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Katastrophenhilfe

Auch Apotheker werden gebraucht

13.06.2017
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Von Maria Pues, Quakenbrück / In der Entwicklungszusammen­arbeit und Katastrophenhilfe werden nicht nur Ärzte, sondern auch Apotheker und PTA dringend benötigt. Welche Aufgaben sie dort haben, berichtete eine Apothekerin von Apotheker ohne Grenzen aus ihrer Erfahrung auf einer DPhG-Veranstaltung.

»Wir brauchen mehr Apotheker und PTA.« Diesen Satz hört man in der letzten Zeit häufig. Dass er nicht nur den hiesigen Personalmangel wiedergibt, sondern auch das Manko in der Nothilfe bei weltweiten Katastrophenfällen und in der Entwicklungszusammen­arbeit, machte Apothekerin Dr. Carina Vetye-Maler, Koordinatorin Argenti­nien bei Apotheker ohne Grenzen, auf einer Fortbildung der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft (DPhG) deutlich. Eingeladen hatte die Arbeitsgemeinschaft Katastrophenpharmazie der DPhG in Quakenbrück.

Häufig wird angenomen, dass in Kata­strophengebieten in erster Linie Ärzte und Medikamente benötigte werden. »Versorgung ohne pharmazeutische Fachkenntnisse jedoch geht nicht«, betonte Vetye-Maler. Man brauche diese nicht nur, um zügig eine geordnete Notapotheke zusammenzustellen, die einen schnellen Zugriff auf die Arzneimittel ermöglicht und die Arbeit der Ärzte erheblich unterstützt. Der Arzneimittelbestand muss geführt, lokal ergänzt und rechtzeitig nachgekauft werden – denn jede Katastrophe ist anders. In der Nothilfe arbeite man mit der Gesundheitsversorgung vor Ort zusammen, berichtete sie weiter. Man baue also keine eigenen Strukturen auf, sondern unterstütze und stärke das einheimische System, da ein Noteinsatz nicht für längere Zeit ausgelegt ist. Es sollte jedoch weiter funktionieren, wenn die Hilfsorganisa­tionen nicht mehr vor Ort sind.

 

Medikamentenspenden sind keine Hilfe

 

Definitiv keine Hilfe sind Vetye-Maler zufolge in Deutschland eingesammelte Arzneimittelspenden: Niemand weiß, was sich in den Kartons befindet, es wird mitunter zu viel und vor allem am Bedarf vorbei gesammelt, die Patienten können die Beschriftungen nicht lesen und nehmen im Zweifelsfall die ihnen unbekannten Arzneimittel gar nicht erst ein. So habe es in Indonesien im Jahr 2004 nach dem Tsunami 4000 Tonnen Arzneimittel allein für die Provinz Aceh gegeben, informierte die Referentin. 60 Prozent standen nicht auf der nationalen Liste essenzieller Arzneimittel, 70 Prozent waren in einer für die Bevölkerung fremden Sprache gekennzeichnet, ein Viertel war bereits verfallen oder kurz vor dem Ablauf des Verfalldatums. Am Ende mussten 600 Tonnen Arzneimittel vernichtet werden, so Vetye-Maler. Die Kosten hierfür betrugen rund 2,4 Millionen Euro.

 

Doch bereits vor dem Vernichten verursachen solche Spenden große Probleme: Sie benötigen Platz, der kaum vorhanden ist; sie müssen sortiert werden, was anderweitig dringend benötigte Arbeitskraft bindet. Zudem verzögerten sich dringende Therapien, denn was benötigt wird, muss langwierig gesucht werden, ohne dass man weiß, ob es überhaupt vorhanden ist. Nicht zuletzt müssen die unübersicht­lichen Vorräte vor Diebstahl und/oder Missbrauch geschützt werden.

