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Neuer Wirkstoff bei Scheidentrockenheit

07.06.2016
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Von Brigitte M. Gensthaler / Mit Ospemifen (Senshio® 60 mg Filmtabletten, Shionogi) kam Anfang Mai ein neuer Wirkstoff zur symptomatischen Behandlung der vulvovaginalen Atrophie auf den Markt. Zugelassen ist er für postmenopausale Frauen mit mittelschweren bis schweren Beschwerden, die keine lokale Estrogentherapie anwenden dürfen.

Typische Symptome einer vulvovaginalen Atrophie sind Trockenheit, Juckreiz und Irritationen der Scheide sowie Schmerzen und Blutungen beim Geschlechtsverkehr. Ursächlich ist die physiologische Abnahme des Estrogenspiegels nach den Wechseljahren. In der Folge sind die Reifung der Scheidenepithelzellen, die Gefäßversorgung vaginaler Gewebe und die Befeuchtung der Schleimhaut vermindert. Der Glycogengehalt der Scheidenepithelzellen sinkt; dadurch nimmt die Besiedelung mit Lactobazillen ab und der vaginale pH-Wert steigt.

 

Ospemifen ist wie Tamoxifen, Toremifen, Bazedoxifen und Raloxifen ein selektiver Estrogenrezeptor-Modulator (SERM). Der Wirkstoff und sein Hauptmetabolit binden an Estrogenrezeptoren und lösen sowohl agonistische als auch antagonistische Effekte aus. In der Vagina wirken sie Estrogen-ähnlich und regen Zellreifung und Schleim­bildung des Scheidenepithels an. Auch am Skelett wirken sie ähnlich wie ein Agonist, in der Brustdrüse dagegen vorwiegend Estrogen-antagonistisch. Im Uterus wirken sie schwach partiell agonistisch/antagonistisch. Diese präklinischen Befunde stimmen überein mit den Ergebnissen klinischer Studien, in denen Ospemifen günstig auf die vaginalen Symptome wirkte, ohne evidente Estrogen-artige Effekte am Brustgewebe zu zeigen.

 

Die empfohlene Dosis beträgt einmal täglich 60 mg Ospemifen, jeweils zur selben Tageszeit zusammen mit Nahrung. Hat die Patientin eine Einnahme vergessen, sollte sie diese zu einer Mahlzeit nachholen, aber nicht am nächsten Tag die doppelte Menge schlucken. Die Einnahme zu einer fettreichen Mahlzeit erhöht die Bioverfügbarkeit deutlich.

 

Kontraindiziert bei Brustkrebs

Kontraindiziert ist der neue SERM bei aktiven oder anamnestisch bekannten venösen thromboembolischen Ereignissen (VTE) wie tiefe Venenthrombose und Lungenembolie sowie bei ungeklärten vaginalen Blutungen. Ebenso dürfen Frauen mit Verdacht auf Brustkrebs oder während einer Brustkrebstherapie, mit Verdacht auf oder mit aktivem Sexualhormon-abhängigem Malignom, zum Beispiel des Endome­triums, oder mit einer Endometrium­hyperplasie Ospemifen nicht bekommen. Die gleichzeitige Anwendung mit anderen SERM wird nicht empfohlen.

Der Arzneistoff wird primär über CYP2C9, CYP3A4 und CYP2C19 metabolisiert. Daraus können zahlreiche Wechselwirkungen mit Inhibitoren oder Induktoren dieser CYP-Isoenzyme, zum Beispiel mit Fluconazol, Ketoconazol oder Rifampicin, resultieren.

 

SERM-Effekte in Studien bestätigt

 

Der neue Wirkstoff wurde in zwei Studien, eine über zwölf Wochen und eine Langzeit-Sicherheitsstudie über 52 Wochen, geprüft. Insgesamt erhielten mehr als 1100 Frauen einmal täglich peroral 60 mg Ospemifen und knapp 790 Patientinnen Placebo. Das Verum besserte sowohl die postmenopausalen physiologischen Zellveränderungen als auch Beschwerden wie Scheidentrockenheit und Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. In der ersten Studie berichteten zwei Drittel der Frauen, die zwölf Wochen lang das Verum eingenommen hatten, über eine Linderung der vaginalen Trockenheit (leichte oder keine Symptome), verglichen mit knapp der Hälfte in der Placebogruppe. In der zweiten Studie war die vaginale Trockenheit bei 62 Prozent der Frauen unter Verum und 53 Prozent unter Placebo gelindert. Schmerzen beim Geschlechtsverkehr waren in der ersten Studie bei 58 Prozent der Frauen unter Verum und 42 Prozent unter Placebo gebessert. In der zweiten Studie lagen die Anteile bei 63 und 48 Prozent.

Kommentar

Estrogenfrei und oral

Der Wirkmechanismus von Ospemifen lockt keinen Apotheker mehr hinter dem Ofen hervor. Denn es handelt sich um einen weiteren selektiven Estrogenrezeptor-Modulator (SERM) wie Tamoxifen und Co. Neu ist aber das Zulassungsgebiet und hier liegt auch die Begründung, weshalb der neue Wirkstoff als Schrittinnovation einzustufen ist. Denn Ospemifen darf als erster SERM zur Behandlung der Symptome einer vaginalen Atrophie bei postmenopausalen Frauen zum Einsatz kommen, wenn eine vaginale Estro­gentherapie nicht infrage kommt. Davon können zum Beispiel Frauen nach überstandenem Brustkrebs profitieren, die eine solche Lokaltherapie nicht anwenden dürfen. Ospemifen ist nach Abschluss der Brustkrebs-Therapie, inklusive adjuvanter Therapie, dagegen nicht kontraindiziert.

 

Grundsätzlich spricht einiges für eine Lokaltherapie bei vaginaler Atrophie. Unter Umständen kann die orale Einnahme des neuen Wirkstoffs jedoch einen Vorteil bieten. Dies ist zum Beispiel dann der Fall, wenn körperliche Beeinträchtigungen die Beweglichkeit der Patientin einschränken und der vaginale Applikationsweg für sie damit eine Limitation darstellt.

 

Sven Siebenand

Stellvertretender Chefredakteur

Nutzen jährlich abwägen

 

Häufigste Nebenwirkung unter Ospemifen waren Hitzewallungen (7,5 Prozent). Etwa 1 Prozent der Frauen brach die Einnahme deswegen ab. Häufig waren auch vulvovaginale Candidose, Scheidenausfluss, Muskelkrämpfe und Hautausschlag.

 

Wichtig: Mindestens einmal jährlich sollten Nutzen und Risiko der Therapie abgewogen werden. Da die langfristige Anwendung von SERM möglicherweise mit Risiken wie Endometriumhyperplasie, Schlaganfall und venöser Thromboembolie in Zusammenhang steht, muss der Hersteller zur weiteren Untersuchung dieser möglichen langfristigen Risiken eine Beobachtungsstudie durchführen. /

 

--> vorläufige Bewertung: Schrittinnovation

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