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Mikroplastik

Die unsichtbare Gefahr

07.06.2017  09:54 Uhr
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Von Carolin Gieck / Man sieht es nicht, man riecht es nicht, dennoch ist es fast überall vorhanden: Mikroplastik. Die winzigen Polymerpartikel werden speziell für Kosmetika oder Lacke hergestellt oder entstehen durch Verwitterung von Kunststoffen. Sie reichern sich in der Nahrungskette an und gelangen darüber in den Menschen. Die Folgen sind unklar.

»Überall dort, wo der Mensch ist, sind Kunststoffe«, erklärt Ralf Bertling im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung. Er ist Umweltwissenschaftler und beschäftigt sich seit 2014 intensiv mit den Themen Mikroplastik und Plastik in der Umwelt am Fraunhofer-Institut UMSICHT in Oberhausen. 

 

Während Plastikmüll in Form von Flaschen oder Tüten jeder kennt, ist vielen Menschen Mikroplastik kein Begriff. Dabei handelt es sich um synthetische Polymer­partikel mit weniger als fünf Millimeter Durchmesser.

 

Je nach Herkunft und Entstehung können die Teilchen in zwei Klassen eingeteilt werden. »Mit primärem Mi­kroplastik ist im Grunde das gemeint, was per se industriell so klein her­gestellt wird«, sagt Bertling. »Zum Beispiel die sogenannten Microbeads, also Mikrokügelchen, die manchen Waschlotionen und Peelings als Schrubb- und Schleifkörper zugegeben werden.« In Make-up und Cremes dienen Kunststoffe darüber hinaus auch als Filmbildner, Viskositätsregulator und vieles mehr. »Sekundäres Mikroplastik ist hingegen das, was in der Natur durch äußere Einflüsse kleiner wird.« Denn Plastikmüll wird Wind, Wetter und Sonne ausgesetzt und verwittert dadurch. So wird früher oder später auch aus der größten Plastiktüte einmal Mikroplastik. Im Endeffekt kann alles, was Kunststoff ist, zu Mikroplastik werden.

 

Primäres und sekundäres Mikroplastik

 

Aber die Einteilung ist nicht starr, wie die Grenzfälle Reifen- oder Textilabrieb zeigen. Denn in dem Moment, in dem das Auto bremst, eine Kurve fährt und beschleunigt, bleiben kleinste Polymerpartikel auf der Straße. Ebenso ist ein beträchtlicher Anteil des Mikroplastiks auf Textilien, insbesondere Funktionskleidung, zurückzuführen. »Fleece- Kleidung besteht aus Polyester, häufig gewonnen aus recycelten PET-Flaschen. Wird die Kleidung dann gewaschen, reiben sich Mikrofasern ab und gelangen mit dem Waschmaschinenauslauf über den Abwasserweg in die Gewässer, wenn die Fasern nicht von Kläranlagen zurückgehalten werden«, erklärt Bertling.

 

Tatort Badezimmer

 

Menschen seifen sich ein, peelen die Haut oder waschen sich die Hände. Jährlich gelangen so aus abwaschbaren sogenannten »Rinse-off«-Produkten Kunststoffpartikel ins Abwasser. Laut Umweltbundesamt werden in Deutschland jährlich rund 500 Tonnen industriell erzeugtes Mikroplastik in Kosmetika eingesetzt. Mit dem Abwasser gelangt dieses zur nächsten Kläranlage, wo es herausgefiltert werden sollte.

 

Im Rahmen einer Konsortialstudie zum Thema Mikroplastik haben sich Bertling und seine Kollegen von Fraunhofer UMSICHT intensiv mit Kläranlagen befasst. »Wir haben dabei Rückhaltequoten von 80 bis 99 Prozent ermittelt.« Mehr als ein Dutzend Studien im In- und Ausland haben sie dazu gesichtet und ausgewertet. Das heißt, der Großteil des Mikoplastiks wird von den Kläranlagen zurückgehalten. »Da ist sicherlich noch Optimierungsbedarf, aber sie machen ihren Job.« Dennoch gelangt ein Teil der Partikel in die Flüsse und schließlich in die Meere. Mittlerweile befindet sich Mikroplastik in allen Tiefen des Meeres.

 

In Deutschland werden etwa 70 Prozent des Klärschlamms verbrannt. Vom Rest wird ein Teil als Dünger auf Feldern verwendet. Das Pro­blem daran: Der eigentlich zurückgehaltene Mikroplastikmüll wird damit erneut in die Umwelt eingetragen. Trocknet dieser, könnten die Partikel durch Wind und Regen auch auf Blüten und so in Lebensmittel wie Honig gelangen. Doch in Untersuchungen von Laboren der amtlichen Überwachung konnte Mi­kroplastik bisher nicht darin nachgewiesen werden.

