Pharmazeutische Zeitung online
Ferdinand M. Gerlach

Die Sektorengrenze ist das Problem

31.05.2017  09:31 Uhr

Von Daniel Rücker und Manfred Schubert-Zsilavecz, Frankfurt am Main / Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen unterbreitet der Politik regelmäßig Vorschläge für Reformen. Sein Ziel ist es, Über-, Unter- und Fehl­versorgung zu erkennen und so Qualität und Effizienz des Gesundheitswesens zu verbessern. Der Frankfurter Allgemeinmediziner Professor Ferdinand M. Gerlach ist Vorsitzender des Gremiums.

PZ: Was sind die wichtigsten Aufgaben des Sachverständigenrats?

 

Gerlach: Das Gremium ist dafür zuständig, fortlaufend die Entwicklung im Gesundheitswesen zu begutachten. Zu unserem gesetzlich definierten Auftrag gehört, dass wir analysieren, in welchen Bereichen eine Unterversorgung droht und wo Über- oder Fehlversorgung erkennbar ist. Wir analysieren also den Ist-Zustand und machen auf dieser Basis Vorschläge zur Weiterentwicklung des Systems. Erste, aber keineswegs einzige Adressaten für unsere im zweijährigen Rhythmus an die Bundesregierung übergebenen Gutachten sind nach Gesetz Bundestag und Bundesrat.

 

Ganz wichtig ist mir dabei, dass die Mitglieder des Sachverständigenrats zwar vom Bundesgesundheitsminister berufen werden, sie aber in ihrer Arbeit vollkommen unabhängig sind.

 

PZ: Wie viele Mitglieder hat der Rat?

 

Gerlach: Der Rat besteht immer aus sieben Experten aus verschiedenen Disziplinen. Der Vorsitzende und sein Stellvertreter werden aus der Mitte der Mitglieder bestimmt.

 

PZ: Der gesetzliche Rahmen ist 30 Jahre alt und hat sich seitdem nicht maßgeblich verändert. Bedeutet das, dass Sie und die Bundesregierung mit dem Rahmen einverstanden sind?

 

Gerlach: Ja, der Rahmen ist weit gesteckt und absolut ausreichend. Das Parlament hat die Vorgaben für den Sachverständigenrat definiert. Damit kommen wir gut zurecht.

 

PZ: Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, welche Themen Sie an­gehen?

Gerlach: Wie schon gesagt, wir entscheiden in der Regel selbst, welche Entwicklungen wir uns genauer anschauen. Weil wir aber ungern am Bedarf vorbei arbeiten, berücksichtigen wir natürlich, welche aktuellen Themen für die Politik relevant sind. Gelegentlich erstellen wir sogenannte Sondergutachten, deren Gegenstand das Bundesministerium für Gesundheit näher bestimmen kann.

 

PZ: Was würden Sie am deutschen Gesundheitswesen als Erstes ändern, wenn Sie es könnten?

 

Gerlach: Unsere größte Herausforderung ist die Mauer zwischen der ambulanten und der stationären Versorgung. Daraus resultiert eine starke sektorale Trennung auf verschiedenen Ebenen, die die Behandlung von Patienten ganz erheblich verkompliziert, verteuert und zum Teil auch gefährlich macht. Diese Trennung ist eines der größten Probleme, die wir im deutschen Gesundheitswesen haben. Hier muss dringend etwas passieren.

 

PZ: Der Sachverständigenrat hatte die Sektorengrenze zwischen ambulanter und stationärer Versorgung bereits 2012 zum Thema eines Gutachtens gemacht. Geschehen ist seitdem wenig. Warum gelingt es nicht, diesen Knoten zu zerschlagen?

 

Gerlach: Das Problem ist die Sektorengrenze, die von mir erwähnte Mauer. Auf beiden Seiten der Mauer herrschen sehr unterschiedliche Lebensverhältnisse. Das beginnt bei der Honorierung. In den Kliniken gibt es Fallpauschalen, im ambulanten Bereich den einheitlichen Bewertungsmaßstab. Die Investitionen in den Kliniken sollen vom jeweiligen Bundesland getragen werden. Ärzte und Apotheker müssen sich als Kleinunternehmer aus den eigenen Erträgen selbst finanzieren. Die Bedarfsplanungen ambulant und stationär sind komplett verschieden.

 

Auch die Arzneimittelversorgung ist ganz unterschiedlich organisiert. Für Pflege und externe Qualitätssicherung gilt dasselbe. Wegen dieser und einer Reihe weiterer, sehr großer Unterschiede gibt es vor Ort kein Interesse und keine Anreize, die Sektorengrenze zu überwinden.

 

PZ: Halten Sie es dennoch für realistisch, diese Mauer zu zerstören?

 

Gerlach: Zerstören geht kurz- und mittelfristig sicher zu weit. Ich bin aber jetzt deutlich optimistischer, dass uns der eine oder andere Durchbruch gelingen könnte. Seit 2012 hat sich einiges verändert. Die Probleme sind heute noch größer als vor fünf Jahren. Das hat unter anderem mit der Notfallversorgung zu tun. Sie wird heute von Patienten viel zu häufig, oftmals ungezielt und nicht bedarfsgerecht in Anspruch genommen. Das gilt für Notaufnahmen der Kliniken, den vertragsärztlichen Bereitschaftsdienst und den Rettungsdienst. Diese drei Dienste laufen komplett voneinander getrennt.

