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Fußballgeschichte

Mythos um den ersten Kick

12.06.2006
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Fußballgeschichte

Mythos um den ersten Kick

von Ulrike Abel-Wanek, Eschborn

 

Überall auf der Welt wird Fußball gespielt, ob mit einem Ball oder einer Blechdose. Die meisten denken an England als Geburtsstätte des populären Ballsports. Die eigentliche Wiege des Fußballs ist jedoch China. Eine der Vorläuferinnen der UEFA Champions-League dürfte die Bundes-Wolken-Liga, Qiyunshe, gewesen sein.

 

Es war vermutlich der »gelbe Kaiser« Huangdi, der vor etwa 4700 Jahren den chinesischen Fußball Cuju als militärisches Ausbildungsprogramm für seine Soldaten einführte. Das Training mit dem Ball glich einem Mannschafts-Kampfsport mit robustem Körpereinsatz und sollte Konzentration, Geschicklichkeit und Teamgeist der Truppen fördern. Das Wort »ju« für (Fuß-) Ball wird erstmals im zweiten Jahrhundert v. Chr. schriftlich dokumentiert. In ihm stecken die Begriffe »Haut« und »Leder«, denn die meisten Bälle waren damals aus Lederstücken zusammengenäht und zunächst mit Federn und Tierhaaren ausgestopft. Später folgte dann der luftgefüllte Ball.

 

Von etwa 200 v. Chr. bis ins 13. Jahrhundert wandelte sich Cuju zu einem populären Spiel, das nicht nur von Soldaten, sondern auch vom Kaiser, von Höflingen, Frauen und der gesamten Bevölkerung gespielt wurde. Es gab schriftlich festgehaltene Regeln für verschiedene Fußballvarianten, die dazu beitrugen, die weit verbreiteten Ruppigkeiten in Schach zu halten. Der Ball war bereits relativ rund und das Spielfeld eckig ­ mit dem modernen Fußball von heute hatte das Spiel ansonsten noch nicht viel gemeinsam. Vermutlich sechs Spieler auf jeder Seite stürmten aufeinander los und versuchten, das lederne Rund in ein Erdloch zu versenken oder - schon damals unter den wachsamen Augen eines Schiedsrichters und seines Assistenten - durch ein hoch oben zwischen zwei Bambusstangen befestigtes rundes Netz zu schießen.

 

Bevor das Cuju-Spiel in seiner Bedeutung um 1300 hinter anderen Sportarten wie Polo zurücktrat, gründeten sich zahlreiche Vereine und Ligen, die für ihren Sport eigene Regeln aufstellten. Die stärkste und reichste Fußballvereinigung des Landes war die Qiyunshe, die »Bundes-Wolken-Liga«. Diese der heute über hundertjährigen FIFA um rund acht Jahrhunderte vorausgegangene Vereinigung zählt damit zu den weltweit frühesten Einrichtungen dieser Art.

 

Unter dem Namen »Kemari« tauchte im achten Jahrhundert eine Variante des chinesischen Fußballs in Japan auf. Die in Kimonos gekleideten vier bis acht Spieler schossen sich einen luftgefüllten Hirschlederball zu, der den Boden nicht berühren durfte. Das Jonglieren mit dem Ball, heute als »Fußballtennis« von Weltfußballern Ronaldinho oder Zinedine Zidane perfekt beherrscht, war kein Wettkampf, sondern eine Geschicklichkeits- und Konzentrationsübung, vermutet wird auch ein religiöses Ritual.

 

Die Olmeken als erste Hochkultur Mittelamerikas bauten nicht nur die ersten Pyramiden, sondern kreierten um 1300 v. Chr. auch die erste Ballspielkultur auf dem amerikanischen Kontinent. Gespielt wurde mit einem massiven Kautschukball, der durch einen zweieinhalb bis dreieinhalb Meter hohen Steinring gestoßen werden musste - ausschließlich mit Hüfte, Gesäß oder Knie, Hände und Füße waren bei dem »Ulama« genannten Spiel tabu. Die Maya und Azteken nahmen das Spiel mit dem Kautschukball später wieder auf. Hier war es ein Spiel auf Leben und Tod, wenn Kriegsgefangene der Azteken gegen heimische Teams antraten und um ihr Leben spielten. Die geschwächten Gefangenen unterlagen meist, und die Verlierer wurden anschließend geköpft.

 

Milder, aber dennoch demütigend, fielen die Reaktionen chinesischer Fans auf die Niederlage ihrer Fußballstars aus. Die Verlierer wurden zur Strafe mit weißem Puder beschmiert oder bekamen sogar schmerzhaft die Hanfpeitsche zu spüren.

