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Leukämie

Imatinib setzt neuen Standard

19.06.2006
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Leukämie

Imatinib setzt neuen Standard

von Annette Junker, Atlanta

 

Beeindruckende Langzeitdaten von einem der ersten Vertreter der »Targeted therapies« wurden kürzlich auf dem amerikanischen Krebskongress vorgestellt. In der größten Studie mit dem Tyrosinkinaseinhibitor Imatinib bei chronisch myeloischer Leukämie lebten nach fünf Jahren noch 89 Prozent der Patienten.

 

Die IRIS-Studie begann im Juni 2000 und umfasste 1106 zuvor unbehandelte Patienten mit CML. Die Patienten wurden randomisiert und erhielten entweder täglich 400 mg Imatinib oder die damalige Standardtherapie aus α-Interferon/Cytarabin (IFN). Bei der ersten Analyse nach sechs Monaten betrugen die Raten von molekularem Ansprechen und komplettem zytogenetischen Ansprechen in der Imatinibgruppe 63 Prozent und 40 Prozent versus 10 Prozent und 2 Prozent (IFN) (p < 0,001).

Chronische myeloische Leukämie

Die CML ist die zweithäufigste Form der chronischen Leukämien. Sie geht mit einer starken Vermehrung von weißen Blutkörperchen, speziell von Granulozyten und ihrer Vorstufen im Blut und blutbildenden Knochenmark einher, und ist in der Anfangsphase häufig symptomlos. Die CML verläuft klassischerweise in drei Krankheitsphasen, der chronisch stabilen Phase, der Akzelerationsphase und der Blastenkrise. Der weitere Verlauf ähnelt dann dem einer akuten Leukämie.

Auf dem Kongress der American Society of Clinical Oncology (ASCO) präsentierte Professor Dr. Brian Druker, Oregon, nun nach fünf Jahren die Daten der 553 Patienten, die initial mit Imatinib behandelt worden waren. 382 dieser Patienten erhielten den Tyrosinkinaseinhibitor noch immer.

 

11 Prozent der Patienten hatten die Therapie wegen einer Progression oder fehlender Wirksamkeit abgebrochen, 5,8 Prozent wegen Nebenwirkungen oder nicht durch die CML verursachter Todesfälle.

 

Bei den Patienten, die über fünf Jahre Imatinib bekommen hatten, stiegen die Ansprechraten im Vergleich zum Vorjahr stetig jeweils an. Die Überlebensrate in der Gesamtgruppe betrug nach dieser Zeit 89,4 Prozent und bei Ausschluss der nicht durch CML hervorgerufenen Todesfälle sogar 95,4 Prozent. 93 Prozent der Patienten mit initialer Imatinibtherapie überlebten ohne eine Progression zur akzelerierten Phase oder Blastenkrise. Darüber hinaus wurde die Rate an Todesfällen und Verlust des Ansprechens nach dem zweiten Jahr kontinuierlich geringer. Das Risiko für eine Progression sei gering und stehe offensichtlich in direktem Zusammenhang zum Ausmaß des Ansprechens und zum Zeitpunkt, zu dem dieses erreicht wurde. Bei Patienten, bei denen sich nach 12 oder 18 Monaten eine partielle oder komplette zytogenetische Remission gezeigt habe, sei das Risiko einer Progression sehr gering.

 

Druker wies dabei auf den grundsätzlichen Unterschied zu den bisherigen Erfahrungen bei der CML hin: Bei einer Chemotherapie galt meist, dass mit gutem Ansprechen auch das Risiko eines Rückfalls stieg. Bei der Therapie mit Imatinib gelte das Gegenteil: Um so besser das Ansprechen sei, um so besser sei auch die Gesamtprognose. »Weil diese Daten so überraschend waren, freuen sie mich noch mehr als die Daten der gleichen Studie, die ich nach einem Jahr Nachbeobachtung während des ASCO 2002 vorgestellt habe«, so der Referent.

 

Diese nun präsentierten Überlebensraten übersteigen alle jemals bei der CML erreichten. Auch nach fünf Jahren Therapie war das Ansprechen noch ausgesprochen gut. Die Studienleiter beobachteten in einigen Fällen auch ein spätes Ansprechen auf Imatinib, und dieses war im Allgemeinen dauerhaft.

 

Nur 5 Prozent der Patienten brachen die Therapie wegen schwerer Nebenwirkungen wie Hautrötungen, erhöhten Leberenzymwerten und Flüssigkeitsretention ab. An leichteren Nebenwirkungen kam es zu milder Übelkeit, Diarrhö und Muskelkrämpfen. Die meisten Nebenwirkungen traten in den ersten beiden Jahren auf.

 

Stammzelltransplantation überflüssig

 

Diese guten Ergebnisse führten in der abschließenden Diskussion zu der Überlegung, ob und wann eine Stammzelltransplantation bei CML überhaupt noch zu rechtfertigen sei. Sowohl Druker als auch sein Diskutant Professor Dr. Richard Stone, Boston, sahen diese nur noch bei sehr jungen Patienten indiziert oder bei Patienten, die folgende therapeutische Ziele nicht erreicht hätten:

 

komplettes hämatologisches Ansprechen nach drei Monaten,

Hinweise auf ein zytogenetisches Ansprechen nach sechs Monaten,

überwiegend zytogenetisches Ansprechen nach einem Jahr.

 

Diese Vorschlägen könnten sich laut Stone möglicherweise schon bald wieder ändern, da neue hoffnungsvolle BCR-ABL-Inhibitoren wie Dasatinib und Nilotinib für eine Zweitlinientherapie sicher bald zur Verfügung stehen würden. Die Frage, ob er einen früheren Einsatz von Sunitinib empfehlen würde, wenn dieses zugelassen sei, verneinte Druker mit Nachdruck: Es spreche alles dafür, mit Imatinib zu beginnen, da die IRIS-Studie gezeigt habe, dass bei sehr gutem Gesamtüberleben und Verträglichkeit die meisten Patienten lange erfolgreich therapiert werden könnten und bisher keine Vergleichsstudien mit anderen Substanzen vorlägen.

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