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Raus aus dem Iodmangel

12.06.2007
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Pharmacon Meran 2007

Raus aus dem Iodmangel

Kröpfe sind selten geworden in Deutschland. Doch  Schilddrüsenerkrankungen sind immer noch weit verbreitet. In deren Therapie gibt es einige Neuerungen. So ist die Hormontherapie milder geworden und zum Iod gesellt sich ein zweites Spurenelement: das Selen.

 

Jeder dritte Deutsche hat pathologische Veränderungen an der Schilddrüse. Dies zeigte die 2002 begonnene Papillon-Studie, berichtete Privatdozent Dr. Joachim Feldkamp, Bielefeld. Die Inzidenz steigt mit dem Alter, da ältere Menschen längere Zeit in einem Iodmangelgebiet gelebt haben. Erst in den vergangenen Jahren hat sich die Iodversorgung in Deutschland verbessert. Während die tägliche Zufuhr 1992 noch bei 60 µg lag, ist sie mittlerweile auf durchschnittlich 120 µg angestiegen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) habe vor Kurzem erklärt, dass Deutschland nicht mehr zu den Iodmangelgebieten zählt, sagte Feldkamp. Die Bemühungen, die Iodversorgung zu verbessern, dürften dennoch nicht nachlassen. Denn von der empfohlen Tageszufuhr von 180 bis 200 µg Iodid (WHO) sei Deutschland noch weit entfernt.

 

Gerade in der Schwangerschaft sollten Frauen daher supplementieren und 200 µg Iodid täglich einnehmen, um eine optimale Versorgung des Kindes sicherzustellen. Dieses spürt nämlich bereits im Mutterleib den Iodmangel, wie eine ältere Berliner Untersuchung zeigt. Der Vergleich von Neugeborenen aus Ostberlin (mit Iodierung des Trinkwassers) und Westberlin (ohne) ergab, dass die Schilddrüsen der Westberliner Kinder bei Geburt doppelt so groß waren wie die der Ostberliner. Auch Raucher könnten von einer Supplementierung profitieren, da die im Tabakrauch enthaltenen Thiocyanate die Schilddrüsenhormon-Synthese blockieren.

 

In der Struma-Behandlung hat sich eine Monotherapie mit 200 µg Iodid durchgesetzt. Denn Untersuchungen hatten gezeigt, dass sich die Schilddrüse nach einer Therapie mit Thyroxin (T4) deutlich schneller wieder vergrößerte als nach einer Iodid-Behandlung. Auch die Kombination von Iodid und T4 ist erfolgreich. Bei der Gabe von Hormonen sei man heute aber vorsichtiger geworden, berichtete Feldkamp. Eine hohe T4-Zufuhr stoppt die körpereigene Schilddrüsenhormonsynthese, indem sie die Produktion des Thyreoidea stimulierenden Hormons (TSH) senkt. Früher wurde der TSH-Spiegel bis auf Null gedrückt, sagte Feldkamp. Heute sei jedoch bekannt, dass eine vollständige Suppression Vorhofflimmern auslösen kann und zudem zu einem starken Knochenabbau führt. »Heute wird ein TSH-Zielwert von 0,3 bis 0,8 µU/ml angepeilt«, erklärte der Mediziner.

 

Auch eine Erkrankung kann den TSH-Wert absenken: die Schilddrüsenautonomie (»heiße Knoten«). Patienten werden entweder operiert oder erhalten eine Radioiodtherapie, erklärte Feldkamp. Um eine Überfunktion der Schilddrüse vor dem Eingriff zu verhindern, bekommen die Patienten zusätzlich Thyreostatika wie Thiamazol, Carbimazol, Propylthiouracil und Natriumperchlorat. Bei Patienten mit »kalten Knoten« muss abgeklärt werden, ob die Veränderungen maligne sind, was auf etwa 5 bis 10 Prozent der Fälle zutrifft. Primärtherapie bei Schilddrüsenmalignomen ist die operative Entfernung der Organs. Zur Nachbehandlung erhalten die meisten Patienten auch eine Radioiodtherapie, die verbliebene Schilddrüsenzellen im Schilddrüsenlager sowie möglicherweise verstreute Schilddrüsenzellen eliminiert. Hierfür erhalten die Patienten radioaktives Iod, das von Schilddrüsenzellen angereichert wird und zerstörende Beta-Strahlen aussendet. Da diese nur eine Reichweite von zwei Millimetern haben, sterben ausschließlich Schilddrüsenzellen, während gesundes Gewebe verschont bleibt. Diese effektive Methode sei der Grund für die gute Prognose von Patienten mit Schilddrüsenkarzinom, sagte Feldkamp.

 

Eine Neuerung gibt es auch in der Behandlung der Hashimoto-Thyreoiditis. Bei dieser autoimmunen Schilddrüsenentzündung ist eine Iodid-Gabe nicht geeignet, da sie den Autoimmunprozess fördern kann. Mit der Nahrung aufgenommenes Iodid ist dagegen nicht schädlich. Die Patienten erhalten eine T4-Therapie. Neuen Erkenntnissen zufolge könnte auch das Spurenelement Selen positive Effekte haben, so Feldkamp. Denn wichtige Enzyme der Schilddrüse sind selenabhängig. So benötigen die Deiodasen, die T4 in T3 umwandeln, Selen für ihre Funktion. Kleine Untersuchungen weisen daraufhin, dass eine Selengabe die Autoimmunprozesse positiv beeinflusst. Der Mediziner verschreibt Patienten mit Hashimoto-Thyreoiditis zwischen 100 und 200 µg Natriumselenit pro Tag. Eventuell könnte Selen auch in der Struma-Therapie in Zukunft eine Rolle spielen, sagte Feldkamp. Dies sei aber noch sehr spekulativ.

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