 

Im europäischen Mittelalter wurde das Fußballspiel ein zweites Mal erfunden. Die damaligen Begegnungen verliefen bis ins 19. Jahrhundert jedoch roh und brutal, bis endlich verbindliche Regeln die gröbsten

 

Übergriffe verhinderten.

 

Anfangs traten komplette englische Dörfer gegeneinander an, die versuchten, einen Ball durch das gegnerische Stadttor zu befördern. Als »Spielfeld« galt der Bereich zwischen den beiden Ansiedlungen, auch wenn diese kilometerweit auseinander lagen. Erlaubt war, was gefiel, Waffen mussten nicht abgelegt werden, und nicht selten kam es im Verlauf des Matches zu eskalierenden Massenschlägereien. Frühe Gerichtsakten (zuerst 1137) zeugen von zahlreichen Toten und Verletzten. Immer wieder gab es Erlässe und Anordnungen, die das Spiel verboten, Aussicht auf langfristigen Erfolg hatten sie jedoch nie.

 

Im Gegenteil - die Fußballfans aus der bis dahin ländlichen Umgebung und städtischen Unterschicht bekamen in der Renaissance akademischen Zuwachs. Hochburgen des Fußballs wurden die Universitäten Cambridge und Oxford. Gar nicht gentlemanlike gipfelten auch die Begegnungen zwischen Studenten und Dorfjugend häufig in heftigen Raufereien, später bis hin zum Schusswaffengebrauch. Weder Gesetz, Kirche noch Etikette hatten die Macht, hier einzuschreiten. Unbeeindruckt schreibt ein Chronist im Jahr 1698: »Der Ball ist aus Leder, groß wie ein Kopf und mit Luft gefüllt. Er wird getragen, oder mit dem Fuß durch die Straßen getrieben, von demjenigen, der ihn erreichen kann. Weiterer Kenntnisse bedarf es nicht.«

 

Der dringende Regelungsbedarf führte 1846 zu den ersten verbindlichen Vorschriften. Eine Mannschaft hatte jetzt 15 bis 20 Spieler, die sich aber immer noch am Arm festhalten oder vor die Schienbeine treten durften. Mancherorts war auch noch die Hand im Spiel. Noch immer waren Fußball und Rugby nicht getrennt. Das änderte sich am 8. Dezember 1863 in London, als die Football Association (FA) gegründet wurde, die mit ihrem umfangreichen Regelwerk die Entwicklung des modernen Spiels auf den Weg brachte. Die Rugby-Freunde verließen diese Sitzung und gründeten ihren eigenen Verband ­ das »handling-game« hatte sich vom »dribbling-game« losgesagt. Die Football Association wuchs rasant: 1871 gab es 50 Clubs, 1888 etwa 1000 und 1905 bereits über 10.000. Auf dem Festland waren die Niederlande und Dänemark die ersten Länder, die 1889 nationale Verbände gründeten. In Deutschland steckte der Fußball zu dieser Zeit noch in den Kinderschuhen. Germania-Tempelhof wurde 1888 der erste deutsche Fußballverein, das Spiel mit dem runden Leder brandmarkten die deutschen Turnväter jedoch noch als »Fußlümmelei« und »englische Krankheit«, da ihnen das hektische Gerangel um den Ball als zu wild und zu wenig ertüchtigend erschien.

 

Mit der Gründung der »Fédération Internationale de Football« (FIFA) 1904 in Paris stand dem internationalen Durchbruch des Fußballs nichts mehr entgegen. Der direkte Freistoß wurde eingeführt und die Bestimmung aufgehoben, wonach die Hosen der Spieler die Knie bedecken mussten. Der Torwart durfte beim Elfmeter die Torlinie nicht mehr verlassen und verletzungsgefährliche Metalleinlagen in den Fußballschuhen waren von nun an verboten. Modifikationen im Regelwerk, die Einführung fortschrittlicher Trainingsmethoden und progressive Spielsysteme veränderten im Laufe der Zeit das Geschehen auf dem Fußballplatz. Fußball ist einerseits in viele verschiedene Bereiche des gesellschaftlichen Lebens eingedrungen und ein komplexes Netzwerk aus Wirtschaft, Politik, Sport und Wissenschaft, andererseits behält die entwaffnend einfache Wahrheit Sepp Herbergers bis heute ihre Gültigkeit: »Der Ball ist rund und das Spiel dauert 90 Minuten.«

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