Pharmazeutische Zeitung online
Leichte Depression

Apotheker fühlen sich in der Beratung sicher

20.06.2006
Datenschutz bei der PZ

Leichte Depression

Apotheker fühlen sich in der Beratung sicher

von Marion Schaefer, Michael Linden, Heidi Spitznagel und Michael Ploch, Berlin

 

Erste Anlaufstelle für depressive Menschen ist häufig die Apotheke. Bei der Beratung ist hier neben der fachlichen die soziale Kompetenz gefragt. Eine Befragung von Apothekern und Patienten sollte aufzeigen, wie gut sich die Apotheker auf die Beratung dieser spezifischen Patientengruppe vorbereitet sehen.

 

Depressive Erkrankungen haben in den vergangenen Jahren in den Industrienländern stark zugenommen. Die Ursachen dafür sind noch unklar. Vermutet wird zum einen der zunehmende Stress in der Gesellschaft, zum anderen eine weitgehende Überwindung der Stigmatisierung der Depression, sodass die Patienten heute häufiger den Arzt aufsuchen.

 

Der Apotheker gehört zu den Heilberuflern, die die Zeichen einer beginnenden Depression in einer frühen Phase erkennen können. Des Weiteren muss er entscheiden, ob »nur« eine vorübergehende Befindlichkeitsstörung vorliegt, die im Rahmen der Selbstmedikation behandelt werden kann, oder ob eine Empfehlung für einen Arztbesuch gegeben werden muss. Wie gut fühlt sich der Apotheker jedoch für diese spezifische Form der Beratung gewappnet? Dies ist auch aus Sicht der Ärzteschaft von Bedeutung, da eine verlässliche und inhaltlich abgestimmte Beratung eine Entlastung für die betreuenden Ärzte darstellt, auch wenn dies noch nicht von allen Fachkollegen so gesehen wird. Die Charité Universitätsmedizin Berlin hat deshalb mit Unterstützung von Lichtwer Healthcare eine Studie zur Beratungssituation bei psychischen Erkrankungen aus Sicht der Apotheker und Patienten durchgeführt. Im Mittelpunkt standen Johanniskrautpräparate, deren Wirksamkeit bei leichten und mittelschweren Depressionen gut belegt ist.

 

Methodik

 

Die Apothekenumfrage zu Johanniskrautpräparaten wurde im März 2004 gestartet. An 292 Apotheken, die zuvor ihre Bereitschaft zur Studienteilnahme signalisiert hatten, wurden jeweils ein Fragebogen zum allgemeinen Beratungsaufwand und zehn Fragebögen zur Medikamentenabgabe übergeben. Diese waren durch den abgebenden Apotheker auszufüllen. Die gleiche Anzahl von Fragebögen sollte unmittelbar nach Studieneintritt an zehn Patienten, die in der Apotheke ein Johanniskrautpräparat erhielten, weitergereicht und von diesen nach der Abgabe ausgefüllt und in einem geschlossenen Umschlag zurückgegeben oder anonym an die Studienleitung gesandt werden. Die Nummerierung der einzelnen Fragebögen ermöglichte dennoch, die zurückgesandten Patientenbögen einer bestimmten Apotheke zuzuordnen, um eine Bewertung der Beratungssituation sowohl aus Sicht der Apotheker als auch der Patienten vorzunehmen.

 

In die Studie wurden alle verfügbaren Johanniskrautpräparate einbezogen. Gleichzeitig wurde dokumentiert, ob es sich um verordnete oder in der Selbstmedikation erworbene Präparate handelte. Die Wahl des abzugebenden Arzneimittels sollte durch die Studie ausdrücklich nicht beeinflusst werden.

 

Von den 292 teilnehmenden Apotheken schickten 176 ausgefüllte Fragebögen zurück (Rücklaufquote 60,3 Prozent). Die Apotheker sprachen insgesamt 1348 Kunden an, die wegen eines Johanniskrautpräparates in die Apotheke gekommen waren. 718 (53 Prozent) beteiligten sich an der Befragung, wobei Frauen mit einem Anteil von 76,5 Prozent dominierten. Die Apotheken sollten die ersten zehn Johanniskrautabgaben nach Studieneintritt dokumentieren. Weitere Ein- und Ausschlusskriterien waren nicht vorgegeben. Das Durchschnittsalter der Befragten lag bei 53 Jahren mit einer Standardabweichung von ± 14,9 Jahren.

