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Spinalkanalstenose

Schmerzhafte Enge

15.06.2016  09:09 Uhr

Von Christina Hohmann-Jeddi / Im Wirbelkanal verläuft das Rückenmark. Wenn sich im Alter der Kanal verengt, kann das zu Rücken- und Beinschmerzen, Gehschwierigkeiten und Lähmungssymptomen führen. Häufig reicht eine konservative Therapie, in schweren Fällen muss operiert werden.

Die Wirbelsäule stabilisiert den Körper und ermöglicht den aufrechten Gang. Die einzelnen Wirbel werden durch Bandscheiben voneinander getrennt und besitzen auf der dorsalen Seite einen Bogen. Diese Wirbelbögen liegen so übereinander, dass ihre Löcher einen durchgehenden Kanal, den Spinalkanal, bilden, in dem sich das Rückenmark befindet. Dieser Teil des zentralen Nervensystems wird von drei Hirnhäuten umschlossen und ist von einem Geflecht aus versorgenden Blutgefäßen umgeben.

Eine Verengung des Wirbelkanals (Spinalkanalstenose) bereitet nicht immer Beschwerden. Wenn die Nerven und Blutgefäße aber stark komprimiert oder geschädigt werden, können Symp­tome auftreten. Als Ursachen kommen angeborene und erworbene Faktoren infrage. So tragen zum Beispiel angeborene Defekte der Wirbelsäule zur Entstehung der Stenose bei oder auch Osteoporose oder Bewegungsmangel. In den meisten Fällen liegt ein altersbedingter Verschleiß zugrunde. Entsprechend häufig ist die Stenose im Alter: Untersuchungen zufolge ist bei etwa 20 Prozent der Über-60-Jährigen eine Verengung des Wirbelkanals mithilfe von bildgebendem Verfahren nachweisbar.

 

Degeneration der Bandscheiben

 

Im Alter verlieren die Bandscheiben zwischen den Wirbelkörpern an Flüssigkeit und somit an Höhe (lesen Sie dazu auch Seite 24). Zum Teil wölbt sich die Bandscheibe ein Stück in den Spinalkanal hinein, was als Bandscheibenprotrusion bezeichnet wird. Durch die Höhenminderung sind die stabilisierenden Bänder weniger straff gespannt. Das führt zu einer gewissen Instabilität der Wirbelsäule, einem Gleiten der Wirbel und einer Mehrbelastung der kleinen Wirbelgelenke. Diese reagieren mit Hypertrophie, die zusammen mit der Bandscheibenvorwölbung den Spinalkanal verengt. Auch eine Arthrose an den Wirbelgelenken kann zu knöchernen Veränderungen am Wirbelkanal führen und dessen Inhalt komprimieren. Die kleinen Wirbelgelenke, auch Facettengelenke genannt, verbinden die Wirbel miteinander und sorgen für die Beweglichkeit der Wirbelsäule.

 

Je nach Ausmaß der Kompression treten Symptome auf, wobei sich diese nicht spontan, sondern langsam über Monate entwickeln. Typischerweise leiden die Patienten unter Rückenschmerzen mit meist einseitiger Ausstrahlung in die Beine, die sich beim Gehen verstärken, Bewegungseinschränkung der Lendenwirbelsäule, leichter Ermüdbarkeit der Beine und Gangunsicherheiten. Bei fortschreitender Erkrankung können auch neurologische Ausfallserscheinungen wie Empfindungsstörungen oder Lähmungen hinzukommen. In schweren Fällen kann die Funktion von Mastdarm oder Blase gestört sein. Charakteristisch ist, dass sich die Beschwerden im Sitzen oder beim Vorbeugen bessern. Das gilt vor allem für die Schmerzen.

