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HPV

Gegen Krebs impfen

07.06.2011  17:56 Uhr

Virale Infektionen sind an der Entstehung einiger Krebsarten beteiligt. Für die Entdeckung dieses Zusammenhanges erhielt Professor Dr. Harald zur Hausen 2008 den Nobelpreis. Seine Forschungsarbeiten haben die Entwicklung von HPV-Impfstoffen gegen Gebärmutterhalskrebs ermöglicht. In Meran sprach er über Chancen der Krebsimpfung und Probleme bei der praktischen Umsetzung.

»Etwa ein Fünftel aller Krebserkrankungen werden durch Infektionen ausgelöst. Sieben von zehn dieser Fälle könnten verhindert werden«, sagte zur Hausen. Erreger, die das Krebsrisiko erhöhen, sind neben einigen Parasiten auch Bakterien wie Helicobacter pylori, vor allem aber Viren. Zur Hausen nannte beispielsweise das Epstein-Barr-Virus, das an der Entstehung von Hodgkin-Lymphomen und Magenkrebs beteiligt sein kann, humane Herpesviren, die Kaposi-Sarkome bei Immunsupprimierten auslösen können, sowie Hepatitis-B- und -C-Viren, die zu Leberkrebs führen können.

»Eigentlich war die Hepatitis-B-Impfung die erste Krebsimpfung«, sagte zur Hausen. Denn seit 1984 werden in Taiwan alle Kinder gegen das Hepatitis-B-Virus (HBV) geimpft, was zu einem signifikanten Rückgang der Leberkrebsinzidenz geführt hat. In einer 20-jährigen Follow-up-Studie erkrankten Menschen, die als Neugeborene gegen HBV geimpft worden waren, um 70 Prozent seltener an Leberkrebs als ungeimpfte Kontrollpersonen. Mittlerweile hätten viele andere Länder ebenfalls Impfprogramme gegen HBV gestartet.

 

In den westlichen Industrienationen spielt das Hepatitis-C-Virus (HCV) eine wichtigere Rolle als das HBV. In den USA und Europa sind etwa 2 Prozent der Bevölkerung mit HCV infiziert. Leberkrebs entsteht durchschnittlich 20 bis 40 Jahre nach der Infektion und damit schneller als nach HBV-Infektion. Die hohe Variabilität der Hepatitis-C-Viren macht die Entwicklung von Impfstoffen gegen den Erreger derzeit unmöglich. Mehr Hoffnung ruht daher auf den beiden neuen Substanzen zur chemotherapeutischen Behandlung Boceprevir und Telaprevir, die in den USA gerade die Zulassung erhalten haben.

 

Den größten Raum in zur Hausens Vortrag nahmen die humanen Papillomaviren (HPV) ein, um deren Erforschung er sich in besonderer Weise verdient gemacht hat. Bereits in den 1970er-Jahren hatte er die Hypothese aufgestellt, dass HPV an der Entstehung von Tumoren des Gebärmutterhalses (Cervix) beteiligt sind. 1985 konnten er und seine Mitarbeiter virale DNA nachweisen, die in Cervixkarzinomzellen integriert war und zu einer selektiven Transkription bestimmter Gene führte. Mittlerweile weiß man, dass nach der Integration der Virus-DNA mindestens drei spezifische Mutationen eintreten müssen, damit ein invasives Cervixkarzinom entsteht. »Das ist der Grund für die lange Latenzzeit, die zwischen 15 und 25 Jahren betragen kann«, erklärte zur Hausen.

 

Man kennt heute mehr als 160 verschiedene Typen der humanen Papillomaviren, von denen nur die wenigsten kanzerogen sind. An der Entstehung von Cervixkarzinomen, aber auch von Vulva-, Penis-, Vaginal- und Analkarzinomen sowie Karzinomen der Mundhöhle und der Mandeln sind die Hochrisikotypen HPV 16 und 18 beteiligt. Infektionen mit HPV 6 und 11 führen zu Genitalwarzen, die nicht bösartig, aber optisch sehr störend sind und den Patienten psychisch stark belasten können. Die beiden Impfstoffe, Cervarix® gegen HPV 16 und 18 sowie Gardasil® gegen HPV 6, 11, 16 und 18, sind zugelassen für Mädchen und junge Frauen zur Prävention von HPV-assoziierten Neoplasien. Da die Viren beim ungeschützten Geschlechtsverkehr übertragen werden, sollte die Impfung erfolgen, bevor die Mädchen sexuell aktiv werden.

 

»Mit den HPV-Impfstoffen werden Antikörpertiter erreicht, die etwa zehnmal höher sind als nach einer durchgemachten Infektion«, sagte zur Hausen. Aufgrund der bislang vorliegenden Daten sei davon auszugehen, dass die Antikörperspiegel mindestens 10 bis 15 Jahre lang ausreichend hoch sind, um vor einer Infektion zu schützen. »Da die Impfung erst seit acht bis neun Jahren verfügbar ist, konnten natürlich bis heute statistisch erfassbar noch keine Fälle von Cervixkarzinomen verhindert werden«, sagte der Referent mit Blick auf ein Argument von Kritikern der Impfung. In Australien, wo etwa 84 Prozent der Mädchen geimpft sind, sei aber schon ein Rückgang von genitalen Warzen und Krebsvorstufen zu beobachten.

 

In Deutschland ist etwa ein Drittel der Zielgruppe gegen HPV geimpft, in Österreich sind es sogar nur 5 Prozent. Die Gründe für diese unzureichenden Impfquoten sieht zur Hausen in einer »aufpeitschenden« Berichterstattung der Medien über angeblich durch die Impfung ausgelöste Todesfälle sowie ein Memorandum aus dem Dezember 2008, in dem 13 sogenannte Gesundheitsexperten die Impfung kritisch bewerteten, ihrer Einschätzung aber inhaltlich falsche Daten zugrunde legten. Eine Aufgabe von Apothekern besteht daher mit Sicherheit da­rin, das Image der HPV-Impfung durch sachliche Information der Eltern junger Mädchen zu verbessern.

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