 

Für die Durchführung der Studie lag ein positives Votum der Ethikkommission der Charité Universitätsmedizin Berlin vor. Die befragten Patienten erteilten ihre Einwilligung zur Erfassung der von ihnen gemachten Angaben mit der Ausfüllung des Fragebogens.

 

Da Apotheker und Kunden zum Teil die gleichen Fragen beantworteten, aber eine unterschiedliche Anzahl von auswertbaren Dokumentationsbögen vorliegt, unterscheiden sich die Grundgesamtheiten (n=1348 bei der Dokumentation der Abgabe von Johanniskraut, wobei n=718 bei der Befragung der Patienten teilnahmen, n=176 bei der Befragung der Apotheken). Davon abweichende Zahlen werden angegeben, sofern für die Auswertung einer konkreten Frage eine geringere Zahl von Dokumentationsbögen vorlag.

 

Ergebnisse

 

Patienten

40,7 Prozent der befragten Patienten (n=718) berichteten von einer ausgeprägten Niedergeschlagenheit, bei 41,4 Prozent lag zudem eine ausgeprägte Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit vor. 23,7 Prozent litten zusätzlich unter ausgeprägten Ängsten. Mehr als die Hälfte (55,6 Prozent) nahm Johanniskraut nicht zum ersten Mal ein. Etwa ein Drittel (33,7 Prozent) legte ein Rezept vor.

 

Erstanwender von Johanniskrautpräparaten waren immerhin 40,3 Prozent. Davon wiederum war gut die Hälfte (59,5 Prozent) einer Empfehlung gefolgt und 23,5 Prozent legten ein Rezept vor. Nur 5,1 Prozent gaben an, dass der Erwerb des Präparats durch Werbung vermittelt worden sei. 10,4 Prozent machten zu dieser Frage keine Angaben.

 

Die Empfehlung zur Anwendung von Johanniskraut wurde zum überwiegenden Teil durch Apotheker und Ärzte gegeben, wobei Mehrfachantworten möglich waren. Gleichzeitig gaben 58,5 Prozent der Befragten an, zuvor noch nie Arzneimittel gegen depressive Verstimmungen eingenommen zu haben, wobei 9,6 Prozent keine Angabe machten. Nur 7,5 Prozent berichteten von einer gleichzeitigen Anwendung weiterer Mittel gegen diese Beschwerden. Interessant sind die in diesem Zusammenhang erwähnten Arzneimittel.

 

Unter den Befragten waren 30,4 Prozent regelmäßige Johanniskrautanwender, bei denen die Abgabe auf Rezept erwartungsgemäß dominierte (51,8 Prozent), während 35,8 Prozent auf Grund einer Empfehlung ein Präparat kauften. Nur 5 Prozent dieser Gruppe nannten die Werbung als Auslöser des Kaufimpulses, 7,3 Prozent machten keine Angaben zu dieser Frage. Eine weitere Gruppe wandte Johanniskraut regelmäßig, aber mit Pausen (12,4 Prozent) beziehungsweise nur gelegentlich an (12,0 Prozent).  5 Prozent der Befragten äußerten sich nicht zu ihren Anwendungsgewohnheiten.

 

364 Patienten, die Johanniskraut nicht zum ersten Mal einnahmen, machten Angaben zur Einnahmedauer. Daraus wurde eine durchschnittliche Einnahmedauer von 20,2 Monaten berechnet (Standardabweichung 23,35). Der Durchschnitt lag bei 12 Monaten. Als längste Einnahmezeit wurden 144 Monate angegeben.

 

90,7 Prozent der befragten Apothekenkunden erwarben das Johanniskrautpräparat für sich selbst. 8,4 Prozent gaben an, es für eine andere Person abzuholen. Keine Angabe machten sieben Befragte (1,0 Prozent). 

 

Die Lenkung auf ein bestimmtes Johanniskrautpräparat war durch das Studiendesign ausdrücklich ausgeschlossen worden. Dies spiegelt sich in der Nennung der von den Kunden erworbenen Präparatenamen wider (Tabelle  2), wobei der hohe Anteil derjenigen, die diese Frage nicht beantworteten, auffällig ist.

 

Beratungstätigkeit in der Apotheke

Im Rahmen der Studie wurde die Mehrzahl der Gespräche (58,3 Prozent) bei der Abgabe von Johanniskrautpräparaten von Apothekern geführt, wobei Apothekeninhaber und angestellte Apotheker zu nahezu gleichem Anteil beteiligt waren. Nach Aussage des Apothekenpersonals ging die Beratung in 57 Prozent der Fälle vom Apotheker aus. 15,8 Prozent der Kunden baten von sich aus um eine Beratung. Bei gut einem Drittel erfolgte keine Beratung.