 

Anhand der typischen Symptome wird die Verdachtsdiagnose Spinalkanalstenose gestellt, die dann mithilfe bildgebender Verfahren, vor allem Computertomografie und Magnetresonanztomografie, gesichert wird. Dabei ist weniger die absolute Enge des Wirbelkanals ausschlaggebend als die fehlende Liquormenge um die Nervenfasern herum. Um die Stenose von anderen Erkrankungen wie Polyneuropathien oder der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit abzugrenzen, kann auch die Elektromyografie eingesetzt werden, mit der elektrische Muskelaktivität gemessen wird. Weitere häufige Differenzialdiagnosen sind Bandscheibenvorfall, spinaler Tumor, Wirbelkörperfraktur und Hüftgelenksdegeneration.

 

Konservativ oder chirurgisch therapieren?

 

Das Ausmaß der Beschwerden entscheidet über die Art der Behandlung. In vielen Fällen reicht eine konservative Therapie aus. Diese besteht hauptsächlich aus physikalischen und physio­therapeutischen Maßnahmen wie Krankengymnastik und Entspannungstherapie, Wärmeanwendungen, Elek­trotherapie oder das Stützen der Wirbelsäule durch Bandagen oder ein Korsett. Gegen die Schmerzen kommen verschiedene Analgetika wie NSAR und Opioide und zum Teil auch Antidepressiva zum Einsatz. Bei starken Muskelverspannungen im betroffenen Bereich des Rückens können auch Muskelrelaxanzien helfen. Bei sehr starken Schmerzen wird zum Teil auch kurzfristig mit hoch dosierten Cortisonpräparaten behandelt, um das entzündete Gewebe, etwa die Bänder, abschwellen zu lassen.

 

Sind die Schmerzen durch entsprechende Arzneimittel nicht mehr in den Griff zu bekommen oder treten neurologische Ausfallserscheinungen auf, ist eine Operation indiziert. Bei dieser wird der Wirbelkanal an den betroffenen Stellen geweitet. Lange Zeit war die Dekompressionslaminektomie die Methode der Wahl. Hierbei entfernt der Chirurg Wirbelbogen und Dornfortsatz sowie das Zwischenwirbelband an der verengten Stelle. Diese Entdachung des Spinalkanals kann aber zu einer segmentalen Instabilität führen.

 

Heute wird daher meist minimalinvasiv operiert. Bei der sogenannten Fensterungstechnik bleiben die mittleren Strukturen des Wirbelbogens mit dem Dornfortsatz erhalten, es werden Teile des Zwischenwirbelbands und der Facettengelenke entfernt. Liegt eine Instabilität der Wirbelsäule vor, kann zusätzlich noch eine Versteifung durch verschiedene Techniken vorgenommen werden, um das Gleiten der Wirbel zu verhindern.

 

Vor einer Operation gilt es immer, den möglichen Nutzen gegen die Risiken des Eingriffs abzuwägen. So kann es bei einer Operation an der Wirbelsäule zu Austritt des Liquors, Infektionen, Nervenschäden, Stuhl- oder Harninkontinenz und in ganz seltenen Fällen auch zu einer Querschnittslähmung kommen. Außerdem ist der Vorteil einer Operation gegenüber der konservativen Therapie nicht eindeutig belegt.

 

Kaum Vorteile

 

Während man bis vor Kurzem davon ausging, dass die chirurgische der konservativen Therapie überlegen ist, kam eine Studie aus dem Jahr 2015 zum gegenteiligen Ergebnis. Dr. Jon Lurie und seine Kollegen vom Dartmouth-Hitchcock Medical Center in Lebanon, New Hampshire, werteten Daten von Patienten aus der SPORT-Studie aus. Die ersten vier Jahre nach der Therapie zeigte sich die chirurgische Therapie der konservativen hinsichtlich Schmerz, Funktion und Beeinträchtigungen überlegen. In den folgenden Jahren wurde dieser Vorteil aber immer geringer und war nach acht Jahren verschwunden, berichten die Mediziner im Fachjournal »Spine« (DOI: 10.1097/BRS.0000000000000731). /

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