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Online-Psychotherapie

Computer statt Couch

04.06.2014
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Von Christina Hohmann-Jeddi, Berlin / Entscheidend für den Erfolg einer Psychotherapie ist das Verhältnis zwischen Patient und Therapeut. Dieses Credo wird nun infrage gestellt. Denn die internetgestützte Psychotherapie erweist sich als ähnlich wirksam wie die persönliche Sitzung. Und sie hat auch einige Vorteile.

Kein Therapieplatz, Angst vor Stigmatisierung oder eine weite Anreise zum nächsten Therapeuten: Es gibt viele Gründe, warum manche Menschen, die eine Psychotherapie bräuchten, keine erhalten. Abhilfe könnte hier in einigen Fällen die Psychotherapie via Internet schaffen und therapeutische Lücken schließen. Denn sie ist zeit- und ortsunabhängig und außerdem kostengünstig.

 

Viele Experten waren der Online-Psychotherapie gegenüber zunächst skeptisch, weil Therapeut und Patient nicht persönlich, sondern nur schriftlich über eine Website miteinander kommunizieren. Doch weist die aktuelle Studienlage darauf hin, dass die Internettherapie ähnlich gut wirksam ist wie die klassische Therapie von Angesicht zu Angesicht. Am besten belegt sind die Erfolge für Patienten mit Angststörungen wie soziale Phobie, Panikstörung oder Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS).

 

Studien, die Online- und konventionelle Psychotherapie direkt vergleichen, sind selten. Eine entsprechende Untersuchung von Forschern der Universität Zürich wurde Anfang dieses Jahres im »Journal of Affective Disorders« veröffentlicht (doi: 10.1016/j.jad.2013.06.032). Das Team um Professor Dr. Andreas Maercker hatte insgesamt 62 Patienten mit Depression auf zwei Interventionsarme randomisiert: Eine Gruppe erhielt eine herkömmliche achtwöchige kognitive Verhaltenstherapie, die andere eine gleich lange Internettherapie mit denselben Inhalten und demselben Ablauf. Hinsichtlich der Symptomreduktion nach dem Ende der Intervention war kein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen festzustellen, berichten die Forscher. Die Effektgrößen lagen mit 1,27 in der Internet- und 1,37 in der konventionellen Gruppe recht hoch (siehe Kasten). Bei einer Nachbeobachtung drei Monate später erzielten die Patienten aus der Internetgruppe sogar bessere Ergebnisse als die mit persönlichem Kontakt.

Effektstärke

Die Effektstärke hat sich als Maß für die Wirksamkeit einer Behandlung etabliert. Sie errechnet sich, indem man den Mittelwert der Symptomreduktion der Kontrollgruppe vom Mittelwert der Symptomreduktion der Interventionsgruppe abzieht und diesen Wert durch die Standardabweichung der Kontrollgruppe teilt. Die durchschnittliche Effektstärke von Psychotherapien beträgt laut Informationen der Bundespsychotherapeutenkammer 0,88. Behandlungen mit einer Effektstärke über 0,8 werden von Wissenschaftlern als sehr wirksam eingestuft. Eine Effektstärke von 0 bedeutet dagegen keine Wirkung, eine von 0,2 eine geringe Wirkung und eine von 0,5 eine mittlere Wirkung.

Vorreiter Niederlande

 

In Deutschland werden bislang internetbasierte Interventionen nur in Rahmen von Modellprojekten oder Studien angeboten. In anderen Ländern, zum Beispiel Schweden oder Großbritannien, sind sie bereits im Gesundheitssystem integriert. Die wohl bekannteste Online-Psychotherapie »Interapy« stammt aus den Niederlanden. Das von der Arbeitsgruppe um Professor Dr. Alfred Lange von der Universität Amsterdam entwickelte Angebot umfasst alle wichtigen Krankheitsbilder von Depression über Angsterkrankungen, Essstörungen bis hin zu Burnout. Je nach Störung dauert die Therapie fünf bis zwölf Wochen, in denen Patient und Therapeut über eine geschützte Website schriftlich miteinander kommunizieren. Dabei hat der Patient verschiedene Schreibaufgaben zu erledigen und erhält dann zeitversetzt vom Behandler ein persönliches und positiv unterstützendes Feedback. Die Therapie beruht auf evaluierten Behandlungsmanualen nach kognitivem verhaltenstherapeutischem Prinzip.

