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Mikronährstoffe

Evidenzbasiert beraten, individuelle Rezepturen herstellen

13.06.2006  14:06 Uhr

Mikronährstoffe

Evidenzbasiert beraten, individuelle Rezepturen herstellen

von Steffen Theobald, Freiburg

 

Nicht nur Kranke, auch Gesunde können auf Grund einer besonderen Lebenssituation einen Defizit an Mikronährstoffen aufweisen. Mit Hilfe des »GIMSA«-Programms sollen Apotheken künftig in der Lage sein, Kunden evidenzbasiert zu Mikronährstoffen zu beraten und ihnen eine individuelle Rezeptur zusammenzustellen.

 

Zahlreiche Studien zeigen, dass das Risiko für chronische Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Morbus Alzheimer mit den Blutspiegeln verschiedener Antioxidantien und B-Vitaminen korreliert (1-3). So haben Erkrankte verglichen mit gesunden Kontrollpersonen häufig signifikant niedrigere Serum- beziehungsweise Plasma-Mikronährstoffkonzentrationen (4, 5).

 

Von  den zuständigen Fachgesellschaften wie der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) existieren jedoch bis heute ausschließlich Referenzwerte für die Vitamin- und Mineralstoffzufuhr für gesunde Personen und für die Prävention einer Mangelerkrankung, die durch den jeweiligen Nährstoff selbst verursacht wird (6). Daten eines bundesdeutschen Ernährungssurvey zeigen, dass selbst innerhalb der gesunden Normalbevölkerung, zwischen 4 Prozent (Vitamin B12) und 96 Prozent (Folsäure) der Personen nicht die Empfehlungen der DGE erreichen (7). Zudem haben  rund 30 Prozent der über 70-Jährigen eine verminderte Resorptionsleistung des Darms sowie veränderte Verzehrgewohnheiten, was zu einer manifesten Mangelerscheinung führen kann (8). Auch der Einfluss genetischer Enzym-Polymorphismen ist von entscheidender Bedeutung. So ist der Bedarf an Vitaminen und Mineralstoffen, der notwendig ist, um eine optimale Enzymaktivität und präventive Wirkspiegel zu erzielen, sehr viel individueller als bisher angenommen (9). Insofern sollte sich  eine Beratung zu Mikronährstoff-Supplementen nicht pauschal an den Empfehlungen für Gesunde, sondern vielmehr am individuellen Bedarf in einer bestimmten Lebenssituation (Krankheit, Alter, Medikation) orientieren.

 

Schnelltests für die Apotheke

 

Der tatsächliche Mikronährstoffbedarf lässt sich mittlerweile durch eine Reihe etablierter Biomarker feststellen. Diese haben gegenüber der Messung einzelner Mikronährstoffe den Vorteil, dass sie den globalen Status der Versorgung sowie die Bioverfügbarkeit und Wirkung auf Risikofaktoren direkt abbilden können. So korreliert ein erhöhter Homocysteinspiegel (Hcy), ein unabhängiger Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Alzheimerdemenz, mit einem niedrigen Plasma-Status an Vitamin B6, B12 und Folsäure (10, 11). Eine Supplementierung mit diesen B-Vitaminen führt dosisabhängig und in Abhängigkeit vom Genotyp zu einem Absinken des Homocysteinspiegels (9).

 

Biomarker für erhöhten oxidativen Stress und damit verbundenen Erkrankungen sind zum Beispiel Hydroperoxid (HPO), ein Metabolit der Lipidperoxidation sowie die Enzyme Glutathionperoxidase (GPx) und Superoxiddismutase (SOD) (12, 13), deren Aktivität wiederum von der Zufuhrhöhe an Selen (GPx) beziehungsweise Zink, Mangan und Kupfer (SOD) abhängen. Das hochsensitive C-reaktive Protein (hs CRP) sowie das oxidierte LDL (ox-LDL) gelten heutzutage als verlässliche unabhängige Prädiktoren für das Atherosklerose- und kardiovaskuläre Risiko (14, 15).

 

Viele dieser Marker lassen sich in der Apotheke mit Schnelltests aus Kapillarblut bestimmen (Hcy, hs CRP, ox-LDL, HPO). Die Messung des HPO-Spiegels wird bereits routinemäßig von Apotheken im Rahmen des OXI-Programms des Netzwerks Patientenkompetenz durchgeführt. Eine kürzlich durchgeführte Validierungsstudie bestätigte die hohe intraindividuelle Stabilität der Messwerte und damit die Eignung der Messgeräte zur Kontrolle der Wirksamkeit einer Antioxidantieneinnahme (siehe Titelbeitrag dieser Ausgabe).

 

Die analytische Bestimmung des Mikronährstoffstatus bildet die Basis für eine wissenschaftlich begründete Mikronährstoffberatung und -anwendung. Hier setzt das »GIMSA«-Programm an. GIMSA steht für Gezielte individualisierte Mikronährstoff-Supplementierung nach Analytik. Ziel des Programms ist es, die aktuellen Studien und Daten der Mikronährstoffforschung aufzubereiten, ein Referenzsystem für eine evidenzbasierte Supplementierung für die Prophylaxe und Therapie zu etablieren und dieses der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.

