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Gastrointestinaltrakt

Komplexe Prozesse, mäßig verstanden

07.06.2011  17:40 Uhr

Vier von fünf Medikamenten gehen den Weg über Mund, Speiseröhre, Magen, Dünndarm und Dickdarm. Für die Compliance ist diese einfache Einnahme gut. Sie hat aber auch Nachteile, sagt die Greifswalder Technologin Professor Dr. Sandra Klein.

»Der Patient bleibt unabhängig, die Therapiekosten sind meist gering und die Compliance hoch«, fasste Klein die Vorzüge peroraler Arzneiformen zusammen. Dem stehen allerdings Unwägbarkeiten bei der Absorption der Arzneistoffe gegenüber. Einnahmebedingungen und Lebensstil des Patienten könnten die Plasmaspiegel der Wirkstoffe weitaus stärker beeinflussen als dies etwa bei Injektionen der Fall ist. Zudem begrenzten die physiologischen Bedingungen im Gastrointestinaltrakt oftmals neue Formulierungskonzepte. Die Auswirkungen der Schwankungen von pH-Wert, Flüssigkeitsanteil und Transportgeschwindigkeit müssen aber auch bei der Beratung der Patienten in der Apotheke berücksichtigt werden.

Wie Klein ausführte, haben die beiden ersten Stationen peroraler Arzneiformen keine große Bedeutung für deren Resorp-tion. In der Regel legt eine Tablette oder Kapsel diesen Weg in einer knappen halben Minute zurück. Probleme entstehen in der Speiseröhre aber, wenn feste Darreichungsformen ohne Wasser eingenommen werden. Dann bleibe die Arzneiform leicht an der Speiseröhre kleben. Wenn es gut geht, tritt die Wirkung nur später ein. Im schlimmsten Fall drohen Läsionen am Ösophagusepithel. Klein erinnerte die Apothekerinnen und Apotheker daran, dass Patienten immer darüber informiert werden sollten, feste Arzneiformen immer im Stehen und mit mindestens 200 ml Wasser einzunehmen.

 

Eine ausreichende Flüssigkeitsmenge ist auch für die Passage im Magen wichtig. Dessen Nüchternvolumen sei mit 25 bis 50 ml deutlich kleiner, als man lange Zeit gedacht hatte. Tabletten könnten sich unter diesen Bedingungen schlecht auflösen und hafteten leicht an der Magenwand an, sagte Klein. An der Arzneistoffresorption hat der Magen zwar keinen Anteil. Da die Nahrungsaufnahme aber das Milieu und die Zeit, die der Arzneistoff im Magen verbringt, stark verändert, beeinflusst sie die Resorptionsgeschwindigkeit und die Plasmaspiegel eines Wirkstoffes ganz erheblich. So steige der pH-Wert nach dem Essen von 1 bis 3 auf 4 bis 7 und liege zwei Stunden nach dem Essen immer noch bei 3.

 

Ebenfalls von Bedeutung ist die Nahrung für die Motilität des Magens. Post­prandial ist der Magen damit beschäftigt, die Nahrung zu verdauen. In diesem Zeitraum können nur Flüssigkeiten und sehr kleine Teilchen über den Pförtner in den Dünndarm gelangen. Größere Teilchen müssen dagegen darauf warten, bis die Verdauung im Magen abgeschlossen ist. Die Nüchternphase bestehe aus etwa zweistündigen Zyklen mit jeweils drei unterschiedlichen Motilitätsphasen. Lediglich zum Ende der zweiten und in der letzten Phase öffnet sich der Pförtner so weit, dass auch größere Teilchen den Magen verlassen können.

 

Bei der Einnahme peroraler Arzneiformen sei auch zu beachten, dass verschiedene Flüssigkeiten, die zur Einnahme getrunken werden, die Dauer der Magenpassage deutlich beeinflussen. Während Wasser nach 20 bis 25 Minuten den Magen wieder verlasse, verweilten kalorienreiche Getränke dort bis zu 80 Minuten. Werde ein Arzneimittel also mit Saft oder Milch eingenommen statt mit Wasser, dann verzögere sich der Wirkungseintritt deutlich.

 

Klein hält auch deshalb manche Einnahmehinweise für irreführend. »Der Hinweis ›eine Stunde vor oder zwei Stunden nach dem Essen‹ beschreibt zwei völlig unterschiedliche Situationen im Magen«, konstatierte sie. Eine Stunde vor dem Essen sei der Zustand nüchtern, zwei Stunden danach postprandial. Wie Klein ausführte, dauert der postprandiale Zustand des Magens rund vier Stunden und damit deutlich länger, als dies in manchen Einnahmehinweisen dargestellt werde.

 

Auch den Hinweis, Medikamente eine halbe Stunde vor dem Essen einzunehmen, hält Klein für ungeeignet. Nach einer halben Stunde sei keineswegs sicher, dass das Medikament den Magen bereits verlassen hat, erst recht nicht, wenn es mit kalorienhaltigen Getränken eingenommen worden sei. Wenn die Einnahme nüchtern erfolgen soll, sollten Apotheker deshalb immer empfehlen, das Medikament spätestens eine Stunde vor der Mahlzeit einzunehmen.

 

Die Abgrenzung zwischen prä- und postprandial gilt auch für den Dünndarm. Auch hier beeinflusst die Nahrungsaufnahme die Dauer der Passage. Im Schnitt liegt sie bei drei bis vier Stunden. Es gibt aber große individuelle Schwankungen zwischen zwei und acht Stunden. Auch im Dünndarm gibt es Motilitätsphasen wie im Magen. Der Dünndarm ist vor allem der Ort, an dem Arzneistoffe resorbiert werden. Das ist kein Wunder. Mit einer Oberfläche von fast 200 m2 übertrifft er Magen (0,11 m2) und Dickdarm (0,25 m2) um ein Vielfaches.

 

Im Gegensatz zum Dünndarm spielt der Dickdarm bei der Resorption von peroralen Arzneiformen kaum eine Rolle. Diese findet zwar in geringem Maße statt, aber deutlich weniger als im Dünndarm. Bis zu drei Tage können sich die bis dahin noch übriggebliebenen Bestandteile von Arzneimitteln im Dickdarm aufhalten.

 

Klein hält die Erkenntnisse über die Passage von peroralen Arzneiformen durch den Gastrointestinaltrakt heute für keinesfalls ausreichend. Der Vorgang sei so komplex, dass er nicht hinreichend verstanden sei. Zudem gebe es große individuelle Schwankungen. Ein besseres Verständnis dieses Prozesses könne ein Schlüssel für noch bessere Formulierungen sein.

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