 

Die häufigen Fehlinanspruchnahmen haben dafür gesorgt, dass sich – nicht zuletzt wegen der hohen Kosten – auch die Politik dafür interessiert. Den Beteiligten ist nun klar, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Ich bin daher vorsichtig optimistisch, dass nach der Bundestagswahl im nächsten Koalitionsvertrag dieses Problem angegangen wird.

 

PZ: Wo ist Deutschland besonders stark?

 

Gerlach: Wir haben einen sehr niedrigschwelligen Zugang zum Gesundheitswesen. Es gibt praktisch keine relevanten Wartelisten und eine noch sehr gute flächendeckende Versorgung. Wir haben viele Krankenhäuser, viele Fach- und Hausärzte. Das gibt es in vielen anderen Ländern so nicht. Positiv ist auch die Innovationskraft unseres Systems.

 

PZ: Bleibt das Niveau so hoch?

 

Gerlach: Leider nicht. Gerade in ländlichen Gebieten wird die Ärztedichte in den kommenden Jahren sinken und vermutlich auch die der Apotheker.

 

PZ: Der Sachverständigenrat fordert in einigen seiner Gutachten eine Deregulierung der Arzneimittelversorgung, zum Beispiel die Aufhebung des Fremd- und eine Lockerung des Mehrbesitzverbots. Was ist der Vorteil einer wettbewerblichen Arzneimittelversorgung?

Gerlach: Apotheker haben eine wichtige Rolle in der Gesundheitsversorgung. Wir würden es begrüßen, wenn sie stärker vorwärtsgewandt agieren würden. Wir haben den Eindruck, dass es zum Beispiel gut wäre, wenn Apotheker die Megatrends Digitalisierung, Globalisierung und auch die damit zwangsläufig verbundenen Wettbewerbsveränderungen proaktiv angehen. Es ist langfristig besser, selbst die Zukunft zu gestalten, als unliebsame Entwicklungen zu blockieren. Der Apotheker sollte sich als Teil eines interprofessionellen Teams verstehen. Versorgung findet letztlich lokal statt und ist eine Teamaufgabe. Arzt und Apotheker müssen aufeinander zugehen. Dazu muss es aber auch geeignete Rahmenbedingungen geben, die eine solche Zusammenarbeit erleichtern.

 

Denkbar wären Managed-Care-Modelle, in denen Ärzte, Apotheker und andere Gesundheitsberufe ein definiertes Budget dafür bekommen, dass sie die Gesundheitsversorgung in einer bestimmten Region mit zum Beispiel 100 000 oder 200 000 eingeschriebenen Versicherten übernehmen. Je besser die Gesundheitsberufe dann kooperieren, desto mehr profitieren alle Beteiligten.

 

Solche Konzepte werden zukünftig wichtiger. Mit der Digitalisierung haben auch große Konzerne wie Google, Amazon oder die Telekom mehr Interesse am Gesundheitsmarkt bekommen. Apotheker und Ärzte sollten dem aktiv begegnen, indem sie selbst Netzwerke aufbauen und gemeinsame Dienstleistungen anbieten, um den Kunden und Patienten die besten Angebote zu machen. Netzwerke sind die Zukunft der Medizin.

 

PZ: Warum werden solche Konzepte selten umgesetzt?

 

Gerlach: Weil die Rahmenbedingungen bislang nicht stimmen. Wir leben in unterschiedlichen Welten, mit unterschiedlichen Bedingungen und Spielregeln sowie unterschiedlichen, zum Teil zu restriktiven Regulierungen mit unterschiedlichen Anreizen. Unter diesen Bedingungen kann eine Kooperation gar nicht gelingen.

 

PZ: Digitalisierung ist der Mega­trend im Gesundheitswesen. Was hält der Sachverständigenrat davon?

 

Gerlach: Wir sehen Chancen und Risiken. Es lässt sich aber nicht immer erkennen, was unter welchen Rahmenbedingungen überwiegt. Das ist ganz normal. Der Sachverständigenrat wird sich mit dem Thema beschäftigen. Alle Akteure im System sollten sich im eigenen Interesse ebenfalls damit auseinandersetzen.

 

PZ: Wir stellen den Interviewten auch einige persönliche Fragen. Uns interessiert, wie halten Sie sich fit?

 

Gerlach: Wenn es die Zeit erlaubt, spiele ich Golf. Es macht mir Spaß und ist durchaus auch anstrengend.

 

PZ: Haben Sie Zeit für regelmäßigen Sport ?

 

Gerlach: Man kann sich auch fit halten, ohne täglich Sport zu treiben. Ich baue Bewegung in meinen Alltag ein, gehe täglich längere Wege zu Fuß und nehme wenn möglich die Treppe. Ich arbeite im Garten und bin in der Familie auch für kleinere und größere Reparaturen im Haus zuständig.

 

PZ: Ihre freie Zeit ist vermutlich knapp bemessen, was würden Sie dennoch unter keinen Umständen aufgeben?

 

Gerlach: Ich bin viel unterwegs, manchmal mehr als ich mir das wünsche. Deshalb verbringe ich so viel Zeit wie möglich mit meiner Frau. Das ist mir sehr wichtig. Wenn ich dann noch Zeit habe, dann drücke ich dem FC Schalke 04 die Daumen, was nicht selten gute Nerven und ein starkes Herz erfordert. /

Mehr von Avoxa