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Lungenentzündung

Pneumonie ist nicht gleich Pneumonie

04.06.2013  17:35 Uhr

Unterschiedliche Keimspektren und Risikofaktoren des Patienten erschweren die Therapie einer Lungenentzündung. Professor Dr. Thomas Weinke vom Ernst von Bergmann Klinikum in Potsdam informierte, welche Erreger besonders häufig ambulant erworbene Pneumonien auslösen, wie man sich davor schützen kann und welche Arzneistoffe bei der Therapie eingesetzt werden.

In Deutschland erkranken jedes Jahr schätzungsweise 600 000 bis 800 000 Patienten an einer Lungenentzündung. 20 Prozent der Patienten müssen sta­tionär behandelt werden, 10 Prozent von ihnen auf der Intensivstation. Die Angaben zur Letalität schwanken zwischen 1 und 38 Prozent je nach Schwere der Infektion sowie vorhandener Risiko­faktoren.

Bei der ambulant erworbenen Lungenentzündung (community-acquired pneumonia, CAP) liegt eine akute mikrobielle Infektion des Lungenparenchyms vor, die Abwehr des Patienten ist in der Regel nicht geschwächt. In Mitteleuropa sind die häufigsten Auslöser einer CAP Pneumokokken. »Der Arzt muss aber immer auch andere mögliche Erreger in Betracht ziehen«, warnte Weinke. So sollte er klären, ob der Pa­tient schon mit einem Antibiotikum vor­behandelt wurde oder in jüngster Vergangenheit Reisen unternommen habe. Auch das Alter des Patienten, Tierkontakte oder der Aufenthalt in Pflegeheimen spielen eine Rolle bei der Anamnese und der Einschätzung des individuellen Komplikations- und Sterblichkeitsrisikos.

 

Amoxicillin ist Standard

 

Bei einer unkomplizierten CAP ohne Risikofaktoren kommt laut S3-Leitlinie der Paul-Ehrlich-Gesellschaft als Mittel der Wahl Amoxicillin für fünf bis sieben Tage zum Einsatz. Alternativen, beispielsweise bei Penicillin-Allergie, sind Doxycyclin oder Makrolide. Bei zusätzlichen Risikofaktoren sollte Amoxicillin mit einem β-Lactamase-Inhibitor wie Clavulansäure kombiniert werden. Bei Unverträglichkeit kommen Fluorchinolone wie Levofloxacin oder Moxifloxacin oder eine Makrolid-β-Lactam-Kombination infrage.

 

»Zwar haben Antibiotika-Resistenzen bei den klassischen Erregern in den vergangenen Jahren zugenommen, die Penicillin-Resistenz von Pneumokokken spielt aber mit Werten unter 1 Prozent in Deutschland keine große Rolle«, so Weinke. Amoxicillin eigne sich daher gut als Primärantibiotikum. 10 Prozent der Pneumokokken-Infektionen sprächen hingegen nicht mehr auf Makrolide an.

 

Um überhaupt nicht erst an einer Lungenentzündung zu erkranken, empfahl Weinke vor allem die Nicotin­karenz. Rauchen beeinträchtige erwiesenermaßen die mucoziliäre Clearance. Daneben seien Impfungen gegen Pneumokokken und Influenza weitere sinnvolle Präventionsmaßnahmen.

 

Pneumokokken-Vakzine sind auf dem Markt in zwei Varianten erhältlich. Der 23-valente Polysaccharid-Impfstoff Pneumovax® ist T-Zell-unabhängig, er löst daher keine boosterbare Immun­antwort aus. Bei den Konjugatimpfstoffen Prevenar13® (13-valent) und Synflorix® (10-valent) ist das Kapselantigen an ein Trägerprotein gekoppelt. Dieser Komplex stimuliert T-Zellen und löst so eine länger andauernde Immunantwort aus – »die immunologisch bessere Variante«, so Weinke. Ein weiterer Vorteil: Im Gegensatz zum Polysaccharid-Impfstoff biete der Konjugatimpfstoff außerdem zusätzlichen Schutz vor nicht invasiven Pneumonien.

 

Die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert-Koch-Institut empfiehlt zur Pneumokokken-Impfung die Konjugat-Vakzine für alle Kleinkinder in den ersten beiden Lebensjahren. Über-60-Jährige und chronisch Kranke sollen sich ebenfalls impfen lassen, allerdings laut STIKO mit dem Polysaccharid-Impfstoff. Der Gemeinsame Bundesausschuss hingegen legt sich inzwischen nicht mehr auf einen Impfstofftyp fest.

 

Jährlich gegen Grippe impfen

 

Weitere Maßnahme zur Vorbeugung einer Pneumonie ist die jährliche Impfung gegen Influenza. Nachteilig sei, dass die Grippeimpfung gerade bei Älteren und chronisch Kranken schlecht wirke, so Weinke. Die Entwicklung von Adjuvanzien oder neuen Applikationsformen (intradermal, intranasal) sei daher ein großer Fortschritt. In der nächsten Saison werde es erstmalig einen tetravalenten Grippeimpfstoff geben. In der Zukunft sei auch die Entwicklung eines Universalimpfstoffs möglich, der weniger variable Komponenten enthalten und so deutlich länger als eine Saison schützen könnte.

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