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EU-Strategie gegen die Pharmaindustrie

19.06.2006
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AESGP

EU-Strategie gegen die Pharmaindustrie

von Thomas Bellartz, Athen

 

Die Sorge um galoppierende Gesundheitsausgaben und die Entwicklung im Arzneimittelsektor treibt die europäischen Staaten um. Beim Verband der europäischen Arzneimittelhersteller (AESGP) gab es politische Rückendeckung für die Hersteller, aber auch Warnschüsse, wie von der österreichischen Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat.

 

Rauch-Kallat ist die amtierende Vorsitzende des Rates der EU-Gesundheitsminister. Sie betonte, dass das Gesundheitwesen an sich eine nationale, keine internationale Angelegenheit sei. Der Anteil der Arzneimittelausgaben sei europaweit relativ hoch. Die Ministerin sieht die EU und die europäische Pharmaindustrie vor gravierende Herausforderungen gestellt. So müsse man den Fokus verstärkt auf die Pharmaforschung legen und gleichzeitig auch den Standort für die Hersteller sichern. Nicht nur am Rande der Fachtagung in Athen beklagten viele Hersteller die teilweise schwierigen Rahmenbedingungen in europäischen Ländern, wobei es hier erhebliche Unterschiede gebe. Als beispielhaft werden Wachstumsstandorte wie etwa Indien genannt; aber auch die USA und Kanada werden als Forschungs- wie Produktionsstandorte explizit hervorgehoben. Rauch-Kallat will auf diesem Weg weiter vorankommen. Aufmerksam wurden die Pharmavertreter, als die Österreicherin als einen wesentlichen Punkt bezeichnete, neue Wege bei der Preisbildung von Arzneimitteln finden zu wollen. Rauch-Kallat stellte klar, dass sie es nicht verstehe, warum die EU-Mitgliedsstaaten sich nicht als gemeinsame Nachfrager bei den großen Pharmakonzernen präsentierten. Mit dieser Nachfragemacht könne man der Preispolitik mancher Hersteller sicher gestärkt gegenüberstehen.

 

Der Frauenpolitikerin liegt besonders der differenzierte, geschlechterspezifischer Ansatz im Arzneimittesektor am Herzen. Sie wünsche sich verstärkte gender-basierte Ansätze in der Industrie. Eine besondere Bedeutung genieße auch die Anwendersicherheit. Bei aller Sympathie für OTC-Arzneimittel könne die Selbstmedikation durch den Apotheker nicht die ärztliche Beratung ersetzen.

 

Trotz der übergeordneten Zielsetzung der Ratsvorsitzenden scheint Europa weit von diesen Ansprüchen entfernt. So würden in Polen beinahe 60 Prozent der Arzneimittelausgaben privat bezahlt, mehr als 70 Prozent der Ausgaben trage in Österreich hingegen die Krankenkasse. Die starken Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern könnten nicht in kürzester Zeit überwunden werden. Trotzdem müsse man Gemeinsamkeiten nicht nur finden, sondern diese auch gezielter herausarbeiten.

 

Kritisch sieht Rauch-Kallat den Internethandel mit Arzneimitteln. »Den halte ich für gefährlich«, ließ sie in Athen wissen. Der Handel dürfe auf keinen Fall für verschreibungspflichtige Arzneimittel zugelassen sein. Immerhin gehe es um die Sicherheit von Patienten. Und die müsse immer über allem anderen stehen.

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