 

Bezüglich der angesprochenen Themen stand erwartungsgemäß mit 35,7 Prozent die Depression im Vordergrund, gefolgt von Informationen über Einnahmemodalitäten (32,3 Prozent) und Nebenwirkungen (29,8 Prozent) (Tabelle 3, Seite 32). Weitere Fragen betrafen Schlafstörungen, Stress, Prüfungsangst, Klimakterium, Photosensibilität und Preis. Die Dauer der Beratung war bei n = 1333 Kunden dokumentiert und lag im Durchschnitt bei fünf Minuten, die längste Beratung dauerte 25 Minuten.

 

Aus Sicht der Patienten war es für 64,6 Prozent am wichtigsten zu wissen, wie hoch die maximal tägliche Einnahmemenge sein darf. Ein ähnlich großes Interesse galt den Neben- (56,1 Prozent) und Wechselwirkungen (44,9 Prozent), wobei Mehrfachnennungen möglich waren.

 

Betrachtet man die von den Apothekern dokumentierten Johanniskrautabgaben, fällt auf, dass 60,9 Prozent der Patienten kein zusätzliches Arzneimittel erhielten, was bedeutet, dass die Patienten ausschließlich wegen des Johanniskrautpräparates die Apotheke aufsuchten.

Nach dem allgemeinen Selbstverständnis der Apotheker trifft es für 98,3 Prozent weitgehend zu, dass die Apothekenleiter beziehungsweise die approbierten Mitarbeiter regelmäßig Beratungsgespräche führen. Die unabhängige Auswertung der Kundenbefragung zeigt, dass 64 Prozent aller befragten Kunden beraten worden sind. Für 480 Fälle wurde dokumentiert, warum kein Beratungsgespräch zu Stande gekommen war. Als Hauptgrund (78,9 Prozent) gaben die Apotheker an, dass beim Kunden kein Informationsbedarf bestanden habe. 13,7 Prozent der Kunden zeigten keine Kommunikationsbereitschaft, aber nur 3,3 Prozent verhielten sich generell ablehnend gegenüber einer Beratung. Zeitmangel in der Apotheke wurde in 4,1 Prozent der Fälle als Grund genannt. Dabei gab es keine signifikanten Unterschiede, ob das Präparat verordnet oder in der Selbstmedikation erworben wurde.

 

Einsatz von Medikationsprofilen

Die Frage nach der Verfügbarkeit von Medikationsprofilen wurde von allen 176 Apotheken beantwortet. Von diesen hatten zwar nur 1,7 Prozent Zugriff auf die Medikationsdaten aller Patienten, aber immerhin 57,4 Prozent der Apotheken speicherten Medikationsprofile für die Mehrzahl ihrer Patienten. 35,2 Prozent konnten dies nur für einige Patienten tun und 5,7 Prozent gaben an, dazu noch gar nicht in der Lage zu sein.

 

Von den Apotheken gaben 65,3 Prozent an, dass mit Hilfe des Medikationsprofils psychisch kranke Personen relativ gut identifiziert werden könnten. Weitere 24,4 Prozent stimmten dem mit Einschränkungen zu.

 

Immerhin 39,8 Prozent der Apotheker sahen sich sicher im Umgang mit psychisch Kranken, für alle übrigen galt diese Aussage mit gewissen Einschränkungen. Trotzdem fühlten sich 64,2 Prozent der Apothekenleiter kompetent, auch diese Patienten zu beraten. Ein noch größerer Anteil (79,6 Prozent) sieht sich grundsätzlich in der Lage, einzuschätzen, wann ein Patient mit seinen Beschwerden an den Arzt verwiesen werden sollte. Allerdings sieht ein großer Teil der Apotheker noch deutliche Reserven in der Zusammenarbeit mit den behandelnden Ärzten, da nur 23,8 Prozent der Aussage zustimmen, dass sie bereits eng mit den entsprechenden Ärzten zusammenarbeiten.

 

Fazit

 

Die Befragung macht deutlich, dass sich die Apotheker der Besonderheiten dieser Patientengruppe bewusst sind und sich in unterschiedlichem Maße für spezielle Betreuungsaufgaben vorbereitet fühlen.

