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Kolonkarzinom

Vermeiden statt leiden

07.06.2011  17:40 Uhr

Dickdarmkrebs ist eine der häufigsten Tumorerkrankungen. Er ist aber auch eine der vermeidbarsten Krebsarten. Nirgendwo sind die Erfolge von Vorsorge und Früherkennung größer als beim Kolonkarzinom.

Eigentlich machen Kolonkarzinome den Ärzten ihre Arbeit einfach. Sie entwickeln sich extrem langsam. Bis aus einer als Adenom bezeichneten Krebsvorstufe ein Tumor geworden ist, vergehen zehn Jahre und mehr, sagte Professor Dr. Jürgen F. Riemann vom Klinikum Ludwigshafen. Zudem breche die Erkrankung in ihrer häufigsten, sporadischen Form erst nach dem fünfzigsten Lebensjahr aus. Drei von vier Kolonkarzinome fallen in diese Gruppe. Wer die seit 2002 von den Krankenkassen bezahlte Koloskopie wahrnimmt, kann sein Risiko, an Dickdarmkrebs zu erkranken und daran zu sterben, drastisch senken.

In Deutschland erkranken laut Riemann etwa 73 000 Menschen pro Jahr an einem Kolonkarzinom, etwa 26 000 davon sterben daran. In seiner sporadischen Form steigt das Erkrankungsrisiko ab dem 55. Lebensjahr deutlich an. Das statistische Lebensrisiko für Dickdarmkrebs liegt bei 6 bis 7 Prozent. Da die Krankheit erst im sechsten Lebensjahrzehnt ausbricht, sollte eine Koloskopie zur Vorsorge um das fünfzigste Lebensjahr stattfinden. Außerdem seien verschiedene neue bildgebende Verfahren in der Entwicklung – etwa eine kleine Kapsel, in die zwei winzige Kameras eingebaut sind. Diese Kapsel kann verschluckt werden. Auf dem Weg zum Rektum liefert sie Bilder in einer bemerkenswerten Qualität, die Ärzte auch kleinste Adenome in der Darmwand erkennen lässt. Eine Alternative zu diesen Verfahren ist der Stuhlbluttest. Seine konsequente Anwendung reduziere die Inzidenz für ein Karzinom um 20 Prozent.

 

Bei etwa einem Viertel der Patienten hat die Diagnose Darmkrebs eine familiäre Grundlage. In diesen Fällen liege der Zeitpunkt der Erkrankung oft vor dem fünfzigsten Lebensjahr, bei der familiären adenomatösen Polypose und dem Lynch-Syndrom seien sogar Erkrankungen um das dreißigste Lebensjahr keine Seltenheit. Diese beiden Erkrankungen sind genetisch determiniert. Etwa fünf Prozent der Darmkrebserkrankungen entfallen auf diese beiden Erkrankungen. Bei den Betroffenen bilden sich schon in jungen Jahren zahlreiche Adenome im Darm. Die Erkrankungswahrscheinlichkeit liegt zwischen 60 und 100 Prozent.

 

Ein deutlich erhöhtes Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, haben auch Menschen, in deren Familie die Krankheit gehäuft auftritt. Riemann: »Wenn bei einem Elternteil vor dem fünfzigsten Lebensjahr ein Kolonkarzinom aufgetreten ist, dann verdreifacht sich für die Kinder das Erkrankungsrisiko.« Während erblich nicht vorbelastete Menschen mit 50 am Darmkrebs-Screening teilnehmen sollten, empfiehlt Riemann bei genetischer Disposition spätestens zehn Jahre vor dem Erreichen des Alters, in dem der Angehörige erkrankt ist, zur Vorsorge zu gehen. Kinder, die an einer der genetisch determinierten Darmkrebsformen leiden, müssen sogar schon ab dem 12. Lebensjahr und dann jährlich zur Koloskopie.

 

Nach Riemanns Angaben ist der Erfolg dieser Früherkennungsuntersuchungen beeindruckend. Die USA haben bereits Jahre vor Deutschland mit einer systematischen Vorsorge begonnen. Deshalb stammen auch die Daten dorther. Nach der amerikanischen nationalen Polypenstudie bewirkt ein Koloskopie-Screening mit konsequenter Entfernung aller Polypen einen Rückgang der Inzidenz um 90 Prozent. Sogar bei Menschen, die an einer erblichen Form leiden, lasse sich in vielen Fällen die Entstehung eines Tumors verhindern.

 

Deutschland geht bei der Vorsorge einen etwas anderen Weg als die USA. Statt eines Screenings gibt es nur eine opportunistische Vorsorge. Dabei fordern die Behörden nicht zur Vorsorge auf. Jeder muss für sich selbst entscheiden, ob er das Angebot annimmt. Datenschutzbedenken seien der Grund dafür, sagte Riemann.

 

Dennoch kann sich der Erfolg der Vorsorge sehen lassen. Zwar konnte das im Nationalen Krebsplan aufgestellte Ziel einer Halbierung der Darmkrebserkrankungen bis 2010 nicht erreicht werden. Nach Riemann sind es aber immerhin rund 100 000 Menschen, die auf diesem Weg gerettet werden konnten. Dazu zählen die rund 8 Prozent der asymptomatischen Bevölkerung, bei deren Untersuchung fortgeschrittene Adenome oder Tumoren festgestellt wurden.

 

Zufrieden ist Riemann damit nicht. Das opportunistische Darmkrebs-Screening sei an einer Grenze angekommen. Die Inzidenz von Darmkrebs sei zwar deutlich gesunken, die Kurve könne aber steiler nach unten zeigen. Daran habe die von ihm mitgegründete Stiftung Lebensblicke nichts ändern können. Für größere Erfolge müsste es ein Einladungsverfahren an alle Fünfzigjährigen geben. In Bayern wolle man einen datenschutzrechtlich unbedenklichen Weg dafür prüfen. Als Ziel formulierte er eine Verdoppelung der Teilnehmerrate.

 

Wer sich nicht auf die Erfolge der Vorsorge und Früherkennung verlassen will, der kann sein Erkrankungsrisiko mit einem geeigneten Lebenswandel senken. Viel Bewegung, eine ausgewogene Ernährung mit einem nicht zu großem Anteil an rotem Fleisch, keine Zigaretten und Alkohol in Maßen seien ein guter Schutz gegen Darmkrebs, so Riemann.

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