 

Der Ablauf ist dabei in der Regel in drei Phasen aufgeteilt: Selbstkonfrontation, kognitive Umstrukturierung und Social Sharing. Im ersten Schritt müssen sich die Patienten die schmerzhaften, traumatisierenden Ereignisse ins Gedächtnis rufen und aufschreiben. In der zweiten Phase wird das Erlebte in Form eines Briefs an einen fiktiven Freund, dem das Gleiche passiert ist, erneut aufgeschrieben, allerdings mit einem Perspektivwechsel. Am Ende steht das Social Sharing, das teilhaben Lassen anderer, im Vordergrund. Hierfür schreiben die Patienten Briefe an sich oder an nahestehende Personen, in denen sie Abschied von ihren negativen Erfahrungen nehmen. Die Wirksamkeit des Angebots ist mehrfach belegt, und die Kosten werden von den niederländischen Krankenkassen übernommen. Die Kosten der Online-Psychotherapie liegen dabei deutlich niedriger, zum Teil nur bei einem Drittel der Kosten für eine herkömmliche ambulante Therapie.

 

Hilfe für Traumaopfer

 

In Deutschland sind derartige Interventionen noch nicht etabliert. Aber auch hier gibt es einige Ansätze. Verschiedene Projekte stellten Experten auf dem Deutschen Kongress für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Ende März in Berlin vor. So zum Beispiel die Online-Psychotherapie für Traumaopfer in arabischer Sprache, die Professor Dr. Birgit Wagner von der Universität Leipzig in Zusammenarbeit mit dem Behandlungszentrum für Folteropfer in Berlin entwickelt hat. Bereits 2007 begann die Arbeit an diesem Projekt, das vor allem für Patienten im Irak gedacht war. »Später wurde die ganze Region zum Krisengebiet«, so Wagner. Kennzeichnend für diese Region sei eine hohe Prävalenz an psychischen Störungen und eine sehr eingeschränkte psychische Versorgung. Entsprechend stark ist das Interesse an dieser niedrigschwelligen Hilfe: »Etwa 200 Besucher rufen pro Tag die Website Ilajnafsy auf«, berichtete Wagner.

Die Eckdaten einer noch unveröffentlichten Pilotstudie zur Wirksamkeit dieses Angebots stellte Wagner in Berlin vor. Patienten mit PTBS erhielten via Internet eine kognitive Verhaltenstherapie über fünf Wochen. Diese umfasste zehn Schreibsitzungen mit strukturierten Aufträgen, die auch auf die drei Phasen Selbstkonfrontation, kognitive Umstrukturierung und Social Sharing aufgeteilt waren. Die arabischsprachigen, männlichen und weiblichen Therapeuten in Berlin und Ägypten gaben den Patienten jeweils zeitversetzte Feedbacks auf ihre Schreibbeiträge. Ausgesprochen viele Frauen nahmen dieses Angebot wahr, berichtete Wagner: 76 Prozent der Studienteilnehmer waren weiblich. Alle waren hochbelastet und hatten drei bis vier Traumatisierungen wie Vergewaltigung, Selbstmordanschläge, Tod von Angehörigen oder Entführungen erlebt.

 

Die Abbrecherrate war mit 41 Prozent relativ hoch, wobei die meisten Abbrüche noch vor Beginn der Therapie erfolgten. Bei denjenigen, die die Therapie beendeten, sei im Vergleich zu Patienten auf der Warteliste, die die Kontrollgruppe bildeten, eine signifikante Reduzierung der Traumasymptomatik erreicht worden. Die erzielte Effektgröße war zufriedenstellend, so Wagner. Das Angebot zeige, wie hilfreich internetbasierte Angebote in stark unterversorgten Regionen sind.

 

Vor- und Nachteile

 

Ein weiterer Vorteil gegenüber herkömmlicher Psychotherapie ist die Ano­nymität der Internetkommunikation, die es vielen Betroffenen erlaubt, offener über stigmatisierende oder schambesetzte Erlebnisse wie etwa Vergewaltigungen zu berichten. Auf die Qualität der Patienten-Therapeut-Beziehung scheint die Art der Kommunikation keinen negativen Einfluss zu haben, berichten Wagner und Maercker in einer Publikation von 2011 (Psychotherapeutenjournal, (1): 34-43). In Studien bewerteten die Patienten einer Online-Psychotherapie die therapeutische Beziehung sogar besser als Patienten in einer ambulanten Therapie. Gründe hierfür könnten sein, dass bei virtuellem Kontakt die Patienten offener sind und außerdem die Übertragung von positiven Eigenschaften auf den Therapeuten besser funktioniert als bei einem Therapeuten, den man vor sich sieht. Die fehlende Information über den Gesprächspartner könnte sich somit positiv auswirken, schreiben die Autoren.

 

Auf der anderen Seite hat der virtuelle Kontakt auch Nachteile. So kann die ausschließlich schriftliche Kommunikation Missverständnisse und Fehlinterpretationen begünstigen. Durch die Anonymität ist ein Eingreifen des Therapeuten in Notsituationen, etwa bei Suizidalität, nicht möglich. Daher ist die Internettherapie nicht für alle Patienten geeignet: So können Patienten mit Komorbiditäten oder Suizidalität diese Angebote nicht wahrnehmen. Die Online-Psychotherapie sei daher keine Alternative, sondern eine Ergänzung zur herkömmlichen Therapie, folgern Wagner und Maercker. /

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