 

Die Ergebnisse belegen sowohl aus Sicht der Apotheker als auch der Patienten, dass eine teilweise intensive Kommunikation zum Krankheitsbild Depression und zur Abgabe von Johanniskrautpräparaten stattgefunden hat. Diese dürfte aber in wesentlichen Bereichen durch die Studiensituation beeinflusst gewesen sein. Dennoch lassen die Antworten der Apotheker und Patienten darauf schließen, dass die Apotheke ein geeigneter Ort für eine Beratung zu dem diffizilen Thema Depression ist und die Apotheker über ausreichende Fachkenntnisse verfügen, um zu entscheiden, ob eine Selbstmedikation zulässig oder ein Arztbesuch zu empfehlen ist.

 

Essenziell für eine intensivierte Betreuung von Patienten in der öffentlichen Apotheke sind die so genannten Medikationsprofile, die über einen Zeitraum von sechs Monaten abbilden, welche Arzneimittel der Patient einnimmt. Dabei werden sowohl rezeptpflichtige als auch rezeptfreie Arzneimittel erfasst. Die Dokumentation der abgegebenen Arzneimittel erfolgt auf Basis der anatomisch-therapeutisch-chemischen Klassifikation, so dass Parallel- und Doppelverordnungen aus der gleichen Wirkstoffklasse relativ gut zu erkennen sind.

 

Von besonderer Bedeutung bei der Therapie der Depression ist auch die Compliance der Patienten, die sich wiederum durch die so genannte Reichdauer abschätzen lässt und ebenfalls im Medikationsprofil ausgewiesen wird. Die Reichdauer errechnet sich dabei aus der Packungsgröße, der Stärke und der Dosierung des verordneten Arzneimittels, kann aber in gleicher Weise auch für rezeptfreie Arzneimittel bestimmt werden.

 

Aus Patientensicht wurden dazu wichtige Hinweise gegeben, wobei die Patienten ihren Informationsbedarf zu einzelnen Aspekten des Arzneimittels differenziert bewerten. Der Großteil von ihnen setzte sich aktiv mit der Arzneimittelanwendung auseinander und formulierte auch Ängste und Bedenken. Dies sollte als Argument für eine intensivere und offene Beratung aufgefasst werden.

 

Da sich vergleichsweise nur wenige Patienten zur Anwendung weiterer Arzneimittel zur Behandlung ihrer Beschwerden äußerten, lässt sich nicht ausschließen, dass ein gewisser Prozentsatz von anderen psychoaktiven Substanzen abhängig ist und insofern zusätzlich eine besondere Umsicht in der Beratung gefordert ist.

 

Aus der Frage nach der Verfügbarkeit von Medikationsprofilen ergibt sich, dass nur etwa die Hälfte der Apotheken die abgegebenen Arzneimittel für die Mehrzahl ihrer Patienten speicherten. Hier liegt demnach ein noch unzureichend genutztes Potenzial, das im Rahmen des Hausapothekermodells, aber auch durch gezielte Weiterbildung weiter entwickelt werden muss. Über Betreuungsmodelle für Patienten mit Depressionen in Apotheken wurde bereits berichtet (4). Auch wenn eine breitere Umsetzung in der Praxis noch aussteht, sollten die Ergebnisse dieser Befragung den Apothekern als Motivation dienen, auch in schwierig erscheinenden Beratungssituation auf ihre Patienten zuzugehen und gleichzeitig den Kontakt mit dem behandelnden Arzt zu suchen, wo immer dies notwendig und möglich ist.

Literatur

Wittchen, H. U. et al: Erscheinungsformen, Häufigkeit und Versorgung von Depressionen. Ergebnisse des bundesweiten Gesundheitssurveys »Psychische Störungen«. In: Fortschritte der Medizin 2000; 188:4-10

Röder, C., Schaefer, M. und Leucht, S.: Meta-Analyse zu Wirksamkeit und Verträglichkeit der Behandlung der leichten und mittelschweren Depression mit Johanniskraut. In: Fortsch Neurol Psychiat 2004:72:330-343

Linde, K. and Mulrow, C. D.: St John`s Wort for Depression (Review). The Cochrane Library 2005 Issue I.

Bertsche, T. und Schulz, M.: Antidepressiva ­ Pharmazeutische Betreuung verbessert die Compliance. www.pharmazeutische-zeitung.de/fileadmin/pza/2004-29/pharm6.htm vom 17.3.2005

 

Mehr von Avoxa