 

Standardisierte Kits

 

In der Nothilfe kommen daher sogenannte Interagency Emergency Health Kits zum Einsatz, die sich an Listen der Weltgesundheitsorganisation und der betroffenen Länder orientieren. Sie bestehen aus einem Basissatz von zehn identischen Kisten mit einem begrenzten Sortiment für die häufigsten Erkrankungen, zum Beispiel Desinfek­tionsmittel oder Elektrolyte sowie Zinktabletten gegen Durchfallerkrankungen. Die zusätzliche Gabe von Zinktabletten sei bei Kindern unter fünf Jahren sinnvoll, erläuterte die Apothekerin, da viele Durchfallerkrankte bereits zuvor mangelernährt waren. Der Mineralstoff verkürze die Erholungszeit der kleinen Patienten und verringere die Rezidivrate. Das Basis-Set kann durch rund 16 weitere Ergänzungseinheiten komplettiert werden kann, etwa mit Antiinfektiva, Wehenmitteln oder mit Malariamitteln, wenn der Einsatz in einem Malariagebiet stattfindet. Damit die Arzneimittel den Zoll zügig passieren können, seien Packlisten wichtig, so Vetye-Maler. Auch hier bereiteten gesammelte Arzneimittelspenden Probleme, denn kaum jemand möchte unbekannte Güter in sein Land lassen. Oft verzögert sich der Weitertransport eingesammelter Arzneimittelspenden dadurch erheblich.

 

Im Katastrophengebiet sind Apotheker und PTA für Ärzte und weiteres medizinisches Personal wichtige Ansprechpartner. Vetye-Maler benötigt für die Ausgabe der Arzneimittel in den meisten Fällen nur die Angabe der Diagnose und einige Patientendaten, denn pro Indikation steht meist nur ein Wirkstoff zur Verfügung. Mit diesen Angaben erhält der Patient sein Arzneimittel in der richtigen Dosis und für die erforderliche Behandlungsdauer – abgezählte Tabletten aus Bulkware in einem kleinen Plastikbeutelchen mit dem Namen des Patienten. Das mache vielleicht auf den ersten Blick mehr Arbeit als die Abgabe von Schachteln, vermindere aber die Verwechslungsgefahr, wenn etwa mehrere Familienmitglieder erkrankt sind. Und es bleiben keine Reste übrig, die dann über dunkle Kanäle wieder auftauchen.

Nicht zuletzt müssen auch in Nothilfegebieten die Patienten wissen, wie sie ihre Arzneimittel korrekt anwenden. Man arbeite daher mit Dolmetschern zusammen, die die Erklärungen und Anweisungen übersetzen, sowie mit Bildern und Piktogrammen, da viele Menschen nur wenig oder gar nicht lesen und schreiben können – ein weiterer Grund, warum eine einfache Arzneimittel-Verteilung nicht ausreicht.

 

Dringender Bedarf an Einsatzkräften

 

»Apotheker und PTA, die zu Einsätzen in der Nothilfe mitfliegen, werden dringend gesucht«, sagte Vetye-Maler. Interessierte absolvierten in Deutschland zunächst Schulungen, die sie auf die Arbeit unter den besonderen Bedingungen vorbereiten. Danach stünden sie für den Einsatz in den Teams, die jeweils akut zusammengestellt werden müssen, zur Verfügung. Doch auch bei dem dringenden Bedarf an Einsatzkräften eigne sich nicht jeder, sagte Vetye-Maler im Gespräch mit der PZ. »Wir benötigten gefestigte Menschen, die auch unter widrigen Bedingungen im Team arbeiten«, betonte sie. Als Weg aus einer persönlichen Sinnkrise eigne sich ein solcher Einsatz nicht.

 

Die wertvolle Arbeit der Apotheker und PTA in Notfallgebieten könne man zudem mit finanziellen Spenden, etwa durch eine Spendendose auf dem HV-Tisch, unterstützen. Nicht zuletzt sei dies ein Bekenntnis für die Relevanz pharmazeutischer Arbeit.

 

Apotheker ohne Grenzen Deutschland (www.apotheker-ohne-grenzen.de) ist nicht die einzige apothekerliche Organisation, die Hilfe in Katastrophen­gebieten leisten. Auch Apotheker helfen (www.apotheker-helfen.de) engagiert sich hier. Neben jeweils eigenen Projekten arbeiten beide Organisationen auch zusammen.

 

Einen Kurs Pharmazie in Entwicklungszusammenarbeit und Katastrophenhilfe gibt es außerdem unter der Leitung von Professor Dr. Lutz Heide an der Universität Tübingen (www.uni-tuebingen.de). /

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