 

Folgen sind unklar

 

Im Meer ist Mikroplastik auch in großen Teilen der Nahrungskette vorhanden – von Plankton über Muscheln und Fische bis hin zu Meeresvögeln. Da Fische und Muscheln Mikroplastik direkt über die Nahrung aufnehmen, werden die Partikel insbesondere im Verdauungstrakt der Tiere gefunden. Über den Verzehr dieser Meerestiere gelangt Mikroplastik auch in den menschlichen Körper.

Allerdings ist unklar, ob der Verzehr ein Risiko für den Menschen darstellt. Vermutlich passiert Mikroplastik den Magen-Darm-Trakt und wird einfach wieder ausgeschieden. Bei einer sehr kleinen Größe der Partikel ist es zumindest denkbar, dass sie die Schleimhaut überwinden und so in die Blutbahn eintreten können.

 

Die kritische Partikelgröße liegt hier bei unter 1 µm, also im Nanobereich. Das Schadpotenzial von Mikroplastik hängt somit entscheidend von der Partikelgröße ab. Deshalb kann das Risiko einerseits nicht ver­allgemeinert und andererseits zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht vollständig beurteilt werden.

 

Gebundene Schadstoffe

 

Der Eintrag von Mikroplastik in die Umwelt nimmt stetig zu und könnte zu ernsten Problemen führen, berichtet Nadja Ziebarth, Leiterin des Meeresschutzbüros vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), der PZ. Dies liegt auch an den verwendeten Materialien: Polyethylen (PE), Poly­acrylat (PA), Polyethylenterephthalat (PET) – die Liste der Kunststoffe ist lang. Obwohl die eingesetzten Polymere grundsätzlich inert sind, können von Mikroplastik in der Natur Gefahren ausgehen. Ein Risiko liegt laut Ziebarth an den hydrophoben Eigenschaften: »Kunststoffe binden offensichtlich an ihrer Oberfläche Schadstoffe«. Dabei wirken die Partikel wie ein Magnet mit großer Adsorptionsfläche. Giftige Stoffe wie polyzyklische aromatische Wasserstoffe (PAK), aber auch das Insektizid DDT sowie Schwermetalle können so akkumulieren. In Untersuchungen mit nativem Mikroplastik wurden nach nur einer Woche teils hunderttausendfach höhere Konzentrationen als im umliegenden Meereswasser festgestellt. »Wenn Tiere das aufnehmen, können die Schadstoffe entsprechend auch in die Tiere gelangen«, so Ziebarth.

 

Außerdem enthalten Kunststoffe durchschnittlich 4 Prozent Additive. Dabei verleihen die Zusatzstoffe wie Phthalate oder Bisphenol A dem Material die gewünschten Eigenschaften. Ob und in welchem Maße diese ausdünsten oder die Gesundheit gefährden, ist bislang ungeklärt. Denn die Forschung zu den Gefahren, die von Mikroplastik ausgehen, steckt noch in den Kinderschuhen. Besonders die Vielfalt in Form, Art, Zusammensetzung und Größe der Partikel erschwert die Analytik. Valide, etablierte Nachweisverfahren fehlen bisher. Studien können deshalb kaum miteinander verglichen werden.

 

Da belastbare Daten fehlen, kann auch das Bundesinstitut für Risikobewertung das Risiko, das von dem Verzehr von mit Mikroplastik verunreinigten Lebensmitteln ausgeht, noch nicht bewerten. Doch zumindest bei Meeres­tieren deuten Untersuchungen auf Gesundheitsschäden hin. Die Aufnahme von Mikroplastik führte beispielsweise zu Entzündungsreaktionen, wobei auch hier dringend weitere Forschung benötigt wird. Daher sind sich Ziebarth und Bertling einig, dass Mikroplastik zum gegenwärtigen Zeitpunkt mehr ein Umweltproblem als ein Gesundheitsrisiko für den Menschen darstellt. Dennoch sollten Verbraucher verantwortungsvoll mit Kunststoff­abfällen umgehen.

 

Kosmetik nur ein kleiner Anteil

 

Vergleicht man die jährlichen 500 Tonnen Mikroplastik aus Kosmetik mit etwa 80 000 Tonnen Mikroplastik vom Reifenabrieb, mag die Zahl zunächst klein wirken. Dennoch ist diese Eintragsquelle unnötig, findet Ziebarth: »Es gibt definitiv Kosmetikprodukte, die ohne Kunststoff produziert werden können und funktionieren.« Der BUND hat deshalb eine Negativliste von Kosmetikprodukten veröffentlicht, die Kunststoffe enthalten. Hierdurch soll der Verbraucher unterstützt werden, diese gezielt zu meiden. Auch eine Aufforderung an die Firmen kann helfen. So führte entsprechender Druck innerhalb kürzester Zeit dazu, dass zumindest in Zahnpasten kein Mikroplastik mehr zu finden ist. »Kunststoffe haben in der Natur nichts zu suchen«, so Ziebarth. /

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