 

Am GIMSA-Programm können sowohl Apotheken als auch Ärzte mitwirken. Als Mitglieder werden sie regelmäßig über den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Datenlage und die daraus abgeleiteten praktischen Empfehlungen informiert. Ferner können sie sich bei Bedarf mit dem Info-Dienst des GIMSA-Programms in Verbindung setzen, um Ratschläge zur Mikronährstoff-Beratung in Einzelfällen einzuholen. Im Gegenzug stellen sie ihre Erfahrungen und Ergebnisse aus der GIMSA-Praxis den Teilnehmern des Programms zur Verfügung. Die Teilnahme am GIMSA-Programm ist kostenlos.

 

Individuelle Mikronährstoffrezepturen

 

Im Rahmen des Programms werden Mikronährstoff-Checklisten erarbeitet und den mitwirkenden Apotheken zur Verfügung gestellt. Die Checklisten sollen die Beantwortung der Frage erleichtern, ob im vorliegenden Fall eine Mikronährstoff-Analyse sinnvoll ist. Bestehen Hinweise auf einen erhöhten Mikronährstoffbedarf oder auf das Vorliegen eines klinisch manifesten Mikronährstoffmangels, kann die individuelle Versorgungslage durch Laboranalysen bestimmt werden. Das Referenzlabor übermittelt dem Einsender das Ergebnis sowie eine Interpretation der Messwerte. Sofern eine Supplementierung mit Mikronährstoffen angezeigt ist, wird diese näher begründet.

 

Zusammen mit weiteren anonymisierten Daten zu Risikofaktoren, Ernährungsstatus, Medikamenteneinnahme et cetera leitet der Einsender die Laborwerte an das Rechenzentrum des GIMSA-Programms weiter. Das Rechenzentrum hat die Aufgabe, die Art und Menge der individuell zu supplementierenden Mikronährstoffe zu berechnen. Für diese Berechnung verfügt es über ein mathematisches Modell (Algorithmus), das aus den Analysenwerten, Angaben zu Risikofaktoren, Mikronährstoffinteraktionen mit Arzneimitteln sowie den Daten aus der internationalen Literatur und den im GIMSA-Programm erhobenen Datensätzen eine individuelle Mikronährstoff-Rezepturempfehlung erstellt und der Apotheke zusendet. Auf der Basis dieser Rezeptur wird das Mikronährstoffpräparat hergestellt und an den Kunden abgegeben. In der Regel erfolgt nach sechswöchiger Einnahme der Mikronährstoffmischung erneut eine Analyse, die die Wirksamkeit auf die gemessenen Laborparameter überprüft. Gegebenenfalls wird die Dosis angepasst.

Teilnehmende Apotheken gesucht

Das Programm GIMSA (Gezielte individualisierte Mikronährstoff-Supplementierung nach Analytik) stellt eine Ergänzung des OXI-Programms dar. Im OXI-Programm werden primär Antioxidantien-haltige Fertigpräparate hinsichtlich ihrer Wirksamkeit auf den Hydroperoxid-Spiegel gemessen. Das GIMSA-Programm erweitert das Analytikspektrum um zusätzliche Laborparameter und weitere Indikationen. Das Programm wird durch die gemeinnützige Wissenschaftliche Gesellschaft zur Förderung der Patientenkompetenz e. V. geleitet. Ein wissenschaftlicher Beirat mit Experten aus den Bereichen Metabolomics, klinischer Forschung, Analytik und Pharmakologie berät die Projektleitung und begutachtet das Programm. Die Finanzierung erfolgt über die beiden Stiftungen Patientenkompetenz Deutschland und Schweiz.

 

Interessenten für das GIMSA-Programm melden sich bitte direkt bei der Projektleitung: Wissenschaftliche Gesellschaft zur Förderung der Patientenkompetenz, Dipl. oec. troph. Steffen Theobald, Talstraße 1, 79102 Freiburg, Telefon (07 61) 703 86 -76, Fax -75, s.theobald(at)patientenkompetenz.org, www.patientenkompetenz.org.

Literatur

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Gey, K. F., Cardiovascular disease and vitamins. Concurrent correction of »suboptimal« plasma antioxidant levels may, as important part of »optimal« nutrition, help to prevent early stages of cardiovascular disease and cancer, respectively, Bibl Nutr Dieta. (1995) 75-91.

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Jacobs, E. T., et al., Selenium and colorectal adenoma: results of a pooled analysis, J Natl Cancer Inst. 96 (2004) 1669-1675.

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Mensink, G., Was essen wir heute? ­ Ernährungsverhalten in Deutschland, Mercedes-Druck, Berlin, 2002.

Chernoff, R., Micronutrient requirements in older women, Am J Clin Nutr. 81 (2005) 1240-1245.

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