene über eine Hyposensibilisierung nachdenken. Eine spezifische Immuntherapie ist die einzige kausale Behandlung einer Allergie und schützt effektiv. Durch ständig wiederkehrenden Kontakt gewöhnt sich der Organismus an das Allergen, weshalb die überschießende Immunreaktion bei einem Insektenstich ausbleibt. Die Behandlung sollte der Leitlinie zufolge stationär im Krankenhaus begonnen werden. Mehrmals täglich bekommen die Patienten geringe Dosen des entsprechenden Insektengifts subcutan injiziert. Die Dosis wird in den nächsten Tagen kontinuierlich gesteigert, bis die Patienten nach etwa fünf bis zehn Tagen entlassen werden.

Stiche vermeiden

In den Monaten Mai bis Juli fliegen vor allem Bienen, von Juli bis September hauptsächlich Wespen. Um Stiche zu vermeiden sind einige Verhaltensregeln sinnvoll.

 

Nicht nach Bienen und Wespen schlagen, denn die Tiere stechen vor allem sich schnell bewegende Objekte. Lieber Ruhe bewahren und die Insekten nicht unnötig reizen.

Nicht barfuß über Wiesen laufen.

Blühende Bäume und Blumen, Fallobst sowie offene Mülleimer meiden.

Bienen stechen nach Geruch: Haarsprays, Parfums, stark riechende Shampoos, aber auch Schweiß fördern das Stechen. Auch Bananen machen Bienen angriffslustig, da die Geruchsstoffe dem Alarmpheromon der Tiere ähneln.

Süße Getränke nicht aus Dosen trinken, da Insekten nicht gesehen und verschluckt werden könnten.

Insektengiftallergiker sollten besonders vorsichtig sein und möglichst nicht im Freien essen. Vor allem Süßigkeiten und Fleisch locken Hymenopteren an.

Besonders gefährdete Personen sollten auch auf weite Kleider, in denen sich Insekten verfangen können, verzichten. Große Blumenmuster locken Bienen an, und dunkle, flauschige Stoffe erhöhen die Angriffslust der Tiere, da sie an mögliche Honigräuber, wie zum Beispiel Bären, erinnern.

 

In dieser Aufdosierungsphase kommt es in seltenen Fällen (bei etwa 0,5 Prozent der Patienten) zu schweren anaphylaktischen Reaktionen, bis hin zum Schock. Milde unerwünschte Wirkungen treten bei etwa 40 Prozent der Behandelten einmalig auf und stellen kein Hindernis dar, die Therapie weiterzuführen.

 

Im Anschluss an den Krankenhausaufenthalt sollten die Patienten alle vier Wochen 100 µg des Insektengifts erhalten. Die spezifische Immuntherapie kann nach drei bis fünf Jahren beendet werden, wenn die Betroffenen eine Stichprovokation ohne systemische allergische Reaktion vertragen. Bei etwa 80 Prozent der Behandelten ist dies der Fall. Einen dauerhaften Schutz bietet laut AWMF-Leitlinie nur eine lebenslange Hyposensibilisierung.

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