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Risikosportarten

Ausgrenzen bringt nichts

12.06.2006
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Risikosportarten

Ausgrenzen bringt nichts

von Daniel Rücker, Eschborn

 

In regelmäßigen Abständen fordern Politiker, Verletzungen bei Risikosportarten aus dem Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenversicherung herauszunehmen. Jetzt diskutiert diesen Vorschlag auch die Reform-Arbeitsgruppe der Regierung. Angeblich sollen Freizeitunfälle komplett aus der Erstattung der Krankenkassen herausfallen. Das zentrale Problem der GKV ist dies sicher nicht.

 

Auf den ersten Blick erscheint die Idee logisch: Wer sich ohne Not beim Drachenfliegen, Fallschirmspringen oder Freeclimbing in Gefahr bringt, der soll für die finanziellen Folgen eines möglichen Unfalls selbst aufkommen. Die Reihe derjenigen, die in den vergangenen Jahren ähnliche Vorschläge machten, ist lang. Zu den Prominentesten zählen der ehemalige Grünen-Chef Joschka Fischer, Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt und aktuell der sachsen-anhaltinische Gesundheitsminister Wolfgang Böhmer. Die Forderung wird in der Regel mit dem Hinweis verbunden, solche Verletzungen müssten über eine private Unfallversicherung abgedeckt werden.

 

Es ist kein Wunder, dass die Idee in der Politik beliebt ist, schließlich betreiben nur wenige Menschen eine Risikosportart. Das Gros des Wahlvolks wäre also auf der Gewinnerseite und hofft deshalb auf eine Entlastung der GKV, ohne selbst von den Einschnitten betroffen zu sein. Doch die Dinge sind nicht so schlicht, deshalb hat selbst das Bundesgesundheitsministerium Böhmers Vorschlag, also die selektive Ausgrenzung von Risikosportarten als »nicht praktikabel« zurückgewiesen. Hauptproblem ist die Definition des Begriffs »Risikosportarten«. Bei Freecliming, Paragliding oder Motocross-Fahren scheint die Beurteilung noch recht eindeutig, obwohl auch hier eine Bewertung des persönlichen Risikos der Sportler schwer fällt. Bei anderen Sportarten ist die Einordnung schon komplizierter: Was ist mit Skifahren, Segelfliegen oder Tauchen? Eine verbindliche, allgemein akzeptierte Liste der Risikosportarten gibt es nicht. Da auch bei vermeintlich gefährlichen Sportarten die persönliche Risikobereitschaft immer ein wichtiger Faktor ist, kann es keine solche Liste geben.

 

Selbst wenn sich die GKV auf eine Liste mit Sportarten einigen könnte, die ein besodners hohes Verletzungsrisiko bergen, stellt sich die Frage, ob eine Leistungsverweigerung bei Unfällen tatsächlich gerechtfertigt ist. Denn neben dem Risiko haben auch Drachenfliegen oder Klettern natürlich positive Effekte. Regelmäßige Bewegung ist in jedem Fall förderlich für die Gesundheit. Eine Behandlungsausgrenzung wäre nur nachvollziehbar, wenn der Schaden den Nutzen überwiegt. Doch wer will das bewerten. Die dazu notwendigen Daten existieren nicht.

 

Wirklich tragisch ist dies auch nicht, denn die Ausgrenzung bestimmter Sportverletzungen aus dem GKV-Leistungskatalog würde die Finanzlage der Krankenkassen genauso wenig beeinflussen wie die Reichensteuer den Bundeshaushalt saniert. Genau wie bei der Steuer für Spitzenverdiener hat die Ausgrenzung bestenfalls einen psychologischen Effekt: Beides wird von vielen Menschen als gerecht angesehen. Dass der objektive Nutzen überschaubar ist, spielt offensichtlich keine Rolle.

 

Tatsächlich spielen die Kosten von Sportverletzungen keine Rolle bei den GKV-Ausgaben. Nach einer Studie der Ruhr-Universität Bochum gab es 1995 rund 1,2 Millionen Sportverletzungen, deren Behandlung rund 1,3 Milliarden Euro kostete. Das waren damals 0,8 Prozent der Gesamtkosten im Gesundheitswesen. Die 1,3 Milliarden beziehen sich auch nicht allein auf die GKV, sondern auch âuf die Ausgaben der Privaten Krankenversicherungen.

 

Natürlich sind auch gut 1 Milliarden Euro Geld und diese im Gesundheitswesen einzusparen, ist kein Fehler. Wer dies will, darf sich allerdings nicht mit Risikosportarten aufhalten, denn dort erlittene Verletzungen spielen vom Volumen keine Rolle. Sie werden nicht einmal vernünftig erfasst - die Zahlen sind einfach zu klein. Kein Wunder, wenn man die Zahl der Aktiven betrachtet. Nach Angaben des Deutschen Hängegleiterverbands gibt es 42.000 Gleitschirm- und Drachenpiloten.

 

Die weitaus meisten Unfälle passieren in den populären Sportarten. Mit weitem Vorsprung stand im Jahr 2000 Fußball mit 472.000 Unfällen an erster Stelle. Es folgten Hand-, Volley- und Basketball mit 179.000 Verletzungen, vor Skaten, Skifahren und Tennis.

 

Bedenken im Ministerium

 

Nach einem Bericht der »Bild-Zeitung« diskutiert die gemeinsamen Arbeitsgruppe von SPD und Union tatsächlich über eine Ausgrenzung von Sportunfällen. Angeblich geht es dabei sogar um Freizeitunfällen allgeimein, sowie Komplikationen nach einem Piercing oder einer Schönheitsoperation. Natürlich kam, wie in diesen Tagen üblich, postwendend das Dementi aus dem Bundesgesundheitsministerium. Berichte über Details der Gesundheitsreform seien reine Spekulation. Gegen diesen Schritt gebe es nach wie vor erhebliche Bedenken, sagte der Sprecher Klaus Vater.

 

Die Regierung würde sich auch unglaubwürdig machen. Seit Jahren hat sie sich die Prävention von Krankheiten auf die Fahne geschrieben. Prävention soll ein Pfeiler der medizinischen Versorgung werden. Regelmäßiger Sport ist ein zentraler Baustein der Gesunderhaltung. Er birgt aber immanent ein Verletzungsrisiko. In der Regel ist eine Sportverletzung auch nicht Ausdruck jugendlichen Leichtsinns. Unfällke nun der privaten Vorsorge zuzurechnen wäre deshalb ein Signal, dass mit den Lippenbekenntnissen zur Prävention nur schwerlich zu verbinden ist.

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